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«Es wird komplizierter»

Schweizer Banken und Pharma exponiert

Zu den Branchen in der Schweiz, die nach der Wahl von Barack Obama mehr Gegenwind zu befürchten haben, zählt prima vista der Bankensektor. Obama sei ein Befürworter der sogenannten Steuergerechtigkeit und habe als solcher die «Steueroasen» — im Fall der Schweiz: das Bankgeheimnis — als Zielscheibe, moniert das Liberale Institut in Zürich. In der Tat hat der künftige US-Präsident 2007 zusammen mit Senator Carl Levin eine Gesetzesvorlage namens «Stop Tax Haven Abuse Act» in den Senat eingebracht. Die Vorlage zielt auf Länder, «die auf unvernünftige Weise die US-Steuerbehörde behindern, sich die nötigen Informationen zu beschaffen». Das Liberale Institut geht davon aus, dass die USA unter Obama den Druck auf steuergünstige Länder wie die Schweiz erhöhen werden.

«Nicht besonders besorgt» zeigt sich Thomas Sutter, Sprecher der Schweizerischen Bankiervereinigung. Zwar werde Obama dem Thema Steuerflucht höchstwahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit widmen als seine Vorgänger. Doch die USA strebten erfahrungsgemäss immer eine pragmatische Lösung an. Das werde mit Präsident Obama nicht anders sein. «Die USA wollen das Bankgeheimnis nicht abschaffen», ist Sutter überzeugt. Auch dort werde die Privatsphäre als wichtig erachtet.

Gerold Bührer, Präsident von Economiesuisse, erwartet aber, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA komplizierter werden: «Wegen der neuen Zusammensetzung des Kongresses sind abschottende Tendenzen zu erwarten», befürchtet er. Der Präsident werde mit Blick auf die schwache Konjunktur populäre Massnahmen ergreifen. «Obama wird eine stärker interventionistische Politik betreiben. Das dürfte die Schweizer Pharmaund Finanzindustrie tangieren», sagt Bührer. Chancen sieht er für Technologieunternehmen, die auf Infrastruktur spezialisiert sind. Mittelfristig bestehe auf diesem Gebiet in den USA Handlungsbedarf. Wichtig ist gemäss Bührer die intensive Pflege der Beziehungen mit den Entscheidungsträgern der Administration Obamas, sobald sie bekannt sind.

Durch die Ankündigung, das Gesundheitswesen zu ändern, stellte sich Obama gegen die Pharmaindustrie. So soll die Marktstellung von Medicare, dem staatlichen Krankenversicherer für Rentner, gestärkt werden. «Der Staat subventioniert zwar die Medikamente von Medicare, darf aber zurzeit nicht selbstmit den Anbietern über die Preise verhandeln.Das könnte sich ändern», sagt Thomas Cueni von Interpharma. Obama setzt sich zudem für Parallelimporte und für eine Verbesserung derMarktbedingungen für Generikaproduzenten ein. Das alles spricht für sinkende Preise, vor allem für breit angewandteMedikamentewie Blutdruckund Cholesterinsenker. Cueni glaubt aber, Novartis und Roche könnten sich dem Preisdruck besser als die Konkurrenz entziehen, weil sie in den spezialisierten Bereichen Onkologie und Biotechnologie sehr engagiert seien. Zudem könnte ein wesentlicher Teil der heute nicht Versicherten eine Versicherungsdeckung erhalten, was den Absatz von Medikamenten fördern würde.

Finanz und Wirtschaft

8. November 2008