Liberales Institut im Dienst der Freiheit

Liberales Institut
Rennweg 42
8001 Zürich, Schweiz
Tel.: +41 (0)44 364 16 66
Fax: +41 (0)44 364 16 69

«...Freiheit ist besser»

Er ist einer der prominentesten Liberalen in der Schweiz. Robert Nef über die Folgen von Kontrollen und die verhängnisvolle Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit.

ff: In Südtirol gibt es immer mehr Kontrolle — in allen Lebensbereichen. Was sind die Folgen einer kontrollierten Gesellschaft?

Robert Nef: Kontrolle ist ein Teufelskreis: Wenn man mit Kontrollen beginnt, gibt es Ausweichmanöver, die nach schärferer Kontrolle rufen, auch die Kontrolleure müssen kontrolliert werden.

ff: Wie werden Menschen geformt, die in einem Kontrollsystem leben?

Nef: Ein Teil der Menschen resigniert, ein Teil sucht Ausweichstrategien — innerhalb oder außerhalb der Legalität. Das führt zu einer Eskalation: Wenn man diejenigen, die eine Gegenstrategie gegen die Kontrolle entwickelt haben, kontrollieren will, muss man die Zahl der Kontrolleure deutlich erhöhen.

ff: Was ist die Alternative?

Nef: Selbstverantwortung und soziale Nähe, informelle Netze des Vertrauens und des Misstrauens - die Kontrolle über den Missbrauch von Sozialleistungen funktioniert zum Beispiel am besten im örtlichen Bereich.

ff: Warum versuchen Gesellschaften immer mehr Kontrolle auszuüben — bis in das Privatleben hinein?

Nef: Der Bedarf nach Kontrolle ist eine fast schon zwangsläufige Folge eines zu stark vernetzten sozialen Systems. Wenn der eine für die Krankheit des Anderen bezahlt, will er auch dafür sorgen, dass der Andere sich nicht gesundheitsschädigend verhält.

ff: Dennoch, wieviel Kontrolle braucht eine Gesellschaft?

Nef: Ich trete im Zweifel für die Freiheit ein. Die Kontrolle gerät regelmäßig außer Kontrolle. Freiheit birgt ein gewisses Risiko, bei der Freiheit funktioniert nicht alles optimal, bei der Freiheit gibt es auch Missbrauch, aber dieser Missbrauch ist transparenter — bei der Kontrolle gibt es immer auch Bestechung. Ein System, das die Risiken transparenter und spürbarer macht, ist weniger verletzlich.

ff: Was tun aber in einer Gesellschaft, die durch Terroristen gefährdet ist?

Nef: Ein Staat oder auch die Europäische Union hat gute Gründe, an seinen Grenzen Kontrollen durchzuführen. Ich wehre mich gegen die permanente Kontrolle innerhalb eines Landes, aber einmal an einer Grenze kontrolliert zu werden, finde ich normal.

ff: Sind Sie bereit, sich am Flughafen kontrollieren zu lassen?

Nef: Jedesmal, wenn mir diese Kontrollen bevorstehen, habe ich körperlich ein ungutes Gefühl. Ich sage mir in diesem Punkt allerdings, wenn ich wählen könnte zwischen einer Fluggesellschaft, die alle ohne Kontrolle reinlässt, und einer Fluggesellschaft, die kontrolliert, würde ich im Zweifelsfall doch die zweite wählen.

ff: Also doch Sicherheit?

Nef: Will man den Preis, dass man selbst kontrolliert wird, aufwägen gegen den Nutzen, dass andere auch kontrolliert werden, oder will man das nicht? Das Fliegen ist eine außergewöhnliche Situation, die mit erhöhten Risiken verbunden ist. Deshalb ist es lästig, aber rational nachvollziehbar, dass man kontrolliert wird.

ff: Sie sagen, Kontrolle ist gut, Freiheit ist besser. In Italien geht man davon aus, dass Kontrolle besser ist.

Nef: Mir liegt dieses System von offizieller Kontrolle und inoffizieller Liberalität nicht. Es überlässt die Menschen dem Zufall. Es ist das genaue Gegenteil einer liberalen Gesellschaft, die sagt, die Beweislast trägt derjenige der verbietet, der andere kontrolliert.

ff: Moderne Gesellschaften tendieren wieder mehr zur Kontrolle. Warum?

Nef: In der Wahl zwischen Freiheit und Sicherheit hat eine Mehrheit der Menschen Präferenzen für Sicherheit. Das ist eine verhängnisvolle Option: Denn je mehr Freiheit sie für Sicherheit weggeben, desto mehr verlieren sie zuletzt beides.

ff: Freiheit statt Sicherheit?

Nef: Nein, Sicherheit durch Freiheit.

ff: Wo sollte man also Kontrolle abbauen?

Nef: Beispiel Steuern: Je mehr Kontrollen gegenüber dem Steuerzahler aufgebaut werden, desto mehr steigt die Bereitschaft, Ausweichmechanismen geografischer oder juristischer Art zu nutzen. Die Staaten mit den schärfsten Steuerkontrollen sind auch die Staaten mit der schlechtesten Steuermoral. Die Schweiz kontrolliert die Steuerzahl vergleichsweise wenig, aber die Steuermoral ist sehr hoch.

ff: Raucher sollen ungehemmt rauchen und Autofahrer rasen dürfen?

Nef: Kein Liberaler hat je gesagt, er dürfe Freiheit auf Kosten und zu Lasten anderer konsumieren.

Georg Mair, Südtiroler Wochenmagazin

14. Februar 2008