Managerversagen und Entlassungen

Robert Nef

Die Zusammenhänge zwischen Entlassungen, Sanierungen, Aktienkursen etc. werden in den Massenmedien in der Regel allzu grob vereinfacht, und nirgends wird so deutlich, dass eine Mehrheit die zugegebenermassen nicht immer einfachen wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht begriffen hat, bzw. nicht begreifen will. Auch bis weit in bürgerliche Kreise hinein beherrscht eine sozialistisch-planwirtschaftliche Vorstellung von Arbeit das Feld, die von einem «Recht auf Arbeit» und von einer Philosophie des «garantierten Arbeitsplatzes» ausgeht. In einem offenen Arbeitsmarkt beruht aber jedes Arbeitsverhältnis auf einem Vertrag, der beidseitig kündbar ist. Niemand kann in einer Marktwirtschaft einen garantierten Arbeitsplatz haben, dafür hat jedermann das Recht, unter Einhaltung der Kündigungsfrist einen andern Job zu wählen. Das schafft je nach dem Stand im Konjunkturzyklus Nutzen und Lasten, es ist aber keineswegs so, dass die Arbeitnehmer grundsätzlich eine schwächere Position hätten als die Arbeitgeber. Es werden übrigens — selbst bei schlechter Konjunkturlage — unvergleichlich mehr Arbeitsverträge von Arbeitnehmern gekündigt. Man nennt das ganz harmlos und friedlich «Stellenwechsel» - und wer hätte einen solchen nicht mindestens einmal im Leben vollzogen, und wer möchte wirklich auf den Segen einer selbstbestimmten Stellenwahl verzichten?

Keine Firma kann die Aufrechterhaltung der Zahl ihrer Belegschaft garantieren, weil es auch keine Garantie für einen kontinuierlichen wirtschaftlichen Erfolg gibt. Dass die Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts von Einnahmen und Ausgaben nicht immer leicht ist, und dass es keine «Schuldigen», gibt, wenn das nicht, bzw. nicht mehr funktioniert, erlebt man auch bei kleineren Firmen. Ich meine, dass die Probleme einer ABB, einer «Zürich», einer Rentenanstalt nicht einfach und ausschliesslich auf «Managementversagen» zurückgeführt werden dürfen. Man hat wohl — im Rückblick — Fehler gemacht. Man war zunächst vielleicht zu träge, zu konservativ, dann aber zu expansiv, zu optimistisch, zu börsengläubig, zu wenig vorsichtig, möglicherweise auch zu staatsgläubig bzw. zu staatsabhängig. Bei einem anderen Konjunkturverlauf hätte man aber den allzu Vorsichtigen den Strick gedreht und einen Mangel an Gespür für Chancen und Risiken, an unternehmerischer Phantasie, gerügt. Im Rückblick ist man immer klüger. Möglicherweise hätten auch die intelligentesten, die integersten, solidarischsten, sozialsten und fleissigsten Manager-Genies gewisse Probleme, die mit Konjunktur, Strukturwandel, Staatsversagen, Überregulierung, Fehl-Interventionismus, fiskalischer Ausbeutung usw. zu tun haben, nicht meistern können. Möglicherweise haben auch Firmen, denen es gut geht, einfach Glück gehabt. Wir sollten nicht auf den Leistungswahn und Managementwahn der Erfolgreichen und der Selbstdarsteller hereinfallen und gleichzeitig blindwütig auf die Erfolglosen eindreschen. Möglicherweise haben letztere — im Rückblick — «zu viel» verdient. Aber was heisst denn das? Wer verdient denn schon genau das, was er nach eigenen oder nach irgendwelchen sogenannt objektiven Massstäben eigentlich verdienen möchte oder sollte?

Zudem ist es in einer offenen Gesellschaft grundsätzlich niemandem verwehrt, sich selbst für eine solche Stelle zu qualifizieren und sich dem Wechselbad von Erfolg und Misserfolg zu stellen. Wirtschaftlicher Erfolg beruht auf Leistung und Konstellation (bzw. Glück), erstere wird meist überschätzt, letztere wird gern verdrängt, gerade auch von leistungsorientierten Liberalen. Entlassungen gehören zur Physiologie der Wirtschaft und nicht zur Pathologie. Unter dem Druck der Medien, welche vielfach nichts von ökonomischen Zusammenhängen verstehen und jede Entlassung als Versagen oder gar als Verbrechen deuten, war man in den letzten Jahren und Jahrzehnten in vielen Firmen im Bezug auf Entlassungen eher zu zurückhaltend. Dadurch hat man die Produktivität vieler Firmen über Gebühr strapaziert und einen für den Arbeitsmarkt unheilvollen Stau verursacht. Was als besonders «sozial» gemeint war, erweist sich im nachhinein — einmal mehr — als unsozial. Das Problem ist nicht, dass alte Firmen sterben, dass grosse Firmen schrumpfen und mit andern fusionieren müssen, das Problem ist, dass — wegen Überregulierung und Überbesteuerung und (direkt damit verknüpft!) mangelndem Unternehmergeist — zu wenig neue Firmen gegründet werden, bei welchen die Entlassenen neue und bessere Stellen finden.

2003

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