Liberales Institut im Dienst der Freiheit

Plädoyer für die monetäre Autonomie

Franken-Euro-Kursuntergrenze nicht für ewig.

Ist die Schweiz den globalen monetären Verwerfungen dermassen ausgeliefert, dass sie sich einem grossen Währungsraum anschliessen sollte, und ist die Franken-Euro-Wechselkurs-Untergrenze nicht der erste Schritt dazu? Nach Auffassung von Ernst Baltensperger von der Universität Bern ist es gerade umgekehrt. Die Krise der Euro-Zone belege, wie problematisch der Verzicht auf eine eigene Währung und eigene Geldpolitik sei.

Laut Baltensperger werden es die Mitglieder der Währungsunion noch bereuen, sich zusammengeschlossen zu haben. Der Geldtheoretiker ist zudem überzeugt, dass die zu grosse Heterogenität der Euro-Mitglieder letztlich zu Spannungen führt, an denen der Euro scheitern wird.

In einem Vortrag im Rahmen eines Symposiums des Liberalen Instituts stellte Baltensperger allerdings nicht in Abrede, dass die globale Finanzkrise und ihre Ausläufer für die monetäre Stabilität der Schweiz eine grosse Herausforderung bedeuten. Der immense Aufwertungsdruck, der auf dem Franken laste, stelle aber die Zukunft des Frankens als unabhängige Währung mitnichten infrage. Im Grundsatz sei eine starke Währung positiv; nie werde der Erfolg einer Währung an ihrer Schwäche gemessen. Das «Zuviel an Erfolg», unter dem die Schweiz gegenwärtig leide, führe allerdings zu grossen Übertreibungen beim Wechselkurs.

Die Einführung und Verteidigung der Wechselkursuntergrenze ab September 2011, von Baltensperger von Anfang an befürwortet, diene letztlich dazu, solchen temporären Übertreibungen entgegenzuwirken. Da die Kursuntergrenze jederzeit aufgehoben und angepasst werden könne und keiner internationalen Verpflichtung oder selbstauferlegten Beschränkung folge, sei die monetäre Autonomie erhalten geblieben. Sie reihe sich ein in die jahrzehntelangen Bemühungen der Schweiz, mit den gelegentlichen Turbulenzen, die das Leben mit freien Wechselkursen mit sich bringe, umzugehen.

Der Umgang mit Aufwertungsdruck sei das weit kleinere Übel als die Zerreissproben, denen Fixkurssysteme ausgesetzt seien. Baltensperger betonte mehrfach, dass die Kursuntergrenze lediglich als temporäre Massnahme tauge und dass sie früher oder später aufzuheben sei. Je näher der faire Wert des Frankens der Kursuntergrenze komme - was aufgrund der Inflationsdifferenz zum Euro-Raum der Fall ist -, desto weniger gerechtfertigt sei es, die Wechselkursuntergrenze aufrechtzuerhalten.

Martin Lanz, Neue Zürcher Zeitung

1. Juni 2013