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Solarimpulse — Wegweiser?

Simon Aegerter

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Solarimpulse 2 ist ein Wunderwerk der Technik. Aber den Weg in die solare Zukunft zeigt der Flieger nicht. Im Gegenteil: Er zeigt die Grenzen der Solarenergie.

Unter den staunenden Augen der weltweiten Öffentlichkeit ist Solarimpulse 2 zu seiner Weltumrundung unterwegs. Bertrand Piccard und seine Crew preisen das Unternehmen als zukunftsweisend. Es soll zeigen, dass die Möglichkeiten der Solarenergie grenzenlos sind. «The Future is clean!» heisst die Losung. Wie viel Kerosen man braucht und wie viel CO2 man produziert, um die gigantische Infrastruktur dem Solarflieger nachzufliegen, verschweigt man lieber. Solarimpulse ist technisch gesehen ein elektrisch angetriebener Motorsegler. Das ist ein Segelflugzeug mit einem Hilfsmotor, der einen selbständigen Start ohne Schleppflugzeug oder Seilwinde ermöglicht. Einen elektrischen Motorsegler kann man kaufen. Er kostet ein paar hundert Tausend Franken. Die Batterien erlauben ihm, soviel Höhe zu gewinnen, dass er die Aufwinde nutzen kann. Er fliegt dann solange und so weit wie Segelflieger eben fliegen, im Idealfall stundenlang. Die Batterien werden praktischerweise an der Steckdose aufgeladen, in der Schweiz mit nahezu CO2 freiem Wasser- und Atomstrom. Clean eben! Natürlich kann man die Batterien mit Solarstrom aufladen. Das dauert dann, je nach Wetter und Grösse der Solarpaneele, ein paar Tage. Wer keine Geduld hat, will den Segler im Flug nachladen. Auch das geht. Die Photozellen sind dann nicht auf dem Dach des Hangars, sondern auf den Flügeln. Allerdings gibt es jetzt ein Problem: Man kann nicht tagelang warten, bis die Batterien geladen sind. Und mehr als etwa 150 Watt pro Quadratmeter lassen sich nicht aus den Solarzellen herausholen. Es braucht also viele, viele Quadratmeter. Der Elektrosegler hat dann eine Spannweite von 72 Metern — mehr als ein Jumbo Jet — und kostet statt einige hundert Tausend über hundert Millionen Franken — und er heisst Solarimpulse 2. Als Nutzlast trägt er gerade mal einen Piloten und er fliegt nur bei idealen Wetterverhältnissen. Wenn sich diese nicht einstellen, bleibt der Flieger am Boden, so wie über einen Monat lang in Nanjing oder er geht zu Boden, wie in Nagoya. Damit demonstriert Solarimpulse 2 die Grenzen der Photovoltaik so drastisch wie es nur geht. Will man mehr Leistung, braucht man mehr Fläche. Daran führt kein Weg vorbei. Aber die Grösse der Flügelflächen ist aus prinzipiellen Gründen begrenzt: Ein noch grösseres Flugzeug wird zu schwer. Das heisst: Gewicht sparen, leichter bauen. Die Leichtbautechnik ist bei Solarimpulse ausgereizt. Ich habe das drastisch erlebt, als mir Bertrand Piccard erlaubte, den Simulator von Solarimpulse 1 zu fliegen und André Borschberg mir den Bau von Solarimpulse 2 zeigte. «Bitte nicht berühren!» sagte er, als ich ein Bauteil betasten wollte. «Wenn es nicht zerbricht, ist es zu schwer!» Filigraner geht es nicht mehr. Das heisst, einen besseren Solarflieger als Solarimpulse 2 kann es gar nicht geben. Einen zweiplätzigen Solarflieger, der die unmenschliche Tortur einer 120-stündigen quasi-Dauerpräsenz eines einzigen Piloten vermeiden könnte, kann man gar nicht bauen, sonst hätten Piccard & Co ihn gebaut; sie haben die Grenzen des Möglichen ausgereizt. Dafür muss man sie bewundern. Ihre Ingenieurleistung ist einzigartig. Aber sie reizen auch die menschliche Leistungsfähigkeit bis zu den äussersten Grenzen aus. Sie müssen es, weil die Solartechnik sie dazu zwingt. Ein zweiter Pilotensitz liegt einfach nicht drin. Sogar ein richtiges Fahrwerk ist zu schwer: Bei Start und Landung müssen die Flügelspitzen durch je einen Velofahrer gesichert werden, damit der Riesenflügel nicht kippt! Solarimpulse 2 ist die bestmögliche Spitzenleistung. Weiter geht es nicht. Sackgasse!

Es ist Spitzenleistung am falschen Ort. Fliegen ist energieintensiv. Ein Flugzeug braucht zwingend eine ständig verfügbare, zuverlässige und ergiebige Energiequelle — ausser man ist Segelflieger und fliegt zum Spass. Flugzeuge sind in dieser Hinsicht mit der produzierenden Industrie vergleichbar. Beide können nicht warten, bis sich die Wolken verzogen haben und der Solarstrom wieder fliesst. Der Weg in die Zukunft sieht anders aus. Ein Flugzeug, das vom Start in Abu Dhabi bis zur Landung in Nagoya gerade mal 6,7% der Zeit in der Luft war, und damit nicht einmal die Verfügbarkeit der Solarpaneele auf schweizerischen Hausdächern von 8,7% erreichte, weist den Weg nicht. Oder besser: Es weist den Weg in eine andere Richtung — weg von der unzuverlässigen Photovoltaik. Dafür darf man Piccard und Borschberg dankbar sein.

In Zusammenarbeit mit energiesuisse.net.

Juni 2015