Verletzlichkeit und Resistenz der Freiheit

Robert Nef

Der internationale Terrorismus hat mit hoher Präzision die Verletzlichkeit einer freien Gesellschaft ausgenützt und einen immensen Schaden angerichtet, dessen Folgen noch nicht abschätzbar sind.

1755 hat das Erdbeben von Lissabon die damaligen Menschen aus dem aufklärerischen Traum von der besten aller möglichen Welten herausgerissen, 1912 hat der Untergang der Titanic den Glauben an die technische Beherrschung der Naturgewalten erschüttert, und die Terroranschläge vom 11. September 2001 stellen das Vertrauen auf eine dauerhafte Gewährleistung von Sicherheit in einer hochtechnisierten Zivilgesellschaft radikal in Frage. Kann man angesichts solcher Katastrophen noch optimistisch sein und an einen Fortschritt in Freiheit glauben?

Vor einigen Jahren habe ich einmal den vermessenen Versuch unternommen, die Freiheit zu definieren und bin zu folgender paradoxen Formulierung gelangt, die eigentlich mehr ein Denkanstoss ist als eine logisch korrekte Umschreibung: Freiheit ist jene Idee, die immer gleichzeitig unendlich verletzlich und unendlich resistent ist. Freiheit bedeutet also aus dieser Sicht eine letztlich unauflösbare Kombination von Chancen und Risiken. Letztere sind uns im vergangenen Monat in brutalster Weise demonstriert worden. Der Glaube an die Freiheit fordert die Frage heraus, ob wir eher von einem optimistischen oder von einem pessimistischen Welt- und Menschenbild ausgehen sollen. Der internationale Terrorismus hat mit hoher Präzision die Verletzlichkeit einer freien Gesellschaft ausgenützt und einen immensen Schaden angerichtet, dessen Folgen noch nicht abschätzbar sind. Der materielle Schaden ist vermutlich reparierbarer als der psychologische Schaden des Vertrauenverlustes. Unter den Trümmern menschlichen Leids schwelen die Zukunftsängste, und weil Wirtschaft viel mit Psychologie zu tun hat, darf die sich abzeichnende Rückkehr zum courant normal (der immer voller offener und verdeckter Konflikte war), nicht überschätzt werden.

Ist nun die freie Welt bis ins Mark getroffen und bekommen jene Recht, welche schon immer behauptet haben, eine technisch hochkomplexe Welt sei nur durch umfassende technische und menschliche Kontrollsysteme und durch ein hochmobiles militärisches Interventionspotential (im Sinne einer Weltpolizei) vor der Selbstzerstörung und vor dem zunehmenden Missbrauch der Freiheit zu retten? Stehen wir vor der Wiedergeburt des zentralisierten Kontroll-, Macht- und Bevormundungsstaates? Es gibt keinen Grund, das Ausmass und die Tragweite der Katastrophe zu verniedlichen. Der Versuch, zwei Zentren einer Weltmacht (geplant waren wohl drei) zu treffen, ist prima vista — wenigstens teilweise - gelungen, die unendliche Verletzlichkeit ist bewiesen. Aber die andere Seite, die unendliche Resistenz der Freiheit, ist nicht zusammengebrochen. Es mehren sich die Anzeichen, dass diese Resistenz in einem dialektischen Prozess mittel- und langfristig sogar gestärkt wird. Dies hat mehrere Gründe.

Einmal ist der Glaube der totalitär und zentralistisch denkenden Terroristen aller Couleurs, man könne einen hochkomplexen Organismus wie den global vernetzten Kapitalismus umstürzen, indem man zwei Gebäude mit dem eher anmassenden Namen „World Trade Center“ zerstört, glücklicherweise unrealistisch. Es gibt kein solches Ding wie ein „World Trade Center“, das haben diese Terroranschläge klar gezeigt. Der Strom des Welthandels wurde nicht einmal für Minuten unterbrochen. Die Resistenz weltweiter offener Märkte beruht auf dem allzu oft unterschätzen Prinzip des Non-Zentralismus, hinter welchem möglicherweise das Geheimnis der Immunität der Freiheit verborgen ist. Man kann durch perfide Anschläge innert Minuten und Stunden Tausende von Menschen töten und wichtige Gebäude einstürzen lassen, ein Beziehungsnetz das auf einer sehr grossen Zahl von friedlichen Tauschbeziehungen und Verbindlichkeiten beruht, hat aber Substitutions- und Heilungspotenziale, welche hierarchisch aufgebaute Systeme nicht kennen. Solche Einsichten sind den hierarchisch geführten Terroristenzellen, die von einer Zentrale aus gesteuert werden, fremd, und das verleitet diese zum Glauben an die Möglichkeit eines finalen Dolchstosses gegen die ihnen verhasste Freiheit des Denkens, Glaubens und Handeltreibens.

Wie aber steht es mit den Einrichtungen der politischen Führung und der militärischen Führung, die tatsächlich auf Zentralen angewiesen sind? Dieses Problem ist den Sicherheitspolitikern und Strategen schon längst bekannt, und die Meinung, man könne die USA- Streitkräfte oder gar die Nato-Verteidigung lahmlegen indem man das Gebäude der Militärbürokratie in Brand steckt, ist glücklicherweise naiv. Auch die militärische Kommunikationstechnologie basiert nicht mehr auf Zentralen, welche bestimmte isolierte Punkte an der Peripherie erreichen, sondern auf polyvalenten Netzen, bei denen jeder Punkt für jeden andern Punkt gleichzeitig erreichbar ist, was die Verletzlichkeit drastisch reduziert und die Resistenz massiv erhöht. Die vielbeklagte Verletzlichkeit dieser Netze ist zwar immer noch eine Realität, aber die Technologie vielfältig überlappender und konkurrierender Netze ist in voller Entwicklung und gibt berechtigten Anlass zu Optimismus. Die Verstärkung der Immunität einer stark zentralisierten politischen Führung ist ein Traktandum, das gegenüber allen populären Rachegedanken Vorrang haben sollte. Die Freiheit bedarf robuster Verteidigungsstrukturen, welche die Rückkehr zur Normalität — unabhängig von den direkt involvierten Personen - so schnell und so vollständig wie möglich sicherstellen. Die Friedensidee und die Terrorismusprävention muss vor der Vergeltungsgerechtigkeit Vorrang haben, was nicht heisst, dass Verbrechen ungestraft bleiben sollen.

Das Prinzip robuster, überlappender vielfältiger Kommunikationsnetze gilt nicht nur im technischen sondern auch im psychologischen Bereich des Zusammenlebens und Tauschens. Friedlich konkurrierende Vielfalt schwächt nicht, sondern erhöht die Immunität gegen Gefährdungen aller Art. Markiert das Datum des 11. September einen weitern Einbruch in die Geschichte der Freiheitsidee und versetzt sie alle in Unrecht, welche ihren Glauben daran auf Optimismus stützten? Bleibt von der eingangs erwähnten Freiheitsdefinition nur noch die unendliche Verletzlichkeit?

Der Prozess der Globalisierung, der Prozess welcher weltweit vernetzte, auf dem friedlichen Tausch von Ideen, Gütern und Dienstleistungen beruht, ist in vollem Gange. Er verläuft nicht ohne jene schmerzlichen Rückschläge, welche mit der unendlichen Verletzlichkeit der Freiheit zu tun haben. Die Tatsache, dass Verletzungen in der Vergangenheit immer auch Heilkräfte freisetzten und letztlich die Resistenz gestärkt haben, verleiht auch in schwierigen Situationen die Kraft, trotz allem das Risiko der Freiheit auch weiterhin zu wagen.


Publiziert in Schweizer Monatshefte

September 2001

liberale-kultur category logo