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Wie misst man Armut?

Wie soll man in einem reichen Land wie der Schweiz Armut definieren? Eine neue Studie weist darauf hin, wie fragwürdig gängige Messmethoden sind. Für die Sozialhilfe sind vierköpfige Familien mit Einkommen von 5000 Franken im Monat arm.

Wann ist jemand arm? Dies ist eine der schwierigsten und wichtigsten Fragen, die eine Gesellschaft klären muss. In einem ausgebauten Sozialstaat wie der Schweiz entscheidet die Antwort darüber, ab wann die Gesellschaft ihren Mitgliedern solidarisch beisteht.

Die Schweiz kann es sich leisten, das soziale Existenzminimum vergleichsweise hoch anzusetzen. Familien mit zwei Kindern zum Beispiel garantiert die Sozialhilfe im Durchschnitt ein Einkommen von über 5000 Franken im Monat. Die Summe variiert je nach Einzelfall. So oder so ist das Geld steuerfrei, Arzt- oder Zahnarztkosten werden zusätzlich beglichen.

Hohe Garantien in der IV

Relativ hohe Armutsgrenzen verhindern einerseits akute Not und Obdachlosigkeit. Andererseits bergen sie das Risiko, dass sich Arbeit zum Teil nicht mehr lohnt. Dann nämlich, wenn jemand vom Sozialstaat mehr Geld erhält als er in einem potenziellen Job verdienen würde, vor allem dann, wenn man Steuern und Gesundheitskosten vom Lohn abzieht. Das gilt nicht nur in der Sozialhilfe, sondern gerade auch in der IV, wo das Einkommen, das mit den Ergänzungsleistungen garantiert wird, deutlich höher ist.

Solche Anreizprobleme und das Kostenwachstum erklären, weshalb die Armutsdefinition politisch heiss umkämpft ist, aktuell primär in der Sozialhilfe. Im Frühling haben die kantonalen Sozialdirektoren beschlossen, die Beiträge an Grossfamilien und junge Erwachsene zu senken (wir berichteten).

«Arm» trotz iPhone und TV?

In die Debatte um die richtige Definition von Armut schaltete sich gestern das Liberale Institut ein, indem es eine Studie des Ökonomen Kristian Niemietz veröffentlichte. Der Titel räumt schon alle Zweifel über die Stossrichtung des Beitrags aus: «Die Mär von der Armut.» Im Vorwort erhebt Institutsleiter Pierre Bessard happige Vorwürfe:

«Medien, Interessengruppen, Politiker und Beamte entdecken laufend immer mehr Armut.» Gleichzeitig verfügten «arme» Haushalte heute über iPhones, «überdimensionierte Flat-Screen-Fernseher» und Autos, weiss Bessard zu berichten. Er findet deshalb, die Debatte entferne sich von den realen Lebensverhältnissen der Bürger. Für Bessard ist die Lösung klar: weniger Umverteilung, mehr Markt, mehr Produktivität. Davon profitierten alle, auch die «Armen».

Schweiz ärmer als Ungarn

Die Studie zeigt auf, wie sich die Armutsmessung entwickelt hat. Alles begann Ende des 19.Jahrhunderts mit einem «Warenkorb», der alle Notwendigkeiten von Wohnen bis Essen enthielt. Wer diesen Korb nicht bezahlen konnte, galt als arm. Von dieser simplen, objektiven Methode hat sich die Statistik weit entfernt.

International verbreitet ist heute ein relativer Ansatz, der Armut vom Wohlstand des jeweiligen Landes abhängig macht: Wer weniger verdient als 50 respektive 60 Prozent des jeweiligen mittleren Einkommens, gilt als arm respektive armutsgefährdet. In der Schweiz sind demnach 14,5Prozent von Armut bedroht. Der Vergleich zeigt, wie fragwürdig diese Statistik ist: Die tiefsten Armutswerte weist Tschechien aus, aber auch in Ländern wie Slowenien oder Ungarn gäbe es weniger Armut als in der Schweiz, falls diese Statistik aussagekräftig wäre.

...oder doch nicht?

Die Studie illustriert die Unzulänglichkeit dieses Ansatzes noch mit einem anderen Beispiel: Für Griechenland weist die Statistik für die letzten Jahre nur eine ganz leichte Erhöhung der Armut aus, was angesichts der massiven Krise fast schon zynisch ist. Der Grund ist simpel: Die Statistik stützt sich auf das mittlere Einkommen ab; dieses sank während der Krise abrupt; somit stürzte auch die Armutsgrenze ab, mit der Folge, dass die Armut in der Statistik kaum anstieg, obwohl in der Realität fast alle ärmer sind als vorher.

Dasselbe Phänomen ist in anderen kriselnden Staaten wie Spanien, Portugal und Irland zu beobachten. Man kann es auch anders sagen: Wenn in einem Land die «reichsten» 10 Prozent wegziehen, nimmt das mittlere Einkommen ab und damit per Definition auch die Armut.

Ein zweiter, verbreiteter Ansatz der Armutsmessung basiert auf dem effektiven Lebensstandard: Die Leute werden nach «materiellen Entbehrungen» in diversen Bereichen ihrer Grundbedürfnisse gefragt. Hier fällt das Ergebnis glaubwürdiger aus: Am seltensten sind Entbehrungen in der Schweiz, in Schweden, Norwegen und Luxemburg, am häufigsten in Ungarn, Rumänien und Bulgarien.

Fabian Schäfer, Berner Zeitung

5. September 2015