Liberales Institut im Dienst der Freiheit

Wirtschaftsethik, Markt und Gerechtigkeit

Eindrücke aus der Konferenz des Liberalen Instituts vom 10. März zu einem kontroversen Thema.

Wirtschaftsethik ist in aller Munde. Sie wird aktuell diskutiert im Zusammenhang mit Managervergütungen, dem Bankgeheimnis, oder den Geschäftspraktiken gewisser Finanzinstitute. Das «Institut für Wirtschaftsethik» einer bekannten Ostschweizer Hochschule hatte dem Begriff jüngst einen prominenten Platz in der öffentlichen Debatte gesichert. Doch hinter dem populären Banner der Wirtschaftsethik finden sich inzwischen sehr einseitige, zum Teil auch widersprüchliche politische Forderungen. Drei versierte Kenner der Materie diskutierten anlässlich der LI-Konferenz vom 10. März über Sinn und Unsinn der Wirtschaftethik und der damit verbundenen Forderungen mit einem interessierten Publikum.

Detmar Doering, Leiter des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam, beleuchtete einführend das Thema vor dem Hintergrund empirischer Erkenntnisse. Doering stellte fest, dass Märkte eine unvermeidbare Begleiterscheinung menschlicher Gesellschaften seien. Selbst in kommunistischen Staaten pflegten sich die Menschen auf Schwarzmärkten auszutauschen. Eine Marktwirtschaft zeichne sich jedoch durch ihren Freiheitsgrad aus, also die Freiheit der Teilnehmer von willkürlichem Zwang oder der Bedrohung durch Gewalt. Studien wie der jährlich durch das Liberale Institut mit-herausgegebene Economic Freedom of the World Index zeigten dabei: je freier eine Marktwirtschaft, desto besser gehe es den Menschen.

Freie Marktwirtschaften beseitigten demnach nicht nur Übel wie Hunger und Armut, sie gingen auch mit sicheren politischen Rechten und individueller Teilhabe einher. Mehr noch: je freier eine Wirtschaft, desto seltener komme es zu Erscheinungen wie Korruption, Folter, Mord oder Krieg. Doering appellierte daher für eine konsequente «Moral der Ordnung», welche die Aufgabe des Staates auf den Schutz individueller Rechte beschränke und auf weitere, willkürliche Interventionen verzichte. Die Alternative bestünde in einer «Hordenethik», die allgemeine und gleiche individuelle Rechte durch das Wohlwollen der Herrscher ersetze. Die Empirie zeige, dass letzteres Modell in weiten Teilen der Welt immer noch dominiere.

Der zweite Referent, Hardy Bouillon, Professor für Philosophie an der Universität Trier, setzte sich im Anschluss kritisch mit den theoretischen Grundlagen der Wirtschaftsethik auseinander. Er stellte fest, dass die wissenschaftliche Diskussion der Wirtschaftsethik an einer mangelnden Definition der verwendeten Begriffe leide. So werde etwa häufig nicht verstanden, dass wirtschaftliches Handeln stets den Umgang mit knappen Gütern und deren Verteilung betreffe. Unter der Bedingung knapper Güter komme es jedoch immer wieder zu asymmetrischen Beziehungen, bei denen eine willkürliche Umverteilung zwar zu einem Statusgewinn für den Einen, jedoch unvermeidlich auch einen Verlust für den Anderen bedeuten müsse.

Ein Urteil über die «Gerechtigkeit» einer solchen Verteilung setze jedoch voraus, dass ein eindeutiger Bezugsrahmen, ein Referenzsystem gewählt würde, welches keineswegs unumstritten sein müsse. Je nach Referenzsystem müssten die Handlungen, aber auch die Intentionen und die Unterlassungen eines Akteurs unterschiedlich bewertet werden. Bouillon vertrat dabei die Ansicht, dass nur eine Ethik der Freiheit, welche die Gleichberechtigung der Teilnehmer und einen Verzicht auf Zwang und Gewalt voraussetzt, den Anspruch auf Widerspruchsfreiheit stellen kann. Eine solche Ethik stehe jedoch im Widerspruch zu der heute populären Vorstellung, durch politische Umverteilung liesse sich eine höhere gesellschaftliche «Gerechtigkeit» erreichen.

Die Perspektive der wirtschaftlichen und politischen Praxis brachte abschliessend Gerold Bührer, Präsident des Verbands der Schweizer Unternehmen economiesuisse und langjähriger Nationalrat, in die Debatte ein. Bührer stellte fest, dass insbesondere die jüngste Finanzkrise dazu geführt habe, dass die Ethik der Marktwirtschaft oder des Kapitalismus öffentlich in Frage gestellt würde. Vor allem die Gier der Manager oder Spekulanten würde dabei als moralisch fragwürdig thematisiert. Der Versuch, «gerechte» Ergebnisse zu erzwingen, führe so zu einem zunehmenden Staatsdirigismus, der immer weitere Branchen und Lebensbereiche dominiere.

Nötig sei daher, die Wirtschaftsfreiheit immer wieder von Neuem zu begründen und verteidigen. Die Aufgabe der Unternehmer sei dabei einerseits, im Wettbewerb zu bestehen, indem die besten Lösungen realisiert würden. Dies setze eine langfristige Perspektive voraus. Gleichzeitig müssten Unternehmer die kulturellen Besonderheiten ihrer unterschiedlichen Standorte respektieren, um Akzeptanz zu erzielen. Nicht zuletzt sollten sich nach Bührer Unternehmer aktiv in gesellschaftliche Debatten einbringen, um Verständnis für die Funktion und Bedürfnisse der Wirtschaft zu erreichen. Vor allem Führungskräfte würden dabei viel Aufmerksamkeit erzielen und hätten daher eine besondere Vorbildfunktion.

Die anschliessende Diskussion mit dem Publikum machte deutlich, dass freie Märkte auch im Westen eher zur Ausnahme, denn zur Regel gehören. Es sei daher oft schwierig, die resultierenden Verhältnisse auf die Ethik des Marktes oder jene der Politik zurückzuführen. Zahllose Branchen, wie etwa die Finanzdienstleistung, Gesundheit, Transport oder Landwirtschaft, zeichneten sich durch eine enge Verflechtung von Markt und Staat aus, was unweigerlich eine Privilegienwirtschaft und Korruption zur Folge habe. Nur wenn jedoch Wirtschaftsakteure - und hier insbesondere die Unternehmenseigner - tatsächlich Verantwortung für ihr Tun trügen, könne ihr Verhalten auch moralisch bewertet werden. Wirtschaftsethik setze daher auch ganz praktisch die Freiheit von staatlichem Zwang und Bevormundung voraus.

March 11, 2011