Wenn Sie mit jemandem aus dem rechten Lager nicht einer Meinung sind, hält er Sie für naiv und kindisch. Wenn Sie mit jemandem aus dem linken Lager nicht übereinstimmen, hält er Sie für böse und ungebildet.
Alleine mit dieser Diagnose bringt es Thomas Sowell auf den Punkt. Der US-Ökonom, einst Marxist, analysierte schon 1995 in «The Vision of the Anointed» die Denkmuster einer selbsternannten Elite – der «Gesalbten». Unter seinen über 40 Büchern stechen neben «Basic Economics» besonders seine politischen Werke hervor, weshalb er unter jungen Konservativen wiederentdeckt wurde.
Zwei Visionen – die eine will die andere retten
Sowell unterscheidet zwischen zwei Weltanschauungen: der tragischen und der utopischen. Diese entsprechen einem Instinkt, einer angeborenen Voreingenommenheit, die einem seine Werte und politische Haltung definiert.
Die tragische Argumentation geht von der Tragik der menschlichen Existenz aus. Im Sinne der alten Griechen ist es ein Schicksal, das inhärent mit der Natur der Dinge und des Menschen einhergeht. Politik dient somit nicht der Selbstverwirklichung, sondern der Bewältigung von Konflikten.
Die utopische Vision glaubt an die Fähigkeit der Vervollkommnung der Menschheit durch kluge Planung und weitreichende Reformen, basierend auf Jean-Jacques Rousseaus Prämisse: «Der Mensch ist von Natur aus gut» und «Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten». Nur die gegenwärtigen Institutionen sind falsch und müssen ersetzt werden, denn es ist nur eine Frage der Absicht! Das Werkzeug dazu ist die Politik.
Die Vertreter der tragischen Sicht zweifeln daran, ob wenige – sie selbst eingeschlossen – genug wissen, um Experimente zu steuern. So musste auch Isaac Newton erkennen: «Wenn ich weitergesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.» Unsere Werte sind herauskristallisierte Weisheiten aus dem Laboratorium der Geschichte. Konservative erbauen Institutionen um die Realität herum, streben nach schrittweisen Verbesserungen, wie der Schriftsteller und Philosoph Edmund Burke bestätigt: «Wir können die Natur der Dinge und der Menschen nicht ändern … sondern müssen auf diesen aufbauen.» Dies resultiert nicht in schnellem Fortschritt. Aber der Erfolg etwa der Schweiz, die diese Vision institutionalisiert hat, spricht für sich.
Die Kraft der Utopie
Ein Beispiel dafür, dass gute Absichten an der Realität scheitern, liefert die Energiepolitik. Sowell warnte bereits früh: «Was gefährlich ist, sind Wille und Macht ohne Wissen – und für viele expansive Zwecke ist das Wissen inhärent unzureichend.» Man wies auf Engpässe hin, doch keiner konnte vorhersagen, dass in Spanien das Netz kollabiert. Wie denn auch? Instinktiv wusste man, dass das System wie so vieles im Leben zu komplex ist. Der Finanzmarkt, der aggregiertes Wissen unzähliger Akteure vereint, meidet Windräder ohne Subventionen aus gutem Grund.
Die Ausflucht der Weltverbesserer läuft nach Sowell stets gleich. Ohne Eingriffe wäre es noch schlimmer gekommen. Fehlresultate gelten als Beweis, dass noch mehr Einsatz (Steuergeld) nötig ist. Falls dies nicht reicht, soll der Energiekonsum gedrosselt werden. Aber nie der ursprüngliche Eifer der Selbsternannten.
Für viele im bürgerlichen Milieu gehört es sich nicht, über Politik zu streiten. So gehen fast nur Linke demonstrieren. Bürgerliche konzentrieren sich stattdessen auf ihr eigenes, nahes Umfeld, das sie beeinflussen können. Politik ist ein notwendiges Übel, weshalb die mentale Energie nur für das Ausfüllen der Wahlunterlagen verschwendet wird. Dieses Milieu lässt sich nach Feierabend nicht mobilisieren. Man wählt, man arbeitet und man schimpft leise. Sowell beschreibt die Asymmetrie treffend.
Es ist emotional befriedigender, für etwas «Gutes» zu sein. Welcher Trade-off folgt, ist nebensächlich. Die Frage nach der Absicht verschluckt die Frage nach der Realität. Als «böser» Rechter, der all das, was vermeintlich gut klingt, nicht will, weil man mit der Methodik uneinig ist, ist es schwierig, in der links geprägten Medienlandschaft mit ihren Kampfbegriffen wie etwa «Die Rechten sind gegen Menschenrechte» dem Publikum eine differenzierte Argumentation herüberzubringen.
Staatliche Rettungen von systemrelevanten Banken wie der Credit Suisse sind seltene, aber präsente Events, die man vermarkten kann. Die freie Marktwirtschaft hat keine PR-Maschinerie, und so wird vergessen, dass die unsichtbare Hand jeden Tag anonym, bescheiden, über die Jahrzehnte mehr Wohlstand akkumuliert, als eine Krise an einem Wochenende vernichten kann.
Das «Gute» mobilisiert einfacher. Eine Message im Juso-Chat reicht, und der UBS-Eingang ist versperrt. Für sie ist Politik ihre Identität. Wahlkampf ist jeden Tag, jede Woche und jedes Jahr. Wie Margaret Thatcher sagte: «Die linken Politiker sind immer fanatisch. Sie lassen nie los. Es ist ihre Religion. Sie machen immer weiter und weiter.» Am extremen Ende geht es in die Revolution über.
Schon die Beatles warnten die 68er-Bewegung in ihrem Lied «Revolution»: «But when you talk about destruction […] don’t you know that you can count me out!» Doch für die Gutmenschen ist klar: Die Dekonstruktion bestehender Strukturen ist notwendig für eine progressive Zukunft! Schon gemerkt, dass Aktivisten nur klassische Kunst mit Tomatensuppe bewerfen und nie postmoderne Installationen? Klassische Kunst repräsentiert die tragische Vision, die zeitlose Schönheit und Ordnung in einer unvollkommenen Welt sucht. Gegensätzlich bei EU-Bauten: Postmoderne Glasmonster im Stil ihrer Visionäre sind geschichtslos. Da Europas Historie blutig ist, wird sie mittels Tabula-rasa-Methodik getilgt, um ein reines Gewissen zu erzwingen.
Auch in der Schweiz hofft man, alte Tugenden abzustreifen. Der neue Nationalfeiertag ist der 12. September, der Tag des Inkrafttretens der Bundesverfassung. Bundesrat Beat Jans verkündet sogar: «Das EU-Vertragspaket ist wie der Rütli-Schwur.» Was davor liegt, gilt als alt und störend. Bei dieser utopischen Gewissheit leidet schlussendlich die Meinungsfreiheit.
Die Tragiker wissen: Menschen verfolgen ihren Eigennutz und niemand besitzt die ultimative Weisheit. Man lässt sie machen und baut Strukturen, die Grenzen setzen. Der Utopist sagt: Es gibt Gut und Böse. Die eigene Absicht ist ja moralisch rein, somit ist die Gegenseite logischerweise «böse». Wer zum Beispiel gegen supranationale Organisationen mit guten Absichten und wohlklingenden Namen (aber ohne Resultate) ist, kann nur böse sein. Ein «naiver» Realismus – nur mit Missionseifer. Der Trumpismus mit Truth Social als absolute Wahrheitsinstanz ist diesbezüglich nicht besser. Wie sehr ich mir Reagan und Thatcher zurückwünsche!
Die moralische Mission der EU
Die Konservativen sehen Gesetze als ein notwendiges Übel an – ein tragisches Eingeständnis unserer Unvollkommenheit. Ihr Weg ist das Milizsystem, das durch zeitliche Limitierung politischen Aktivismus vermindert und stattdessen eine Priorisierung auf relevante Kernanliegen fördert. Und der Föderalismus, der Probleme direkt an der Quelle angeht und die Entscheider vor Ort durch «Skin in the Game» bändigt.
In der utopischen Vision müssen die Gutmütigen, die sich für «berufen» halten, die Geschicke einer Gesellschaft steuern, wie es schon John Stuart Mill artikulierte: «[Keine] Demokratie vermochte jemals […] sich über die Mittelmässigkeit zu erheben, ausser insofern, als die souveräne Menge sich […] durch den Rat […] eines höher begabten […] Einzelnen oder Weniger leiten liess.» Somit ist es legitim, Sondersessionen abzuhalten, denn je mehr sich die Berufenen beraten, desto besser für die Gesellschaft. Wo Berufspolitik zur moralischen Mission wird, steht Brüssel bereit.
Was als gutes Friedensprojekt begann, mutiert in ein institutionalisiertes Ideal: grenzenlos im Anspruch, in Kontrolle und Selbstgewissheit. So auch die Hymne: «Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.» Mit Flügel ist wohl die EU gemeint. Ausbleibende Resultate sind nie Konstruktionsprobleme, sondern Anlass zur Glaubensvertiefung. Funktioniert etwas nicht, braucht es mehr Europa! Ein perfektes System, dem einzig die Realität ständig in die Quere kommt.
Diese Gratwanderung zwischen utopischer und tragischer Vision begleitet die Menschheit, seit sie sich organisiert. Gegenwärtig schwenkt das Pendel auf die tragische Seite um, wie es schon immer in unruhigen Zeiten geschehen ist. Die Wähler tun heute nur eines: instinktiv zurückgreifen auf das, was funktioniert – so banal.
Es gab hervorragende sozialdemokratische Politiker – wie man sie gegenwärtig nur in Skandinavien findet – wie Willy Brandt und Helmut Schmidt, welche die menschliche Unvollkommenheit anerkannten, Eingriffe vorsichtig dosierten und zur sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards standen.
Klar ist: Es braucht optimistische Visionen. Niemand will eine Welt voller zynischer Nein-Sager. Doch wie Sowell erkennt, ist für die «Gesalbten» ihre Vision ein Axiom, keine Hypothese, die man widerlegen kann.
Die Beweislast muss umgekehrt sein: Nicht die Kritiker müssen belegen, dass eine Massnahme scheitert, sondern die Urheber müssen nachweisen, dass die versprochene Wirkung tatsächlich eingetreten ist. Man könnte Subventionen mit sogenannten Sunset-Klauseln versehen: Das heisst, nach Ablauf wird geprüft, ob die versprochene Wirkung eingetreten ist. Wenn nicht, fällt die Subvention weg.
Die «Gesalbten» wollen die Welt retten. Wir Tragiker wollen, dass sie funktioniert. Sowells Unterscheidung ist heute aktueller denn je.
Dieser Beitrag ist zuerst im Schweizer Monat erschienen.



