«Der Konflikt zwischen der Marktordnung und dem Sozialismus ist nichts Geringeres als eine Frage des Überlebens.» Als Friedrich August von Hayek diese Behauptung in seinem letzten Buch aufstellte, war der fatalistische Ton seiner Worte kein Zufall. Da sich Ökonomen grösstenteils mit abstrakten Fragen befassen, neigen sie oft dazu zu vergessen, dass ihre Ideen einen tiefgreifenden Einfluss auf die gesamte Gesellschaft ausüben. Und noch seltener wird diese Tatsache von der Öffentlichkeit anerkannt. Es ist daher unsere Aufgabe, uns daran zu erinnern, dass kaum etwas anderes den Lauf der Welt so massgeblich beeinflusst wie die von Ökonomen behandelten Probleme. Das wichtigste und folgenreichste unter ihnen ist in der Tat die Frage nach der Wahl der Gesellschaftsordnung.
Die Einführung der Marktordnung hat einerseits beispiellosen Wohlstand hervorgebracht, dessen Errungenschaften für frühere Generationen unvorstellbar waren. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die Anerkennung und Unterstützung der Institutionen des Privateigentums, des freiwilligen Austauschs und der Arbeitsteilung, die schliesslich zur Abschaffung der Leibeigenschaft und zur Ablösung der willkürlichen Macht der Oberen durch die Rechtsstaatlichkeit führten, mehr Leben gerettet haben als Sir Alexander Flemings Entdeckung des Penicillins. Eine lächerliche Behauptung? Nun, sie mag nur deshalb so erscheinen, weil die Entdeckung der Antibiotika greifbare Vorteile hatte, während die Auswirkungen einer spontanen Ordnung abstrakt sind und durch bewusste intellektuelle Anstrengung deduktiv nachvollzogen werden müssen. Die Abstraktheit wirtschaftlicher Phänomene schmälert jedoch keineswegs ihre Bedeutung. Im Gegenteil: Sie macht ihr fundiertes Verständnis umso entscheidender.
Andererseits bietet die Geschichte unzählige Beispiele für grenzenloses menschliches Elend, das durch die Anwendung verfehlter wirtschaftlicher Hypothesen verursacht wurde. Ökonomen können Fehler von solch grossem Ausmass begehen, dass die negativen Auswirkungen ihrer fehlerhaften Schlussfolgerungen noch mehrere Generationen später zu spüren sind. Wir müssen nicht allzu tief in die Geschichte eintauchen, um diese Aussage zu untermauern. Die Sozialingenieure und Konstruktivisten der «besseren Welten», die eifrig den Gedanken von Comte, de Saint-Simon, Marx, Lenin oder Schmitt folgten, haben ein System geschaffen, das bewusst den Mord an Millionen anordnete. In diesem Sinne hatte Ludwig von Mises vollkommen Recht, als er behauptete, «gefährlicher als Bajonette und Kanonen sind die Waffen des Geistes.»
Das Wesen des Konflikts
Vergessen wir nicht, dass es bei unserem Thema im Wesentlichen um einen Konflikt zwischen zwei Arten von Ordnung geht. Die eine ist ein System, in dem Menschen ihre eigenen Wünsche verfolgen und in ihren Handlungen, die auf deren Erfüllung abzielen, an allgemeine Regeln gebunden sind – ein System, das sich spontan entwickelt hat, ohne dass jemand die Bestrebungen des Einzelnen gelenkt hätte, und dennoch ein System harmonischer Koordination.
Das andere ist eine aufgezwungene Ordnung, in der Individuen gezwungen sind, Zielen zu dienen, die sie nicht selbst gewählt haben, sondern die – sozusagen – von einer Autorität für sie ausgewählt wurden, die sich das Recht anmasst, das Schicksal der Menschen zu bestimmen, in der Überzeugung, dass sie auf diese Weise einen zufriedenstellenderen Zustand herbeiführen wird. Es ist eine Ordnung, die den Individuen bewusst Rollen zuweist, in der Hoffnung, dass die Gesellschaft nur auf diese Weise einen Sinn für Organisation erlangen kann, da sie andernfalls dazu verdammt wäre, im Chaos zu versinken.
Ersteres ist eine Ordnung, die auf den Prinzipien des Privateigentums, der persönlichen Verantwortung mit all ihren Implikationen, des für beide Seiten vorteilhaften freiwilligen Austauschs, der friedlichen Zusammenarbeit, des Unternehmertums und – um es mit den Worten von Wilhelm von Humboldt zu sagen – «der menschlichen Entfaltung in ihrer reichsten Vielfalt» beruht. Letzteres hingegen stützt sich auf die Vorstellungen von willkürlicher Gewaltanwendung, Zwang, Machtzentralisierung, blindem Gehorsam gegenüber Vorschriften und einer künstlich auferlegten Hierarchie, die vorgibt, wahre Gleichheit zu sein. Hier – wie Trotzki selbst es kühn formulierte – «bedeutet Widerstand den Tod durch langsames Verhungern.»
An dieser Stelle wird deutlich, dass der Kontrast zwischen den beiden Ordnungsformen kaum grösser sein könnte. Tatsächlich unterscheiden sich die beiden nicht nur voneinander, sondern stellen das genaue Gegenteil dar und beruhen auf Prinzipien, die nicht nur unterschiedlich, sondern von Natur aus unvereinbar sind. Hayek hat diesen Konflikt besonders deutlich zum Ausdruck gebracht: «Wir stehen vor einer unausweichlichen Wahl zwischen zwei unvereinbaren Prinzipien, und wie weit wir auch immer davon entfernt sein mögen, eines davon vollständig zu verwirklichen, kann es keinen stabilen Kompromiss geben. Welches Prinzip wir auch immer zur Grundlage unseres Handelns machen, es wird uns vorantreiben, zweifellos immer zu etwas Unvollkommenem, das aber immer mehr einem der beiden Extreme ähnelt.»
Die angeblichen Marktversagen
Ein oberflächlicher Betrachter könnte den Eindruck gewinnen, unser Buch lobe das System des freien Marktes als eine perfekte, makellose Organisationsform, in der auf magische Weise alles reibungslos und synchron funktioniert. Dies ist jedoch bei weitem nicht der Fall. Anstatt das System des freien Marktes zu idealisieren, war es das Ziel dieser Publikation, sowohl Marktversagen als auch staatliches Versagen kritisch zu bewerten. Es ist bezeichnend, dass jeder Wirtschaftsstudent – sozusagen unbewusst – alle Marktversagen aufzählen kann, die üblicherweise in Lehrbüchern dargestellt werden, aber Mühe hätte, auch nur ein einziges staatliches Versagen zu benennen oder gar eine solche Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Diese Doppelmoral ist ungerechtfertigt.
Noch auffälliger ist jedoch die heutige Praxis, Studenten in wirtschaftswissenschaftlichen Kursen über Marktversagen zu unterrichten, bevor sie etwas über das Wesen der Marktordnung, ihre Mechanismen und ihre Bedeutung lernen. Ein Vergleich mag hier hilfreich sein, um die schiere Absurdität zu veranschaulichen: Es ist, als sollten Medizinstudenten alle pathologischen Zustände des menschlichen Körpers lernen, bevor sie ein fundiertes Verständnis dafür erwerben, wie ein gesunder Körper funktionieren sollte. Tatsächlich wäre ein Arzt mit einer solchen Ausbildung geneigt, selbst viele harmlose Befunde als Defekte zu diagnostizieren. Auf dieser fehlerhaften Grundlage könnte eine riskante Behandlung empfohlen werden, die gefährlicher wäre als die angebliche Krankheit selbst. Genau deshalb sind fehlerhafte Diagnosen von Marktversagen potenziell so gefährlich.
Die spontane Ordnung einer freien Gesellschaft, für die sich unser Buch einsetzt, ist weit davon entfernt, ein ideales System zu sein. In unserer Welt ist das Ideal gleichbedeutend mit Utopie und daher unerreichbar. Unsere Untersuchung richtet sich hingegen auf das, was erreichbar ist. Es wäre zweifelhaft zu leugnen, dass ein System der freien Marktwirtschaft Ergebnisse hervorbringt, mit denen viele Menschen unzufrieden sein mögen. Es wäre jedoch nicht weniger töricht, in solchen Fällen sofort staatliche Eingriffe zu fordern, ohne deren Gesamtfolgen sorgfältig zu prüfen. Man kann sagen, dass sich Ökonomen allzu oft auf vereinfachte theoretische Modelle konzentrieren, in denen das System der freien Marktwirtschaft tatsächlich unvollkommen erscheint. Sie begehen jedoch einen fatalen Fehler, wenn sie ohne jegliche Belege davon ausgehen, dass der Staat in der Lage ist, diese sogenannten Marktversagen zu beheben, und dass er dafür triftige Anreize hat. Eine solche Überzeugung ist schlichtweg naiv. Wie kann man ein System wegen seiner Unvollkommenheiten kritisieren, mit der Begründung, dass diese mit Hilfe eines anderen Systems beseitigt werden sollten, bei dem Makellosigkeit ohne vorherige Überlegung, fast schon axiomatisch, vorausgesetzt wird, als ob es so wäre?
Paul Samuelson hatte vollkommen Recht, als er feststellte, dass «die Unvollkommenheiten einer Ordnung gegen die Unvollkommenheiten einer anderen abgewogen werden müssen.» Doch Samuelson selbst ist der Inbegriff der Widerlegung seiner eigenen Worte. In seinem Lehrbuch, wie auch in vielen anderen, werden Marktversagen als inhärente Mängel dargestellt, die der Staat nicht nur angehen kann, sondern sogar angehen darf. Dabei wird der Frage, ob die vom Staat vorgeschlagenen angeblichen Lösungen in Wirklichkeit andere, schwerwiegendere Probleme mit sich bringen könnten, keinerlei Beachtung geschenkt. Eine solche Möglichkeit wird gewissermassen ausgeschlossen. Noch weniger wird darüber nachgedacht, ob Politiker wirklich motiviert genug sind, diese Probleme auf die richtige Art und Weise anzugehen.
Die Mängel und Fallstricke staatlicher Eingriffe – selbst wenn sie in guter Absicht erfolgen – dürfen nicht einfach ignoriert werden. Staatliche Versagen sind keineswegs nicht vorhanden, sondern mindestens ebenso relevant wie Marktversagen und müssen ernst genommen werden. Denn es wäre eine Tragödie, wenn das, was uns als Lösung versprochen wird, tatsächlich schädlicher wäre als das Problem, das damit behoben werden soll. In der Praxis ist dies jedoch oft der Fall!
Es ist kein Zufall, dass einer der Grundsätze, der am engsten mit der hippokratischen Ethik verbunden ist, die lateinische Maxime primum non nocere ist: Zuallererst: füge keinen Schaden zu. Dies sollte auch als Leitlinie für die Wirtschaftspolitik dienen: Bevor wir uns voreilig daran machen, mögliche Marktversagen zu beheben, sollten wir uns der staatlichen Versagen bewusst sein, die diese durchaus überwiegen könnten.
Kurz gesagt: Das Ziel dieses Buches war es, aufzuzeigen, dass selbst in Fällen, in denen die Mainstream-Ökonomie dazu neigt, das System des freien Marktes als zum Scheitern verurteilt anzusehen, dessen Ergebnisse letztlich doch nicht so unbefriedigend sein müssen. Darüber hinaus betonen wir, dass selbst dort, wo die positiven Auswirkungen staatlicher Lösungen für Marktversagen ihre Kosten zu überwiegen scheinen, daraus nicht folgt, dass der Staat ein Monopol in dem betreffenden Bereich erwerben sollte. Ein staatliches Monopol bedeutet die Ausschaltung des Wettbewerbs, der nach wie vor die wichtigste Triebkraft für Innovation ist. Ohne das Element des Wettbewerbs schwindet der Druck, die Bemühungen um weitere Verbesserungen fortzusetzen.
Schlussbemerkungen
Lassen Sie mich nun kurz auf eine eher praktische Diskussion der Auswirkungen der bisher dargelegten Punkte auf die Zukunft eingehen. Und ich kann diesen Teil nicht besser einleiten als mit den klugen Worten von Karl Popper: «Optimismus ist eine Pflicht. Die Zukunft ist offen. Sie ist nicht vorbestimmt. Niemand kann sie vorhersagen, ausser durch Zufall. Wir alle tragen durch unser Handeln dazu bei, sie zu gestalten. Wir sind alle gleichermassen für ihren Erfolg verantwortlich.»
Es ist naiv, sich die Geschichte als eine Abfolge unvermeidbarer Ereignisse vorzustellen, deren Eintreten durch das Wirken übergeordneter Kräfte vorbestimmt war. In der Geschichte des menschlichen Handelns gibt es so etwas wie ein unausweichliches Schicksal nicht. Wir, die einzelnen Menschen, besitzen die Macht, den Verlauf zukünftiger Ereignisse zu ändern. Jeder von uns kann diese Macht durch sein Handeln ausüben, sowohl bei alltäglichen praktischen Entscheidungen als auch bei intellektuellen Bestrebungen. Tatsächlich ist Letzteres – also der Bereich unserer Ideen – von grösserer Bedeutung. Denn die Leitideen sind es, die durch ihren Einfluss auf die vorherrschenden Überzeugungen die Zukunft wirklich bestimmen. Sobald eine Idee zur Mehrheitsmeinung wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch über die Politik ihren Weg in die Praxis findet.
Leider wurde der Bereich der Ideen in den letzten Jahrzehnten von kollektivistischen Vorstellungen dominiert, seien sie nun sozialistischer oder nationalistischer Natur. Es ist nur logisch, dass sich die Politik in genau dieselbe Richtung verschoben hat, die zu Recht als freiheitsfeindlich bezeichnet werden kann. Schliesslich spiegelt die Politik – zumindest in repräsentativen Demokratien – die mittlere Meinung wider und kann die Grenzen, die durch die Ansichten der Mehrheit gesetzt sind, nicht überschreiten. Doch so frustrierend diese Tatsache derzeit auch erscheinen mag, sollte sie uns doch auch mit einer gewissen Hoffnung erfüllen.
Und hier kommt mein Appell an Sie, geschätzte Damen und Herren. Gemeinsam tragen Sie die Zukunft unserer Zivilisation in den Händen. Wir sind nicht dazu verdammt, den Weg in die Knechtschaft weiterzugehen, auf dem wir ungewollt bisher vorangeschritten sind. Aber von diesem Weg abzuweichen, erfordert beträchtlichen Mut und eine heldenhafte Anstrengung. Um unsere Zivilisation selbst zu bewahren, muss die Idee einer freien Marktwirtschaft in Verbindung mit einem streng begrenzten staatlichen Handlungsspielraum für die breite Masse wieder attraktiv werden und sich schliesslich in grösserem Massstab durchsetzen.
Olivier Kesslers und mein Buch versucht, einen Beitrag zur Renaissance der reichen intellektuellen Tradition des klassischen Liberalismus zu leisten, die in der heutigen Welt notorisch vernachlässigt und, wie ich sagen möchte, absichtlich missachtet wird.
Doch auch wenn wir Ihnen versichern können, dass wir weiterhin unser Bestes tun werden, um die Ideen unseres Buches zu verbreiten, ist es sicher, dass dies allein nicht ausreichen wird. Unsere gemeinsamen Bemühungen müssen durch Ihr Engagement gestärkt und verstärkt werden. Sie haben die Möglichkeit, andere zu überzeugen und so nach und nach die Mehrheitsmeinung zu prägen, um den wünschenswerten Wandel herbeizuführen.
Verpassen Sie diese Gelegenheit nicht, denn es gibt keine Garantie, dass es noch eine weitere geben wird. Denn sonst könnte es tatsächlich zu spät für uns werden, zu handeln und den zerstörerischen Kräften eines allgegenwärtigen Kollektivismus entgegenzuwirken. Das dürfen Sie nicht zulassen, denn was auf dem Spiel steht, ist viel zu wertvoll, um verloren zu gehen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und weiterhin viel Spass an der Buchvernissage.
Dieser Vortrag hat Štěpán Drábek am 21. September 2026 in englischer Sprache an der LI-Konferenz und Buchvernissage im Swiss Re Auditorium Next in Zürich gehalten. Der Referent ist Assoziierter Forscher am Liberalen Institut und Co-Autor (zusammen mit Olivier Kessler) des neuen Buchs «Wer ist der grössere Versager: Markt oder Staat?». Es ist am 21. September 2026 beim Liberalen Institut erschienen und kann ab sofort bestellt werden, zum Beispiel hier bei Orell Füssli, Amazon, ExLibris, Thalia oder Buchhaus.ch. Oder natürlich auch hier beim Liberalen Institut.



