Wir können an die Stelle des Trends zum postmodernen Totalitarismus einen Trend zu Freiheit als Selbstbestimmung setzen. Dazu dürfen wir die Wertneutralität der offenen Gesellschaft aber nicht als Verzicht auf ein Narrativ verstehen, das die Gesellschaft prägt. Wir müssen nur der Gefahr vorbeugen, dass in die Lücke der Wertneutralität ein kollektivistisches Narrativ tritt, das die offene Gesellschaft aushebelt.
Um nicht den Staatsorganen, deren Profiteuren in der Wirtschaft und deren intellektuellen Propagandisten in Bildung, Medien und Wissenschaft ausgeliefert zu sein, ist eine geistige Grundlage erforderlich, die fest in der Gesellschaft verankert ist. Auch die offene Gesellschaft ist auf ein Narrativ angewiesen, das den Rahmen für das soziale Zusammenleben setzt. Freiheit kann nicht ohne ein positives Narrativ der Freiheit bestehen. Auch dieses ist ein Narrativ des allgemeinen Guts: Das allgemeine Gut ist Freiheit als Selbstbestimmung, also die Gewährleistung des Grundrechts auf Selbstbestimmung über das eigene Leben für alle.
Wir müssen somit folgende Aufgabe bewältigen: Einerseits sind Freiheit und Vernunft nur etwas Formales. Sie geben keinen Lebensinhalt und keinen Lebenssinn vor. Selbstbestimmung ermöglicht es, das eigene Leben so zu gestalten, wie man möchte, sagt aber inhaltlich nichts darüber aus, wie ein selbstbestimmtes Leben aussehen soll. Andererseits erreichen wir eine stabile Gesellschaft, die auf freiwilligen und damit selbstbestimmten Interaktionen basiert, statt durch staatlichen Zwang im Namen irgendwelcher kollektiver Güter gelenkt zu werden, nur dadurch, dass ein positives Narrativ von Selbstbestimmung im Bewusstsein der Menschen verankert ist.
Wunschzettel sind keine Alternative
Jedem das Recht der Selbstbestimmung über das eigene Leben zu gewähren, muss so selbstverständlich werden, wie es einst in unserer Kultur selbstverständlich war, Christ zu sein. Das Christentum verbindet beides miteinander: Freiheit durch die Lehre vom Menschen als von Gott nach seinem Ebenbild geschaffenem Wesen und den Lebenssinn, den eine Religion stiftet. Wir müssen Ersteres rein auf Vernunft basiert in der Gesellschaft bewahren, ohne inhaltlich einen allgemein verbindlichen Lebenssinn vorgeben zu können.
Obwohl Selbstbestimmung nur ein Mittel ist, um das eigene Leben zu gestalten, wird sie als solche geschätzt. Das wird an dem Gedankenexperiment der Glücksmaschine deutlich. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen folgendes Angebot gemacht wird: Schreiben Sie alle Ihre Wünsche auf einen Zettel, insofern diese logisch miteinander vereinbar sind. Ein hochbegabter Wissenschaftler konstruiert eine Maschine, die Ihnen alle diese Wünsche erfüllt. Wenn Sie in die Maschine hineingehen, wird es sich für Sie so anfühlen, dass alle Ihre Wünsche erfüllt sind. Dennoch würden Sie ein solches Angebot nicht annehmen. Sie würden zwar die sinnlichen Erlebnisse haben, dass alle Ihre Wünsche erfüllt sind. Aber es fehlt etwas Entscheidendes:
Ihre Subjektivität, bestehend darin, dass Sie selbst Ihr Leben gestalten. Der Lebensinhalt wird als selbstbestimmter gewollt, statt als Wunschliste, die eine Maschine abarbeiten könnte; nur dann ergibt der betreffende Inhalt einen Sinn des Lebens. Das Formale der Selbstbestimmung ist es, was den Inhalt – welches dieser auch sei – zu einem lebenswerten Inhalt macht. Deshalb ist Selbstbestimmung als etwas bloß Formales, das keinen Inhalt vorgibt, kein Hindernis dagegen, über ein positives Narrativ der Selbstbestimmung als Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben zu verfügen.
Das Trio von Freiheit, Vernunft und Normativität
Ein Narrativ von Freiheit muss herausstellen, wieso die Freiheit dasjenige ist, das uns Menschen charakterisiert und über die biologische Natur erhebt. Wenn man hingegen Menschen so ansieht, dass sie in einem biologischen Kontinuum mit Tieren stehen, dann ist Tür und Tor für die Schlussfolgerung geöffnet, dass man sie auch wie Tiere behandeln und dressieren darf. Um allen den Narrativen, welche die Menschen dressieren wollen, nämlich ihre Bahnen zu ihrem angeblich Guten lenken wollen, Schloss und Riegel vorzuschieben, muss man diesen ein Narrativ entgegen stellen, das aufzeigt, wie Freiheit, Vernunft und Verantwortung miteinander verzahnt sind.
Freiheit ist nicht Willkür oder Zufall. Freiheit ist auch nicht die Fähigkeit, sich gegen das Gute oder gute Gründe entscheiden zu können. Dann wäre Freiheit ein Mangel und nicht dasjenige, worin die Vernunftbegabung des Menschen besteht und durch das der Mensch zum Ebenbild Gottes wird. Freiheit beinhaltet im negativen Sinne das Freisein von Vorgegebenem, das wie ein Automatismus den Menschen jeweils eine bestimmte Denkweise und eine bestimmte Lebensbahn auferlegt. Aber Freiheit ist nicht negativ die Abwesenheit von etwas. Sie ist positiv das Können von etwas: Freiheit ist Selbstbestimmung im Denken und Handeln. Freiheit ist somit Autonomie (siehe Berlin 1969).
Die Vernunftbegabung des Menschen ist die Fähigkeit, über sein Leben selbst zu bestimmen. Das ist es, was die Freiheit so wertvoll macht und den Stoff für ein positives Narrativ von Freiheit als Selbstbestimmung ergibt.
Da der Vernunftgebrauch als Ausdruck von Freiheit weder unbegrenztes wissenschaftliches Wissen noch inhaltliche kollektive Güter begründen kann, ist die Konsequenz der entsprechenden Versuche die Willkür von Nominalismus und Voluntarismus – reiner, willkürlicher Machtgebrauch. Hieraus sind, wie geschildert, die totalitären politischen Regime des 20. Jahrhunderts hervorgegangen, die sich heute in dem Trend zu einem postmodernen Totalitarismus zu wiederholen drohen. Das Wokeness-Regime mit Corona-, Klima-, Kriegs- und Masseneinwanderungs-Politik sind der Schrecken des Nominalismus und Voluntarismus in zeitgenössischer Gestalt.
Die Leistungen unserer Zivilisation
Um diesem Schrecken etwas Konstruktives entgegenzusetzen, ist es erforderlich, in einem positiven Narrativ von Freiheit das Potenzial hervorzuheben, das in der christlich-abendländischen Zivilisation mit dem Projekt der Moderne mit individueller Selbstbestimmung basierend auf dem Trio von Freiheit, Vernunft und Normativität steckt. Auf dieser Grundlage hat unsere Zivilisation Leistungen erbracht, die für die ganze Menschheit bedeutend sind:
- Sie hat die Sklaverei abgeschafft.
- Sie hat den universellen Geltungsanspruch der Menschenrechte im Sinne der grundlegenden Abwehrrechte gegen äußere Eingriffe in die Bestimmung über das eigene Leben durchgesetzt. Darauf können sich Menschen überall auf der Welt berufen, egal unter welchem Vorwand von Ideologie oder Religion sie unterdrückt werden. Frauen, die von dem Mullah-Regime im Iran unterdrückt werden, Minderheiten, deren kulturelle Eigenständigkeit von der postkommunistischen chinesischen Führung ausgemerzt wird, für alle diese Entrechteten, die religiös und kulturell nicht Teil der christlich-abendländischen Zivilisation sind, ist die Selbstbestimmung der Individuen und ihrer Gemeinschaften wie zum Beispiel der Familien, welche die christlich-abendländische Zivilisation herausstellt, ein Leuchtturm, auf den sie sich beziehen können, um ihren Peinigern entgegenzutreten.
- Sie hat mit Wissenschaft, Technologie und der Garantie von Eigentumsrechten zu einer beispiellosen Verbesserung der Lebensumstände geführt, die allen Menschen zugutekommt. Wissenschaften wie Mathematik, Physik, Biologie und so weiter sind abendländischen Ursprunges, haben aber weltweite Geltung. Es gibt keine chinesische, muslimische oder indigene Physik und Biologie im Unterschied zur europäischen Physik und Biologie. Auch die Propagandisten von „Diversität, Gleichheit und Inklusion“ steigen in Flugzeuge und benutzen Mobiltelefone, die auf der Grundlage der Theorien alter weißer Männer wie Newton, Maxwell und Einstein gebaut wurden, wenn sie zu ihren zahlreichen Kongressen fliegen. Denn diese Flugzeuge stürzen nicht ab. Die „inklusive Wissenschaft“ anstelle der Wissenschaft, die von den alten weißen Männern entwickelt wurde, ist eine Schimäre, die nur ins Feld geführt wird, um Herrschaft auszuüben.
Das ist die Erklärung für die Singularität der industriellen Revolution: nicht Herrschaft, welcher Form auch immer, wie in allen anderen Kulturen, sondern Wissenschaft und Rechtsordnung mit gleichem Recht für alle. Diese haben die industrielle Revolution hervorgebracht, indem Herrschaft der Rechtsordnung unterstellt wurde und so Selbstbestimmungs- einschließlich Eigentumsrechte anerkannt wurden und freie Wissenschaft sich entfalten konnte.
Eine neue Aufklärung
Das ist daher der Stoff, mit dem wir den zersetzenden Narrativen von Corona, Klima, Wokeness und Krieg zur Legimitation staatlicher Herrschaft und zur Umerziehung der Menschen ein positives, konstruktives Narrativ entgegensetzen können, das auf der Selbstbestimmung der Menschen über ihr Leben basiert. Der starke Staat, der tief in die Lebensgestaltung der Menschen eingreift, ist auf Narrative von Katastrophen angewiesen, um die Menschen zu gängeln und von Selbstbestimmung abzuhalten. Aber nicht Herrschaft, sondern die spontane Ordnung, die aus den freiwilligen Interaktionen der Menschen und ihren sozialen Bindungen hervorgeht, wenn alle Menschen ihre Fähigkeiten frei entfalten können, ist der Stoff, aus dem die Erfolgsgeschichte unserer Zivilisation gestrickt ist. Daran können wir wieder anknüpfen.
Wir haben eine offene Gesellschaft noch gar nicht verwirklicht, weil wir die Wertneutralität der Gesellschaft als Abwesenheit jeglichen Narrativs missverstanden haben. Dann ist die Gesellschaft aber einem Staat ausgeliefert, der über die Machtfülle verfügt, gemäß dem Ermessen seiner Organe Recht zu setzen und durchzusetzen. Es ist eine Illusion zu denken, dass dieses rein technokratisch geschehen könnte. Die Staatsorgane werden zur Ausweitung ihrer Macht auf kollektivistische Narrative zurückgreifen, wenn sie nicht durch äußere Umstände – wie in der Epoche zwischen 1945 und 1989 – davon abgehalten werden. Dementsprechend erleben wir, seitdem diese Umstände mit dem Fall der Berliner Mauer weggefallen sind, die Rückkehr kollektivistischer Narrative zur Legitimation eines immer übergriffiger werdenden Staates.
Den kollektivistischen Narrativen können wir mit einem positiven Narrativ von Freiheit als Selbstbestimmung entgegentreten, das auf den Grundlagen unserer Zivilisation aufbaut. Mit einer neuen Aufklärung können wir den Mut und die Kraft schöpfen, eine offene Gesellschaft aufzubauen, deren Grundlage die spontane, freiwillige Interaktion der Menschen ist anstelle von staatlichem Zwang mit zentraler Planung der Lebensbahnen der Menschen. Eine solche Gesellschaft können wir mit den Menschen so, wie sie sind, schaffen, wenn man sie nur lässt und wenn man den kollektivistischen Narrativen etwas Positives und Konstruktives entgegenstellt.
Dies ist ein Auszug aus dem neuen Buch „Selbstbestimmt jetzt! – Der Weg zur Gestaltung der Zukunft“ von Michael Esfeld.



