Wieder einmal hat die markt- und kapitalismusskeptische akademische Elite zugeschlagen. Im linksliberalen „Guardian“ veröffentlichte Anfang Juni eine Gruppe illustrer Ökonomen unter dem Titel „We economists have done the maths: ‘growth’ is a doomed strategy – there is a better way“ die Ankündigung eines soeben mit Hilfe der UNO ausgearbeiteten Plans zur Ausrottung der Armut auf unserem Planeten. „Wir Ökonomen haben alles durchgerechnet: ‚Wachstum‘ ist eine zum Scheitern verurteilte Strategie – es gibt einen besseren Weg“, so die grossspurige Ankündigung ins Deutsche übersetzt.
Armutsbekämpfung ohne Wirtschaftswachstum
Darin wird verkündet: „Poverty is manufactured“, „Armut ist menschengemacht“. Deshalb aber, so die gute Nachricht aus Academia und UNO, könne sie auch durch Menschenhand, durch eine gezielte kollektive Anstrengung überwunden werden. Übrigens sei die auf Wachstum getrimmte kapitalistische Wirtschaftsform nicht nur für die hartnäckig verbleibende Armut in der Welt, sondern auch für die Zerstörung des Planeten verantwortlich, was zusätzlich Armut verursache.
Wirtschaftliche und ökologische Themen werden dabei geschickt kombiniert, was allerdings der gedanklichen Schärfe eher abträglich erscheint. Anstelle von ökonomisch fundierter Stringenz wird die eher kühne Vorstellung propagiert, arme Länder könnten sich auch ohne wirtschaftliches Wachstum und deshalb auch ohne Belastung der Umwelt aus der Armut befreien.
Das Konzept konkretisiert sich in einer neuen „Roadmap“. Diese fordert ein völlig neues, inklusives Verständnis von Wirtschaft, jenseits von Kapitalismus und Wachstumsdenken, in dessen Zentrum die Förderung der Menschrechte steht. Mit von der Partie sind etwa, wie könnte es anders sein, der linke Anthropologe Jason Hickel, der marxistische Kapitalismuskritiker Thomas Piketty und natürlich Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, der Mitte der 2000er Jahre dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez intellektuelle Schützenhilfe bot und seine Politik unterstützte.
Dass, wie die neue Roadmap behauptet, Armut menschengemacht ist, und zwar als Folge des wachstumssüchtigen Kapitalismus, führt nach einfachster Logik zur Forderung, das Ruder sei nun einfach herumzuwerfen, indem man zugunsten der Armen auf Wachstum verzichte. Gefordert wird „Degrowth“ – das Rezept ist nun schon einige Jahr alt und eigentlich längst widerlegt. Nun wird es mit Hilfe von UNO-Geldern und unter der Führung des „UN-Sonderberichterstatters zu extremer Armut und Menschenrechten“, Olivier de Schutter, wieder aufgewärmt. Mit solchen Forderungen kann man leicht Schlagzeilen machen. Ob sie aber zum Ziel führen, ist eher zweifelhaft.
Falsche Fragen – falsche Antworten
Zur Ausarbeitung der Roadmap wurden zahlreiche NGOs und Experten wie die oben genannten herangezogen. Beteiligte UN-Agenturen haben damit zumindest für Ihre Angestellten Arbeit gefunden, um zum wiederholten Mal Geld für falsche Ideen auszugeben sowie NGOs zu unterstützen, die die falschen Fragen stellen.
Denn die Frage ist nicht wie Armut entsteht, Armut entsteht gar nicht, sondern wie Wohlstand entsteht. Armut ist der natürliche Zustand des Menschen, alle, auch die heute reichen Länder kommen aus der Armut. Ihr sind sie genau durch das entronnen, was wir in der Geschichte als wirtschaftlichen Fortschritt, letztlich also Wirtschaftswachstum beschreiben können. Das zu übersehen, ist verhängnisvoll, und zwar deshalb, weil damit die entscheidende Frage nicht gestellt wird: Was brauchen arme Länder und Gesellschaften, um zu Wohlstand zu gelangen? Wie entsteht Wohlstand – Massenwohlstand?
Betrachtet man Armut hingegegen als menschengemacht, wird man nach den Ursachen von Armut suchen und dafür dann einen Schuldigen finden: Schuld ist dann angeblich, neben dem Kolonialismus, genau der Kapitalismus und seine Tendenz – einige sagen: sein innerer „Zwang“ – zum stetigen Wachstum, der auf Kosten derer gehe, die zurückbleiben. Das ist die Sicht der Nullsummenökonomen, die nicht verstehen, dass sich in einer kapitalistischen Marktwirtschaft und im darauf beruhenden internationalen Handel grundsätzlich immer alle Beteiligten besserstellen.
Die wahren Ursachen von Armut
Dennoch kann Armut verschuldet und menschengemacht sein, Das aber in ganz anderer Weise als das die neue Roadmap zeigt. Nämlich nicht als Folge des Wirtschaftswachstums einiger auf Kosten anderer, sondern durch schuldhafte Unterlassungen und Fehler von Regierungen der betreffenden Länder.
Die Roadmap unterlässt es, darauf hinzuweisen, dass gerade dort, wo Rechtssicherheit, Eigentumsschutz, Marktwirtschaft und freier Handel, also Institutionen, die produktive menschliche Arbeit und den gegenseitig vorteilhaften Austausch von Gütern und Dienstleistungen ermöglichen, Menschen der Armut entrinnen und nach und nach der allgemeine Wohlstand wächst. Ebenso wenig wird hervorgehoben, dass, wo Korruption und Vetternwirtschaft herrschen und die Institutionen, die für eine funktionierende Marktwirtschaft wesentlich sind, durch dysfunktionales staatliches Handeln unterminiert werden, ganze Länder oder Bevölkerungsgruppen daran gehindert werden, sich von der Armut zu befreien.
Genau das lässt sich an früher armen Ländern, die jetzt zu den Schwellenländern gehören, beobachten, noch mehr natürlich auch an den sogenannten reichen Ländern, die wie gesagt allesamt ebenfalls aus der Armut kamen. Zu behaupten, die heute reichen Länder hätten die Armut durch Verzicht auf wirtschaftliches Wachstum überwunden, wäre natürlich absoluter Unsinn. Niemand würde das behaupten wollen. Dennoch sollen nun plötzlich andere Gesetze herrschen und Wachstumsverminderung der Weg aus der Armut sein!
Das Umdefinieren von „Armut“
Sich von Experten wie Joseph Stiglitz beraten zu lassen, der die Regierung Venezuelas einst dazu ermunterte, staatliche Einkünfte aus dem damals boomenden Ölsektor, an die Armen zu verteilen und damit im Konsum zu verfrühstücken, statt sie für Infrastruktur und für produktive Zwecke zu verwenden, und der dazu noch behauptete, 15 Prozent Inflation – wie sie damals in Venezuela herrschten – sei kein Problem, Hauptsache, es werde umverteilt, hat sich diskreditiert und ist nicht legitimiert heute auch nur einen einzigen Vorschlag für die Verbesserung der Lage der Armen zu machen.
Um zu ihren Rezepten zu gelangen, mussten die Autoren der Roadmap zunächst das Konzept „Armut“ umdefinieren. In der Tat scheint es verkürzt, Armut nur in monetären Begriffen zu definieren, extreme Armut als ein Tageseinkommen von unter 1,5 US-Dollar. Natürlich gibt es auch andere Aspekte von Armut, die nicht in Geldeinheiten ausgedrückt werden können – die Frage ist eben, worüber man sprechen will. Doch können monetäre Daten einen Vergleichsmassstab zur Verfügung stellen, mit dessen Hilfe auch Trends und Entwicklungen erkannt werden können.
Doch genau davor scheut die neue Roadmap zurück, insbesondere, vor der Erkenntnis, dass der Trend der letzten Jahrzehnte eindeutig zeigt, dass die weltweite Armut im Rückgang ist und sich auch die Distanz der sogenannten armen zu den reichen Ländern stetig verringert hat. Denn diese Zahlen zeigen, dass zwar immer noch ein enorm grosse Zahl von Menschen in – humanitär gesprochen – inakzeptabler Armut lebt, ihre absolute Zahl, aber auch ihr prozentualer Anteil an der Weltbevölkerung, sich jedoch in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verringert hat und sich weiter verringert oder verringern würde – sie ist in letzter Zeit wieder angestiegen –, gäbe es nicht eine Zunahme von Kriegen, Konflikten und von autokratischen und korrupten Regierungen. Welche Rolle dabei gerade die von der UNO vorangetriebene „Entwicklungshilfe“ immer wieder spielt, die Geld in die Taschen korrupter Regierungsbeamter spülte und arme Länder von den Almosen der reichen abhängig machte, ist in der Roadmap kein Thema.
Menschenrechte und Inklusion allein werden es nicht bringen
Letztlich beruhen die Vorschläge auf einer Intensivierung der Umverteilung, dies allerdings bei gleichzeitig schwächerem Wachstum. Es soll also weniger produziert und gleichzeitig mehr verteilt werden. Wirtschaftliche Wertschöpfung soll sinken, der Kapitalstock sich verringern oder nicht wachsen und der Wohlstand der Ärmeren dadurch steigen, dass man existierendes Kapital verzehrt. Das kann natürlich nicht nachhaltig sein, es kann in keiner Weise funktionieren. Doch wird der Irrsinn der Idee mit Menschenrechts-Rhetorik und dem Schüren von Umweltpanik verschleiert.
Menschenrechte auf dem Niveau westlicher Zivilisation, auch Inklusion und was alles darunterfällt, muss man sich zuerst einmal wirtschaftlich leisten können. Das beste Beispiel ist Kinderarbeit: Diese war im 19. Jahrhundert, und in den vorhergehenden Jahrhunderten, in der Landwirtschaft ohnehin, auch in Europa die Norm und zum Überleben eine Notwendigkeit. Überwunden wurde sie nicht durch Gesetze und Umverteilung, sondern durch die industrielle Revolution und dadurch, dass infolge der kapitalistischen Produktionsweise die Wirtschaft – die menschliche Arbeit – produktiver wurde, und damit auch die Reallöhne stetig stiegen. Genau das nennt man Wirtschaftswachstum, und das sehen die Autoren der Roadmap als Ursache von Armut!
In Bangladesch konnten sich durch die sich entwickelnde Textilindustrie unzählige Frauen aus der Knechtschaft der Landarbeit befreien und ihre Kinder endlich in die Schule schicken. Die Befreiung der Frau aus sie entwürdigender Unselbständigkeit und mehr Bildung für junge Menschen waren Folge von wirtschaftlichem Wachstum. Natürlich war diese sich entwickelnde Gesellschaft hinsichtlich Sozialstandards und Menschenrechten keine Idylle, noch weit entfernt von unserem Verständnis von Wohlstand und Überwindung von Armut.
Aber es war – und ist weiterhin – ein Prozess in die gute Richtung, sofern dieser nicht durch politisches Unvermögen in diesen Ländern, aber auch durch schädliche, ideologiegetriebene Rezepte aus hochentwickelten Industrienationen, die angeblich fortschrittliche Kräfte mit der Macht der UNO den ärmeren Ländern aufzwingen, gestoppt wird.
Umwelt- und Zerstörungspanik als Ablenkung
Um die Erkenntnis zu verdrängen, dass arme Menschen genau dies benötigen, nämlich Wachstum und was seiner Ermöglichung zugrunde liegt – vor allem Rechtsstaatlichkeit und Eigentumsschutz sowie wirtschaftliche Freiheit – verknüpfen die Verfasser der Roadmap ihre Analysen und Rezepte mit der angeblichen Gefahr einer durch Wachstum verursachten Zerstörung des Planeten.
Dabei versuchen sie, neuere Daten, die auf die zunehmende Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch in den hochindustrialisierten Ländern hinweisen, herunterzuspielen. „Grünes Wachstum“, so Jason Hickel, sei illusorisch. Eine Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch sei zwar theoretisch möglich, heisst es in der Roadmap, aber wie die empirischen Daten zeigten, verlaufe sie viel zu langsam, nicht auf globaler Ebene und nicht im nötigen Tempo.
Das ist ein klassischer Fehlschluss, der auf einer statischen Sicht der Wirtschaft beruht. Sie übersieht, dass sich die genannte Entkoppelungsdynamik auf die heute noch weniger entwickelten Länder übertragen wird, sobald sich in diesen eben die Logik des kapitalistischen Wachstums zu entfesseln beginnt. Gerade die heutigen Schwellenländer sind dafür ja der beste Beweis. Der innovative, marktwirtschaftliche Wettbewerb führt zu einem geringeren Ressourcenverbrauch, weil dies sinkende Produktionskosten und damit einen Wettbewerbsvorteil bedeutet. Man lese dazu das 2019 erschienene Buch „More From Less“ („Mehr aus weniger“) von Andrew McAfee, dem dann kurz darauf Jason Hickel – wer denn sonst – mit seinem „Gegenbuch“ „Less Is More“ („Weniger ist Mehr“), das den Untertitel „Wie Degrowth die Welt retten wird“ trägt, geantwortet hat.
Kontraproduktive Rezepte
Hickel, der die Menschheit zu einem animistischen Verständnis der Natur zurückführen will, gemäss dem Natur nicht mehr ein Objekt menschlicher Herrschaft und Nutzung sein soll, wie auch seine Mitstreiter wollen letztlich den armen Ländern das vorenthalten, was die heute im Wohlstand lebenden Gesellschaften reich gemacht hat. Natürlich wollen die Wachstumskritiker auch für die armen Ländern Wohlstand, aber einer der gleichsam vom Himmel fällt.
Denn wie soll Wohlstand entstehen, wenn wir Wachstum, Wertschöpfung und technologischen Fortschritt und damit natürlich auch unsern Konsum und den Handel mit den weniger reichen Ländern zurückfahren und für diese keine lukrativen Absatzmärkte mehr sind? Wie soll „umverteilt“ werden, wenn der Kuchen immer kleiner wird? Und wie soll auch im sogenannten globalen Süden Wohlstand entstehen, wenn das Ziel „Degrowth“ heisst. Es sind Widersprüche und Inkonsistenzen, die nur durch das Prinzip Hoffnung überspielt werden können, das aber, in Entkoppelung vom wirtschaftlichen Common Sense, immer nur Elend produzieren wird und damit tatsächlich zu menschengemachter Armut führt.
Die Vertreter der neuen Roadmap haben ein Mantra: Wachstum um seiner selbst willen sei keine Lösung. Da mögen sie rechthaben. Aber wer schon will Wachstum um seiner selbst willen? Das ihren Gegnern vorzuwerfen, bedeutet, einen Strohmann aufzubauen. Niemand will Wachstum um des Wachstums willen, sondern eben immer gerade, um andere Ziele zu erreichen: Wohlstand, Steigerung der Lebensqualität, eine Leben mit mehr Freizeit und Möglichkeit zur Bildung, letztlich ein selbstbestimmtes Leben.
Die wahren Ursachen des menschlichen Fortschritts
Karl Raimund Popper nannte die Erfindung der Waschmaschine den grössten Schub für die Emanzipation der Frau. Wie der schwedische Arzt, Hochschulprofessor und Statistiker Hans Rosling in einem berühmten Ted-Talk zeigte, ermöglichte in seiner Familie der Kauf einer Waschmaschine durch seine Mutter ihr nicht nur die Musse, endlich Bücher zu lesen, sondern auch, ihre Kinder zum Lesen zu bringen und damit zu höherer Bildung zu motivieren. Andernfalls wäre er nie Universitätsprofessor geworden. Haushaltsgeräte als Vorbedingung für den sozialen Aufstieg der nächsten Generation also, das ist die Lektion.
Wirtschaftliches Wachstum, das technologische Innovation und einstmalige Luxusgüter für die grosse Masse erschwinglich macht, ihr Leben verbessert und mehr Freiheitsräume erschliesst, ist letztlich die Voraussetzung für alles, was uns wichtig ist und die Menschheit voranbringt. Es zu verteufeln und Degrowth als Alternative vorzuschlagen ist eine destruktive Strategie, weil sie unter dem Anschein des Guten Menschen ins Elend treibt oder darin verharren lässt.
Kurz: Mit einer von Experten ausgearbeiteten Roadmap, die über eine internationale Organisation wie die UNO global implementiert werden soll, wird die Armut in der Welt nicht überwunden werden. Das ist ein Top-Down-Ansatz, er ist konstruktivistisch und atmet den planwirtschaftlichen Geist einer rationalistischen Wohlfahrtsbürokratie.
Der Armut entkommen Menschen und ganze Gesellschaften von alleine, wenn man ihnen dafür die Freiheit lässt und wenn jene, die für das Gemeinwohl Verantwortung tragen, ihnen dafür die nötigen rechtlichen und institutionellen Voraussetzungen garantieren, vor allem den Schutz des Eigentums und die Sicherheit, dass Verträge durchgesetzt werden. Die wahre „Roadmap“ ist unvorhersehbar, sie wird durch die Menschen, die unternehmerisch tätig sind, die im Austausch der Ideen, der Güter und Dienstleistungen kooperieren nicht entworfen, sondern verwirklicht. Dazu brauchen sie keine UNO-Menschenrechtsspezialisten und Umweltaktivisten.
Dieser Beitrag von Prof. Dr. Martin Rhonheimer ist im Newsletter des Austrian Institute erschienen. Die Veröffentlichung an dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Genehmigung.



