Wenn Friedrich August von Hayek 1976 forderte, dem Staat das «uralte Vorrecht auf das Geldmonopol» zu entziehen, blieb das lange ein akademisches Gedankenexperiment. Ein Unternehmen aus dem Kanton Zug versucht heute, die Theorie der Österreichischen Schule in die Praxis zu überführen, und erfüllt dabei viele ihrer Anforderungen.
Woran sich gutes Geld messen lassen muss
Die Österreichische Schule der Nationalökonomie hat das Geld nie als staatliche Setzung verstanden, sondern als Ergebnis eines Marktprozesses. Carl Menger führte in seiner Untersuchung «Über den Ursprung des Geldes» (1892) aus, dass Geld nicht per Dekret entsteht, sondern spontan aus jener Ware, die sich als die «marktfähigste» erweist. Güter unterscheiden sich im Grad ihrer Absetzbarkeit. Jenes Gut, das am leichtesten und mit dem geringsten Wertverlust wieder veräussert werden kann, setzt sich als allgemeines Tauschmittel durch. Historisch waren das Edelmetalle, die zuvor schon einen nichtmonetären Gebrauchswert hatten.
Ludwig von Mises schärfte diesen Gedanken mit seinem Regressionstheorem: Der Tauschwert des Geldes lässt sich zeitlich immer weiter zurückverfolgen, bis zu einem Punkt, an dem das Geldgut allein wegen seines Warennutzens geschätzt wurde. Daraus folgt eine für die Österreicher zentrale These. Ungedecktes Papiergeld entsteht nicht von selbst am Markt, sondern wird durch staatlichen Zwang in Umlauf gehalten. Gutes Geld dagegen ist marktgewählt und in realen Werten verankert.
Friedrich August von Hayek zog daraus 1976 in «Entnationalisierung des Geldes» die radikalste Konsequenz. Nicht ein besseres staatliches Geld sei die Lösung, sondern der Entzug des Monopols. Zweck seines Plans sei es, so Hayek wörtlich, «den bestehenden, für Geld und Staatsfinanzen verantwortlichen Instanzen eine dringend nötige Disziplin aufzuerlegen, indem man es einer jeden, und für immer, unmöglich macht, ein Geld auszugeben, das wesentlich weniger verlässlich und nützlich ist als das Geld irgendeiner anderen.» Im Wettbewerb konkurrierender Emittenten, so Hayeks Erwartung, würde sich jenes Geld durchsetzen, das seine Kaufkraft am verlässlichsten hält, weil die Menschen es frei nachfragen und schlechtes Geld rasch verdrängt würde.
Aus diesen Beiträgen lässt sich ein Anforderungskatalog an privat emittiertes Geld destillieren. Es soll erstens die Kaufkraft erhalten und damit als Wertspeicher taugen. Es soll zweitens durch reale Werte gedeckt und nicht aus dem Nichts geschöpft sein. Es soll drittens im freien Wettbewerb bestehen und frei wählbar sein. Und es soll viertens von der Willkür des staatlichen Geldmonopols möglichst unabhängig sein. Die fünfte, oft übersehene Bedingung stammt schon von Menger: Ohne Marktfähigkeit, also leichte Übertrag- und Handelbarkeit, nützt der beste Wertspeicher wenig.
Warum die Frage aktuell ist
Der Befund der Österreicher ist heute schwerer zu bestreiten als je zuvor. Seit die USA 1971 das Goldfenster schlossen und die Schweiz 1987 als letztes Land die Golddeckung ihrer Währung aufhob, ist keine bedeutende Währung mehr in der realen Welt verankert. Die Folge ist eine ausgedehnte Geldmengenexpansion bei gleichzeitigem, schleichendem Kaufkraftverlust des Papiergeldes. Für Sparer bedeutet das reale Verluste auf nominalen Anlagen, nach Mengers Systematik der Zerfall genau jener Geldfunktion, der Wertaufbewahrung, die zuerst verloren geht.
Ein Umsetzungsbeispiel aus der Innerschweiz
Hier setzt die RealUnit Schweiz AG mit Sitz in Baar an. Gegründet wurde sie vom Luzerner Privatbankier Karl Reichmuth, einem ausgesprochenen Anhänger von Hayeks «Entnationalisierung des Geldes», langjährigem Schatzmeister der Deutschen Hayek-Gesellschaft und Röpke-Preisträger des Liberalen Instituts. Sein Motiv formuliert er unverblümt: «Der reale Wert des Geldes hat seit der Auflösung der Golddeckung 1971 stark abgenommen und die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer grösser. Die Sparer sind die grossen Verlierer! Ich möchte der nächsten Generation ein mit Realwerten gedecktes Wertaufbewahrungsmittel für den langfristigen Vermögenserhalt hinterlassen.»
Die Gesellschaft ist eine börsenkotierte Investmentgesellschaft, deren Aktie den Namen «RealUnit» trägt. Ihr Vermögen ist zu 100 % gedeckt, wobei mindestens 60 % in realen Werten und mindestens 50 % ausserhalb des Bankensystems gehalten werden. Die Anlagestrategie ist bewusst schwankungsarm. Sie kombiniert physisches Gold und Silber, sicher in der Schweiz gelagert, mit Aktien krisenresistenter Unternehmen, welche die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigen sowie Alternativer Anlagen. Dazu zählen etwa ein Musikfonds, Farmland in Australien und Bitcoin. Die älteste Kryptowährung hält die Gesellschaft bereits seit 2021 in kleinem Umfang, aktuell rund zwei Prozent, weil RealUnit und Bitcoin dieselbe Vision teilen: die Trennung von Geld und Staat. Nach österreichischer Lesart eignen sich diese Güter als knappe, nicht beliebig vermehrbare Sachwerte, die als Wertspeicher taugen.
Die eigentliche Nähe zu Hayek liegt aber in der erklärten Absicht. Die Gesellschaft formuliert ihre Vision so, dass der RealUnit «aufgrund seiner Stabilität, Sicherheit und Handelbarkeit ein beliebtes Wertaufbewahrungs- und Zahlungsmittel» sein soll, also privat emittiertes Geld, das die Menschen im freien Wettbewerb mit dem Franken oder dem Euro als besseren Wertspeicher wählen können. Das ist der Mengersche Dreiklang aus Werthaltigkeit, Sicherheit und Marktfähigkeit, übersetzt in ein Anlageprodukt.
Der Aktientoken: Selbstverwahrung ohne Bank
Marktfähigkeit und Unabhängigkeit vom Staat werden am deutlichsten beim Aktientoken. Er ist kein digitales Abbild der Namenaktie, sondern nach schweizerischem DLT-Recht rechtlich die Namenaktie selbst, ausgestaltet als Registerwertrecht auf der Ethereum-Blockchain. Er verbrieft damit dieselben Eigentumsrechte wie die klassische, im Depot gehaltene Aktie. Entscheidend ist die Verwahrform. Wer den Token wählt, kann ihn neu in der RealUnit Mobile Wallet bankenunabhängig und kostenfrei selbst aufbewahren, rund um die Uhr übertragen und handeln. Anders als bei üblichen Krypto-Wallets mildert eine Recovery-Funktion das Risiko des Schlüsselverlusts. Der Zugang ist niederschwellig und ohne Mindestinvestitionssumme, ein Punkt, der für die DACH-Region praktisch bedeutsam ist, weil er die Idee vom real gedeckten, selbstverwahrten Wertspeicher aus dem Kreis vermögender Anleger herauslöst.
Wo die Analogie an Grenzen stösst
Intellektuelle Redlichkeit gebietet, die Unterschiede zu benennen. Der RealUnit ist keine dezentrale Währung im Sinne von Hayeks konkurrierenden Notenbanken. Emittentin ist ein zentrales Unternehmen, der Preis orientiert sich am Nettoinventarwert (NAV) der hinterlegten Vermögenswerte, und rechtlich handelt es sich um ein Beteiligungspapier, nicht um gesetzliches Geld. Auch die Geldmengensteuerung ist nicht fix wie bei Bitcoin, sondern flexibel entlang von Agio und Disagio zum NAV. Der RealUnit richtet sich damit an vorsichtige Anleger, die Sachwerte schätzen und Stabilität suchen, während Bitcoin für sich genommen eher risikofreudigere Anleger anspricht.
Gerade diese Nüchternheit macht das Beispiel für eine liberale Leserschaft interessant. Es beansprucht nicht, Hayeks Vision vollständig einzulösen, sondern zeigt, wie weit sich deren Prinzipien heute in einem regulierten, zugänglichen Produkt verwirklichen lassen: Deckung durch reale Werte, freie Wahl des Wertspeichers und Verwahrung ausserhalb des Bankensystems. Ob das Publikum einem solchen Angebot langfristig den Vorzug vor staatlichem Geld gibt, entscheidet nach österreichischer Logik ohnehin nicht die Theorie, sondern der Markt.
Über den Autor:
Daniel Stüssi ist CEO der RealUnit Schweiz AG und Speziallist auf Vermögensschutz.


