Das Narrativ ist fest in unseren Köpfen verankert: Wann immer es kriselt und unerwünschte Ergebnisse zu Tage treten, hat der Markt versagt und der Staat muss es richten. Er sei in der Lage, fehlerhafte Entwicklungen zu «korrigieren». Kein einziges Lehrbuch der Mainstream-Ökonomie hinterfragt diese Darstellung.
Doch bei genauem Hinsehen ist der Begriff des Marktversagens inhaltsleer. Der Markt ist kein bewusst handelndes Wesen, das ein Ziel verfehlen könnte. Es ist vielmehr das Resultat unzähliger freiwilliger Entscheidungen von Individuen. Nur weil das Ergebnis nicht den Erwartungen eines bestimmten Beobachters entspricht, bedeutet das nicht, dass der Markt «versagt». Marktversagen zu diagnostizieren, ist in etwa so absurd, als würde man einem Lineal Versagen vorwerfen, nur weil es nicht die Länge misst, die man sich von einem Gegenstand erhofft hat.
Wer behauptet, Märkte versagen und dass der Staat korrigierend eingreifen müsse, fordert in Wahrheit nichts anderes als das Ersetzen des Resultats eines ethisch einwandfreien Prozesses – eines Prozesses, der ohne Initiierung einer Aggression auskommt. Anstatt dessen wünscht er sich das Bedrohen von Menschen durch eine zentrale Autorität mittels Zwang und Gewalt – also eine unethische Handlung. Die Freiwilligkeit und die Ergebnisse der unsichtbaren Hand des Marktes werden so ersetzt durch die Macht der eisernen Faust des Staates. Politische Befehle bevorzugen aber praktisch immer einige auf Kosten anderer. Die damit verbundene Ungerechtigkeit ist ein typisches Staatsversagen.
Trittbrettfahrer
Die Feststellung, dass Marktversagen nicht existiert, ist für viele Ökonomiestudenten und gestandene Wirtschaftsprofessoren ein Affront – haben sie doch in sämtlichen Lehrbüchern des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams etwas anderes gelernt: «Was ist zum Beispiel mit öffentlichen Gütern?», fragen sie. «Diese würden auf einem freien Markt doch zu wenig oder gar nicht produziert wegen den Trittbrettfahrern, die sich nicht finanziell beteiligen.»
Ignoriert wird dabei jedoch die Tatsache, dass die Wissenschaft die Frage, ob von einem Gut «zu wenig» bereitgestellt wird, nicht objektiv beantworten kann. Hierbei handelt es sich um ein subjektives Werturteil. Wenn jemand einen freien Markt betrachtet und findet, es gebe zu wenig von etwas, dann liegt das an der objektiven Beschränkung des Wohlstands, der noch nicht gross genug ist. Mit staatlichen Zwangseingriffen in den Markt lässt sich dieser nicht erhöhen – im Gegenteil.
Zudem gibt es in der Praxis etliche Beispiele für «öffentliche Güter», die privat bereitgestellt wurden und werden, inklusive klassischer Lehrbuchbeispiele wie Leuchttürme, Sicherheit und Bildung. Der Markt kennt zahlreiche Möglichkeiten zur Bewältigung des Trittbrettfahrerproblems in Form von Anreizen, z. B. mit exklusiven Vorteilen für jene, die sich an einem Crowdfunding beteiligen, wie etwa Ehrung oder vorzeitiger Konsum.
Asymmetrische Information
«Aber was ist mit asymmetrischer Information?», wenden die Mainstreamökonomen ein, die vom realitätsfernen Modell vollständiger Informiertheit ausgehen und Abweichungen davon als Marktversagen abstempeln. Informationsasymmetrien sind aufgrund der Wissensteilung in der Gesellschaft allerdings der Normalzustand. Wer jede Entscheidung erst nach vollständiger Abwägung aller denkbarer Alternativen und sämtlicher verfügbarer Informationen treffen wollte, käme kaum je zum Handeln.
Die Marktwirtschaft kann im Übrigen hervorragend mit Informationsasymmetrien umgehen: Garantien, Rückgaberecht bei Unzufriedenheit, kostenlose Ausprobierzeit, Reputation, Ratings, Kommentare, gute oder schlechte Presse und private Zertifizierungsstellen sind nur einige der vielen Mechanismen.
Monopole
Monopole sind das vermeintliche Totschlagargument der Mainstreamökonomen. Sie gehen fälschlicherweise davon aus, dass Monopole pauschal als Übel zu betrachten sind. Monopole auf einem freien Markt gehen auf freiwillige Entscheide der Konsumenten zurück. Solange der Marktzugang nicht durch staatliche Regulierung erschwert wird, ist dagegen nichts einzuwenden, weil es genau dem entspricht, was die Konsumenten haben wollen. Andernfalls liesse sich die Situation durch die Anpassung der Kaufentscheide und neue Markteintritte ändern.
Davon abzugrenzen sind die tatsächlich schädlichen Monopole, die auf staatliche Bevorzugung zurückzuführen sind – etwa auf Subventionen, Steuerprivilegien, exklusive Lizenzen, regulatorische Ausnahmen oder Zölle. Monopole sind daher ein Staatsversagen, kein Marktversagen.
Ähnliches liesse sich auch über Kartelle, negative externe Effekte oder Wirtschaftskrisen sagen. Die Argumente der Marktskeptiker laufen bei genauem Hinsehen überall ins Leere. Dies zeigen wir im Detail in unserem neuen Buch «Wer ist der grössere Versager: Markt oder Staat?». Die Fokussierung der Ökonomen und Politiker auf angebliche «Marktversagen» basiert auf Missverständnissen über die spontane Ordnung des Marktes. Tatsächlich ist die einzige Vision für eine wohlhabende, lebenswerte und friedliche Zukunft eine wirklich freie Marktwirtschaft.
Olivier Kessler
Dieser Beitrag ist am 16. September 2026 in der NZZ erschienen. Der Autor ist Direktor des Liberalen Instituts und Co-Autor (zusammen mit Štěpán Drábek) des neuen Buchs «Wer ist der grössere Versager: Markt oder Staat?». Es erscheint am 21. September 2026 beim Liberalen Institut und kann ab sofort bestellt werden, zum Beispiel hier bei Orell Füssli, Amazon, ExLibris, Thalia oder Buchhaus.ch.



