Der Migrationsdruck aus Subsahara-Afrika auf Europa löst in den europäischen Medien eine Mischung von Abwehrreflexen und humanitärer Empörung aus, aber kaum jemand nimmt sich die Mühe, nach jenen längerfristigen menschheitsgeschichtlichen Ursprüngen zu forschen, die auch weitsichtige echte Lösungsansätze vermitteln würden. Bei der «Suche nach Schuldigen» gerät primär der Kolonialismus ins Visier. Die Kolonisierung Afrikas war tatsächlich kein friedlicher zivilisatorischer Vorgang, sondern vor allem in Subsahara-Afrika eine Aggression.
Der aktuelle Migrationsdruck ist in erster Linie eine Folge des Post-Kolonialismus. Im Rahmen der Dekolonisierung sind die Kolonialregime durch in Europa und in der Sowjetunion ausgebildete «sozialistisch inspirierte» Funktionäre ersetzt worden, die dann sehr schnell verschiedenste Typen der persönlichen Machtausübung und Korruption praktiziert haben und weiter praktizieren.
Für den Erfolg und Misserfolg war und ist die Vermarktung der vorhandenen verstaatlichten Rohstoffe ausschlaggebend, und diese stehen immer noch unter dem Einfluss der postkolonialistischen Nachfolgeorganisationen, die auf den internationalen Rohstoffmärkten den Ton angeben, allerdings nicht ohne eine geopolitisch bestimmte interne Konkurrenz.
Wo Rohstoffvorkommen fehlen, ist in der Regel eine geschickte Bewirtschaftung von «internationaler Entwicklungshilfe» die Hauptquelle der Staatseinnahmen. Die Mittel werden von den jeweiligen politischen Eliten verteilt und umverteilt, die sich – gestützt auf diese Einnahmen – mehr oder weniger demokratisch an der Macht halten.
Altlast von zwei Weltkriegen
Der gesamte «Migrationsdruck» von Afrika auf Europa ist weitgehend auf das auch in Afrika missglückte Experiment des zwangsweise umverteilenden Wohlfahrtsstaates zurückzuführen.
Der durch politischen Zwang umverteilende Wohlfahrtstaat legitimiert auch in Europa die demokratisch gewählten Regierungen, die sich um ein sorgfältiges Management der zahlenden Minderheiten und der empfangenden Mehrheiten am Ruder halten. Aber der «Deal» ist weder in Europa noch in Nordamerika nachhaltig praktizierbar, weil er zunehmend auf Staatsverschuldung beruht. Der Daseinsvorsorgestaat ist eine «Altlast» von zwei Weltkriegen und widerspricht vielen Prinzipien friedlich und im aufgeklärten Eigeninteresse tauschender vielfältig unterschiedlicher Menschen. Er eignet sich nicht als Modell für Entwicklungs- und Schwellenländer, die darauf angewiesen sind, dass nicht Umverteilung, sondern Leistung und Gegenleistung die ökonomische Basis einer Zivilgesellschaft darstellen.
Staatlich regulierte Arbeitsmärkte erschweren und verhindern nämlich den Einstieg der Jungen in eine noch wenig strukturierte Arbeitswelt von Entwicklungsländern. Fehlende oder unterentwickelte Märkte für Güter und Dienstleistungen führen zu einer «Horde» von angeblich «arbeitslosen» jungen Männern. Sie haben in einer staatlich regulierten und politisch rationierenden Arbeitswelt wenig Chancen, und die Risiken der Schwarzarbeit sind schwer kalkulierbar, weil es zu wenig risikolose Übergänge gibt.
Echte Solidarität kann politisch nicht erzwungen werden. Offene Märkte, auch bei der Arbeit und bei Dienstleistung gegen Entgelt, sind auch in Afrika der Nährboden für eine bessere Zukunft für alle.
Dort gab es schon in vorkolonialer Zeit Familienstrukturen und Ansätze von Privateigentum und rege lokale Tauschbeziehungen. Märkte existierten und florierten schon vor der Kolonialzeit – trotz immer wiederkehrender blutiger Stammeskonflikte und gegenseitiger Versklavung und Verstümmelung.
Auch das Gespür für friedensstiftende Solidarität und die Grunderfahrung, dass Gewaltverbrechen und Stammeskriege letztlich allen schaden, war und ist als «anthropologisch-historische Grunderfahrung» durchaus vorhanden. Eine Minimalmoral des Talionsprinzips «Aug um Auge, Zahn um Zahn» und des Verbots von Mord, Diebstahl und Vergewaltigung war und ist ebenfalls im Kern als «überlieferte Grunderfahrung» weit verbreitet.
Ein rein altruistischer «aufopfernder Einsatz» ohne materielles Entgelt wird allerdings skeptisch betrachtet und die interne differenziertere Stammesmoral hat in der Regel gegenüber der Achtung vor den Rechten anderer Stämme Vorrang. Die zivilisatorisch fortgeschrittene Vorstellung allgemeiner Menschenrechte (die es auch bei den weissen Rassisten nicht gab und auch heute erst in Ansätzen vorhanden ist) fehlte und fehlt in Afrika weitestgehend. Sie ist zwar erstrebenswert, aber keine notwendige Voraussetzung Es genügt die Erfahrung, dass von einem friedlichen Austausch letztlich schon mittelfristig alle profitieren.
Markt- und Tauschkultur
Eine grosse Chance für mehr interlokalen und grenzüberschreitenden Austausch bieten die heute auch in Afrika weit verbreiteten Möglichkeiten elektronischer Kommunikation über Mobiltelefone. Sie erweitern die Chancen für den Ausgleich von Überfluss und Mangel auf Märkten, die nicht an Dorf- und Quartiergrenzen gebunden sind. Diese zukunftsträchtige Markt- und Tauschkultur könnte und sollte zum Rückgrat der künftigen politischen Organisation im postkolonialen Afrika werden: Mehr Tausch, mehr Markt, kleinere marktwirtschaftlich und genossenschaftlich organisierte Gebietskörperschaften und weniger politisch organisierte Macht, staatliche Umverteilung und Korruption, das ist der Schlüssel für eine friedliche Zukunft.
Es geht um einen sehr grundsätzlichen, möglichst geordneten Rückzug aus aktuellen Fehlstrukturen des nationalistisch und staats-sozialistisch inspirierten Post-Kolonialismus.
Die wichtigsten Voraussetzungen und die notwenigen zivilisatorischen Grunderfahrungen sind auch in Afrika durchaus vorhanden: «Niemandem schaden» und «fremdherrschaftsfreier Tausch im intelligenten aufgeklärten Eigeninteresse». Sie müssen nicht in einer «Zweiten Welle» eines polit-ökonomischen Kolonialismus aus der ihrerseits dekadenten «Ersten Welt» importiert werden.
Für einen zentralstaatlich organisierten Sozialismus und auch für einen zentral gesteuerten Staatskapitalismus fehlen – glücklicherweise – in allen Entwicklungs- und Schwellenländern die Voraussetzungen. Sie führen lediglich zu einem neuen Kolonialismus jener Organisationen und Länder, die solche Ordnungen stützen und von aussen finanzieren.
Robert Nef ist Publizist und Stiftungsrat des Liberalen Instituts, wo er als Präsident und Direktor tätig war.



