Für gesunde Finanzmärkte

An der LI-Konferenz vom 17. Oktober wurden mögliche Alternativen zur ultralockeren Geldpolitik diskutiert.

Die Finanzkrise von 2008 scheint überstanden. Viele Probleme sind jedoch nach wie vor ungelöst. Durch Symptombekämpfungs-Massnahmen wie etwa der enormen Geldproduktion und Negativzinsen wurden die unvermeidlichen Korrekturen lediglich in die Zukunft hinausgeschoben. Die aktuelle ultraexpansive Geldpolitik birgt enorme Risiken und ist verantwortlich für wiederkehrende Wirtschaftskrisen sowie zunehmende gesellschaftliche und politische Spannungen. An der LI-Konferenz vom 17. Oktober wurde über diese aktuellen Herausforderungen intensiv debattiert. Die Veranstaltung war zugleich die Buchvernissage des neuen Bandes der Edition Liberales Institut mit dem Titel «Explosive Geldpolitik: Wie Zentralbanken wiederkehrende Krisen verursachen».

Einführend erinnerte LI-Vizedirektor Olivier Kessler an die Tatsache, dass es sich beim aktuellen Geld- und Finanzsystem um ein staatsinterventionistisches und de facto planwirtschaftliches Konstrukt handelt, in welchem die Zentralbanken nicht nur das Geldangebot definieren, sondern auch die Zinsen festlegen. Die Folgen dieser Aushebelung freiheitlicher Prinzipien seien dieselben wie auch in anderen staatssozialistischen Systemen: Es komme zu wirtschaftlichen Fehlanreizen und entsprechenden Verwerfungen. Aktuell sei zu beobachten, dass sich auf vielen Märkten gleichzeitig Blasen gebildet haben, die entsprechende Korrekturen hervorrufen. Echte Aufklärung über die Zusammenhänge und die wahren Schuldigen wiederkehrender «Booms» und «Busts» sei nun entscheidend, damit künftig nicht die falschen Schlüsse gezogen werden.

In einem ersten Referat zeigte Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa und Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, anhand der Erkenntnistheorie, dass es einen Negativzins auf einem freien Markt nicht geben kann. Die Lebenszeit sei knapp und daher würden es die Menschen bevorzugen, lieber heute als morgen ihre Ziele zu erreichen. Aus dieser Zeitpräferenz sei der Urzins entstanden, der für den Wertabschlag verantwortlich sei, den die spätere Erfüllung der Bedürfnisse gegenüber der früheren Erfüllung erleide. Weil die Zeitpräferenz stets positiv sei, müsse auch der Zins in einem freien Markt über der Nullgrenze liegen. Ohne einen positiven Zins sei der heutige Wohlstand gar nicht erst denkbar. Bei einem Nullzins gäbe es keinen Anreiz mehr, auf heutigen Konsum zu verzichten, zu sparen und das Ersparte zu investieren, damit der künftige Wohlstand wachsen könne. Vielmehr setze ein Kapitalverzehr ein, bei dem alles vorhandene Kapital verbraucht werde, während Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen ausblieben. Die Arbeitsteilung höre auf und die Volkswirtschaft falle zurück in eine primitive Subsistenzwirtschaft. Der Zins werde heute politisch von den Zentralbanken missbraucht und durch die Geldproduktion aus dem Nichts — Geld, dem keine echten Ersparnisse gegenüberstehen — künstlich herabgesenkt. Er gerät dadurch aus seinem natürlichen Gleichgewicht, was zu Spekulationsblasen und Verwerfungen an den Märkten führe, zur Verschuldung anreize und die Menschen zunehmend zu kurzfristigem Denken verleite. Die staatliche Geldpolitik sorge daher nicht nur für finanzielle und wirtschaftliche Störungen, sie beschädige auch das gesamte gesellschaftlich-kulturelle Werte- und Moralsystem. Die Null- und Negativzinspolitik entpuppten sich bei genauerem Nachdenken als eine Politik zur Zerstörung des kapitalistischen Systems — oder dem, was davon noch übrig geblieben sei. Das staatliche Geldmonopol sei deshalb mit einer nachhaltig freiheitlichen und produktiven Gesellschaft nicht vereinbar. Es brauche anstatt dessen einen freien Markt für Geld.

Präsentation von Prof. Dr. Thorsten Polleit:
«Grosse Krisen als Folge der Zentralbankpolitik»

Im Anschluss plädierte Rahim Taghizadegan, Ökonom, Autor in der Tradition der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und Rektor des scholarium in Wien, für etwas mehr Gelassenheit bei den Regulatoren und den Zentralbanken hinsichtlich wirtschaftlicher Krisen. Es bestehe auch die berechtigte Möglichkeit, diese als Chancen statt als rein negatives Phänomen wahrzunehmen. Preiskorrekturen an Märkten sollten nicht als Paniksignal, sondern als Einstiegsignal für neue Anleger verstanden werden. Konkurse von einzelnen Unternehmen hätten zudem eine heilvolle Wirkung auf die Gesamtwirtschaft, weil ein Konkurs letztlich bedeute, dass die betroffene Firma knappe Ressourcen nicht nutzenstiftend genug einsetze. Diese knappen Ressourcen wie Rohstoffe und Arbeitskräfte sollten daher besser für solche Zwecke verwendet werden, die von den Konsumenten als prioritär und wünschenswert eingestuft und daher auch in genügendem Masse nachgefragt würden. Verhindere der Staat mit seinem Eingreifen zur Rettung von bedrohten Unternehmen solche Heilungsprozesse, überführe dies die Volkswirtschaft zunehmend in eine Zombie-Ökonomie — einer Wirtschaft also, die zunehmend losgekoppelt von den Bedürfnissen der Menschen produziert, Ressourcen im breiten Stil verschwendet und daher zu einem schleichenden Wohlstandsniedergang führt. Ausserdem sei der Mensch kein «homo oeconomicus», weshalb sinkende Profiterträge durchaus auch durch philanthropisches Engagement aufgefangen werden könnten, sodass Krisen gar nicht mehr ein derart bedrohliches Ausmass annehmen könnten. Mit dieser Sichtweise gelinge es möglicherweise auch der Politik, bei wirtschaftlichen Korrekturen nicht mit protektionistischen und interventionistischen Massnahmen zu reagieren, welche Krisen nur noch verschlimmern und verlängern würden. Mit einem kühlen Kopf könnten anstatt dessen unnötige Regulierungen aufgehoben und Steuern gesenkt werden, damit die wichtigen Anpassungsprozesse glatter und rascher über die Bühne gehen könnten — zum Nutzen aller.

Die darauffolgende Diskussion widmete sich unter anderem der Frage, welchen Einfluss denn die Zentralbanken heute überhaupt hätten, zumal rund 90 Prozent der Geldmenge von Geschäftsbanken und nur rund 10 Prozent von den Notenbanken geschaffen würden. Dies bedeute jedoch keineswegs, dass wir es heute mit einem marktwirtschaftlichen Geldsystem zu tun hätten. Denn Geschäftsbanken könnten nur dann operativ tätig werden, wenn sie über eine staatliche Banklizenz verfügten. Ausserdem würden sie so dem Zentralbankensystem angeschlossen, das ihnen die Leitzinsen diktiert und ihnen die Erlaubnis zur Kreditgeldschöpfung in der staatlichen Währung erteilt, weshalb Geschäftsbanken de facto als Aussenposten der Zentralbank betrachtet werden müssten und abgesehen von den Eigentümerstrukturen nicht mehr viel mit privaten Unternehmen auf freien Märkten zu tun hätten. Private Geld-Alternativen hätten es im Währungswettbewerb unter den heutigen regulatorischen Rahmenbedingungen mit einer Annahmeverpflichtung beim Staatsgeld und teilweise mit Steuern auf Wertgewinnen bei nicht-staatlichem Geld schwierig. Der so wichtige Geldwettbewerb benötige daher einige gesetzlichen Anpassungen und Liberalisierungen, damit er voll zum Tragen komme und damit zur Entschärfung der aktuellen Lage beitragen könne.

Das Buch bestellen:
«Explosive Geldpolitik: Wie Zentralbanken wiederkehrende Krisen verursachen»
(Edition Liberales Institut, 2019)

22. Oktober 2019