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Christentum und Kapitalismus — Ein Plädoyer wider die Instrumentalisierung

Ivan Baron Adamovich

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In Diskussionen über das Verhältnis zwischen Christentum und Kapitalismus fallen oft Glaubenssätze wie «Der Kapitalismus braucht das Christentum» oder «Christentum und Kapitalismus sind unvereinbar». Die Frage nach dem Nutzen oder Schaden des einen philosophischen Gedankensystems und dessen praktischer Konsequenzen für das andere steht schnell einmal im Raum. Im populären Sprachgebrauch wird etwa Max Webers Werk zur protestantischen Ethik — stellvertretend für viele andere — häufig in diese Richtung interpretiert. In den Sozialwissenschaften spüren Forscher heute oftmals den Reiz, die gewaltigen Möglichkeiten der modernen Informationstechnologie mit Hilfe komplexer ökonometrischer, kliometrischer oder sonstiger Modelle dazu zu nutzen, den Einfluss von Religion auf Wirtschaftswachstum, Kriminalitätsraten, Geburtenraten, Scheidungsraten und das allgemeine Glück bis auf die letzte Kommastelle zu berechnen. Natürlich wird dann auch umgekehrt der Einfluss all dieser Raten auf die Religiosität kalkuliert und bewertet. Für den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Christentum lautet dann die Aussage im Extremfall: «Kapitalismus untergräbt das Christentum» oder «Religion ist schlecht für Wachstum und Wohlstand». Die entsprechenden praktischen Konsequenzen werden dann von Kanzeln und Kathedern gefordert.

Das Christentum braucht den Kapitalismus nicht

Eines zeigt uns die Geschichte ganz deutlich: das Christentum, welcher Couleur auch immer, kann sehr gut mit, aber auch sehr gut ohne den Kapitalismus existieren. In seiner zweitausendjährigen Geschichte hat es so ziemlich jedes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem er- und überlebt, das sich die Menschen ausgedacht haben. Es hat diese Systeme auch vielfach mitgestaltet, manchmal bekämpft und sich oft als bemerkenswert anpassungsfähig erwiesen. So gab es zum Beispiel auch im sich explizit atheistisch gebärdenden, real existierenden Kommunismus nicht nur jene Priester, die von der Geheimpolizei verfolgt wurden, sondern eben auch die so genannten «Friedenspriester», die sich mit dem System arrangiert hatten und es teilweise sogar stützten. Wenn man ehrlich ist, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Trotz einiger unverrückbarer — göttlicher — Werte bleiben auch die Kirchen zutiefst menschliche Organisationen, die wohl oder übel in den Zeitgeist eingebettet sind.

Die Behauptung, der Kapitalismus sei dem Christentum förderlich, hört man selten. Häufiger wird, zumindest in Europa, geklagt, der moderne Kapitalismus schade der Religiosität. Dabei wird oft übersehen, dass die Religiosität in der grössten kapitalistischen Nation der Welt, den USA, über eine lange und tiefe Tradition verfügt. Die dort immer wieder auftretende Instrumentalisierung von Religion und Christentum für politische Zwecke wird denn auch diesseits des Atlantiks vielfach mit Befremden quittiert. Klar ist: unabhängig vom gerade herrschenden Gesellschaftssystem besteht, profan und ökonomisch ausgedrückt, eine Nachfrage nach Religion. Menschen suchen in der Regel nach Antworten auf Fragen nach dem Sinn des Irdischen. Daran ändert auch nichts, dass es dabei regionale Unterschiede und Konjunkturen über die Zeit geben mag.

Der Kapitalismus braucht das Christentum nicht

Kein Wirtschaftssystem der Geschichte hat den Menschen so viel Wohlstand bringen können, wie der Kapitalismus. In den entwickelten Industrienationen hat er nicht nur zu grösserem materiellen Reichtum geführt sondern auch zu einer höheren Lebenserwartung und zu grösseren ökonomischen und letztlich auch politischen Freiheiten. Doch der Kapitalismus funktioniert nicht nur in christlichen Gesellschaften. So bekennen sich weit über achtzig Prozent der Japaner zum Shintoismus und Buddhismus, in Südkorea gehören über vierzig Prozent der Bevölkerung keiner Religion an, und in Taiwan sind Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus weit verbreitet. Auch die übrigen aufstrebenden Wirtschaftsnationen Asiens sind nicht christlich. Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das auf Privateigentum, Vertragsfreiheit und Rechtssicherheit basiert, nicht auf einer bestimmten Religion. In den Wirtschaftswissenschaften wird der Einfluss von Religion auf Wohlstand und Wachstum schon seit langem thematisiert. Dabei entpuppt sich die Religion als das Chamäleon der Entwicklungsökonomie. Verharrt ein Land in Armut und Unterentwicklung, werden häufig verkrustete religiöse Strukturen mitverantwortlich gemacht. Kann man sich erfolgreiche langfristige Entwicklungsprozesse nicht erklären, enthält die Religion dagegen plötzlich Werte, die dem Unternehmertum förderlich sind. Paradebeispiel ist China: jahrzehntelang galt der Konfuzianismus als wachstums- und entwicklungshemmend, bereits Max Weber verwies auf dessen Wirtschaftsfeindlichkeit. Heute werden konfuzianistische Disziplin und Lernbereitschaft vielerorts als Grundlagen für das erfolgreiche chinesische Unternehmertum bezeichnet. Ähnlich ergeht es dem Katholizismus. Länder wie Spanien, Italien und Chile galten lange nicht zuletzt wegen ihrer Religion als rückständig, heute betonen Denker wie Michael Novak dem Kapitalismus förderliche Elemente der katholischen Religion. Man darf beinahe gespannt sein, wann islamische Werte als positiv für die wirtschaftliche Entwicklung von Nationen entdeckt werden.

Der Reichtum der Nationen und ethische Gefühle

Vieles spricht also dafür, dass Christentum und Kapitalismus zwar miteinander existieren können, aber nicht aufeinander angewiesen sind. Werden im öffentlichen Diskurs dennoch einfache Kausalzusammenhänge postuliert, in welche Richtung auch immer, müssen diese zwangsläufig dem Verdacht einer Instrumentalisierung für politische oder ideologische Zwecke unterliegen. Führt man sich die aktuelle Kapitalismuskritik und Globalisierungsdiskussion vor Augen, erscheint das weniger trivial, als es klingt. Zu komplex, zu zeitgeistabhängig, zu widersprüchlich sind die Beziehungen zwischen Religion und Wirtschaftssystem, als dass einfache Ursache-Wirkungs-Linien gezogen werden dürften. Es beginnt allein damit, dass viele unterschiedliche Spielarten des Kapitalismus und ebenso viele Varianten des Christentums existieren.

Die Ablehnung einfacher Kausalitäten und Instrumentalisierungen bedeutet jedoch nicht, dass sich Christentum und Kapitalismus nicht gegenseitig befruchten könnten. So schrieb der Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith, in seinem Leben zwei Bücher. Das bekanntere von beiden, «An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations» von 1776, legte die Grundlagen für das, was heute gemeinhin als Kapitalismus bekannt ist: Arbeitsteilung und eigeninteressiertes Handeln der Menschen führen über die unsichtbare Hand von Marktmechanismen und Preisen zu einer Erhöhung der gesellschaftlichen Wohlfahrt. Weniger bekannt ist Smiths zweites Buch von 1759, «The Theory of Moral Sentiments». Hier wird der Mensch als soziales Wesen dargestellt und die Bedeutung von ethischen Werten («Sentiments») für das menschliche Zusammenleben und -wirken betont. Diese Werte entsprechen im wesentlichen einer übergeordneten moralischen Beurteilungsinstanz und beruhen nach Smith nicht zuletzt auf Religion, die bereits in urtümlichen Gesellschaften existierte.

Auch wenn die Zusammenhänge zwischen beiden Werken Smiths zeitweise umstritten waren (in der Fachsprache «Adam-Smith-Problem» genannt), spricht vieles dafür, dass die Werte beim Tausch auf Märkten dann eine Rolle spielen, wenn es um Vertragstreue und Rechtssicherheit geht. So wie sich die beiden Bücher von Adam Smith ergänzen, so ergänzen sich Kapitalismus und grundlegende ethische Werte menschlichen Zusammenlebens. Diese können, müssen aber nicht auf dem Christentum oder einer anderen Religion basieren. Wünschenswert wäre ein offener, konstruktiver Umgang mit dem Verhältnis zwischen Christentum und Kapitalismus, der auf Feindbilder, ideologischen Eifer und Dogmen verzichtet — unabhängig davon, aus welcher Ecke sie kommen mögen.


Dr. oec. Ivan Baron Adamovich ist Kundenberater der Bank Wegelin, St. Gallen.

2006

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