Frédéric Bastiat: La Loi

Ein Gesprächskreis zur klassischen Schrift des liberalen französischen Ökonomen.

Am 17. März widmete sich der Liberale Gesprächskreis Frédéric Bastiats berühmtem Aufsatz La Loi aus dem Jahre 1850. Die Thesen Bastiats wurden von den Teilnehmenden unter der Führung des Gastreferenten Prof. Dr. Christoph Frei von der Universität St. Gallen textnah besprochen und kritisch diskutiert.

Bastiats Thesen in La Loi lauten, dass jeder Mensch ein natürliches Recht auf seine Person, seine Freiheit und sein Eigentum habe und es die eigentliche Aufgabe des Gesetzes sei, dieses Recht zu verteidigen. Durch verschiedenste Interventionen, Regulierungen, Subventionen und durch Protektionismus würde der französische Staat zu Bastiats Zeit diese Aufgabe des Gesetzes massiv verwässern, so dass der Staat zu einem Instrument verkommt, mittels dem jeder jeden enteignen könne. Diese Enteignungen liessen sich stets auf dumme Habgier oder falsche Philanthropie zurückführen.

Bastiat (1801-1850) verbrachte seine Jugend- und Studienzeit in der Region Bayonne, wo er als 24-Jähriger die Verwaltung mehrerer landwirtschaftlicher Betrieben übernahm. Zu dieser Zeit lernte er die Folgen des staatlichen Protektionismus hautnah kennen. Ab 1845 engagierte sich Bastiat in Paris politisch, zunächst als Publizist und dann als Mitglied des Parlaments. Auch dort kämpfte er stets gegen die „schlechte“ Ökonomie an, die er als Auswuchs sozialistischer Ideen identifizierte.

In der Diskussion wurde beispielsweise bemerkt, wie modern Bastiats Menschenbild ist. Bastiat geht grundsätzlich davon aus, dass die Menschen frei, gerecht und rational sein und Leistung erbringen können. Gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, wie die Menschen viele Chancen nutzen, um den Staat und das Gesetz zu ihren Gunsten zu manipulieren und der Verlockung der staatlichen Umverteilungsmaschinerie nur selten widerstehen können. Zur Bastiats Lebzeiten war es vor allem das Besitzbürgertum, welches das Parlament unter seiner Kontrolle hatte und sich durch protektionistische Massnahmen vor ausländischer Konkurrenz zu schützen versuchte. Mit dieser Analyse seiner Zeit nahm Bastiat viele Punkte des heutigen Ansatzes der „rational choice under constraints“ vorweg.

Mit seinem Menschenbild erklärt Bastiat die Entwicklung der französischen Politik hin zu einem rundum verantwortlichen Umverteilungsstaat, in dem Diebstahl legitimiert ist, Brüderlichkeit erzwungen wird, das moralische Empfinden verzerrt wird und Sozialneid und Streit vorherrscht. Dem Status quo setzt Bastiat sein eigenes Idealbild oder vielleicht gar seine Utopie eines liberalen Minimalstaats entgegen, der die Eigenleistung schützt, in dem natürliche Brüderlichkeit herrscht, in der Eigenverantwortung eine Norm ist und in dem natürlicher Fortschritt stattfindet.

Trotz der Vorwegnahme vieler Ideen, die erst später in der politischen Ökonomie breit diskutiert wurden, wirkten für viele Teilnehmende des Gesprächskreis aber Bastiats Ansichten etwa zur Demokratie und seine kritische Distanz zum allgemeinen Wahlrecht eher antiquiert. Auch die von Bastiat vorgenommene Verbindung des Liberalismus mit dem Katholizismus wirkt aus heutiger Sicht überraschend, auch wenn in der Diskussion nicht ausgeschlossen wurde, dass die beiden Denk- und Glaubenssysteme kompatibel sein können.

Was die einzelnen Liberalen heute, wo die politischen Verhältnisse noch immer eher jenen in Frankreich zu Bastiats Zeit als jenen in Bastiats Idealbild gleichen, tun können, war immer wieder Gegenstand der Diskussion. Darf man als Liberaler ein Nutzniesser des Umverteilungsstaats sein, dem man eigentlich kritisch gegenübersteht? Sollte man diesen Umverteilungsstaat öffentlich kritisieren oder gar parteipolitisch bekämpfen? Zu diesen Fragen bietet Bastiats Text schlussendlich keine endgültigen Antworten. Aber Bastiat selber hat mit La Loi der Sache der Freiheit einen grossen Dienst erwiesen.

March 17, 2009