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Persönliche Freiheit als Basis des Zusammenlebens

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Auch die Einzelperson tut gut daran, zunächst ihre persönliche Freiheit zu nutzen, um Selbstvorsorge zu betreiben.

1. Zur Anpassung

Der Fachausdruck für Anpassung heisst Assimiliation (als Resultat) und Assimilierung (als Vorgang). Assimilationsprozesse sind sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Wörtlich bedeutet assimilieren „einander ähnlich, bzw. gleich werden“. Dieser Vorgang kann durch zwei unterschiedliche Methoden erfolgen. Man kann sich adaptieren, d.h. sich selbst verändern und dem Umfeld anpassen, indem man sich dafür geeigneter (aptus) macht. Oder man kann die Umwelt akkommodieren, damit sie für einen bequemer (commodus) wird. Je aktiver und mächtiger man ist, desto mehr kann man akkommodieren. Dem Kleinen und Schwachen bleibt nichts anderes übrig, als sich zu adaptieren oder von anderen akkommodiert zu werden und das Bestmögliche daraus zu machen.

Assimilation, die Mischung von Adaptation und Akkommodation (eine Unterscheidung, die auf den Entwicklungspsychologen Jean Piaget zurückgeht), ist nur der eine Pol im Spannungsfeld, das persönliche Freiheit ermöglicht und erzeugt.

2. Zum Widerstand

Der andere Pol, der mir persönlich näher liegt, ist der Widerstand. Persönliche Freiheit beruht auf der Ablehnung von Zwang und auf der Weigerung, etwas zu tun, das einem widersteht. Aber der Widerstand konsumiert viel Energie. Es ist nicht jener Mensch persönlich am freiesten, der permanent Widerstand leistet und seine ganze Energie in die Abwehr der Aktivitäten anderer investiert. Die permanente Rundumverteidigung ist kein konstruktives Lebensprojekt, und „wer alles defendieret, defendieret nichts“(Friedrich der Grosse). Jede Partnerschaft beruht auf einer Kombination von Selbstbehauptung und Nachgeben. Der persönlich freie Mensch muss seine ihm zuträgliche Mischung von Anpassung und Widerstand immer wieder neu suchen und finden.

3. Non-zentrale Experimente

Dasselbe gilt auch für Gemeinschaften. Das Erfolgsgeheimnis der Schweiz beruht auf der Lernbereitschaft im Umgang mit Anpassung und Widerstand. Zwischen 1798 und 1848 fanden auf kantonaler Ebene verschiedene politische Experimente statt, die dann 1848 zu einem Kompromiss zwischen zentralistischem Anpassungsdruck und föderalistischem Widerstand führten. Gegenüber einem durchaus feindlich gesinnten aussenpolitischen Umfeld, hatte man damals den Mut zum Sonderfall. Die Kleinheit der Schweiz zwingt uns im Zeitalter der Globalisierung zu intensiven Anpassungen an unser Umfeld. Aber sie fordert auch unsere Bereitschaft zum gezielten Widerstand heraus, und ich halte die letztere zur Zeit für vordringlicher. Da es kein Rezept für die „jeweils richtige Mischung“von Anpassung und Widerstand gibt, braucht es auf allen Ebenen non-zentrale Experimente, bei denen sich das Erfolgreiche empirisch ermitteln lässt.

Ein heterogenes System von kleinen Lerneinheiten ist darum besser und immuner, weil es eine gezielte Fehlervermeidung erleichtert und ein Lernen am Erfolg anderer ermöglicht. Auch dies gilt unter Personen und unter politischen Gemeinschaften in gleicher Weise. Die Souveränität bzw. die Autonomie ist gewissermassen die „persönliche Freiheit“des Gemeinwesens.

4. Trennung von Staat und Wirtschaft

In einer Zeit der immer intensiver werdenden persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Vernetzung ist es besonders wichtig, sich auf den liberalen Grundsatz der Trennung von Staat und Gesellschaft, und speziell der Trennung von Staat und Wirtschaft zu erinnern. Er ist das wirtschaftspolitische Pendant zum Schutz der persönlichen Freiheit, zu der auch die Wirtschaftsfreiheit gehört und zwar beim Produzenten und beim Konsumenten, beim Arbeitgeber und beim Arbeitnehmer, die sich als gleichberechtigte Partner auf einem offenen Markt begegnen sollen.

Die Wirtschaft muss sich nach den ihr passenden Bedingungen international vernetzen, und es ist ein Irrtum, zu glauben, der Staat müsse in vergleichbaren Dimensionen mit autarken Volkswirtschaften nachziehen. Ein europäischer Markt braucht keinen europäischen Staat und die Weltwirtschaft braucht keinen Weltstaat. Die Gewährleistung von Recht und Ordnung und die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur ist auch in kleinen politischen Gemeinschaften möglich. Sozialpolitik ist umso gezielter und umso wirksamer, je näher sie bei den Betroffenen und Beteiligten ist. Nur die Führung grosser Angriffskriege und globaler Interventionen ist dem Kleinen verwehrt, und das ist kein Nachteil. In der Terrorabwehr und in asymmetrischen Konflikten kann er vielleicht sogar erfolgreicher agieren als der immer verletzlichere Grosse. Die Vorstellung einer wirtschaftlichen Autarkie in einem politisch und wirtschaftlich deckungsgleichen, nationalen oder supranationalen Raum ist restlos überholt, und die Meinung, Sicherheit sei nur im Verbund mit Grossmächten zu gewährleisten, ist gefährlich. Die „Festung Europa“(die sich gegen die USA und gegen Asien wappnet) ist sowohl wirtschaftspolitisch als auch sicherheitspolitisch ein total veraltetes Konzept.

Kooperation ist übrigens ein Schönwetterprogramm, und die Verpflichtungen gegenüber Vertragspartnern sind das erste, das in einer Krise dem wieder aufflackernden nationalen Eigeninteresse geopfert wird. Das muss vor allem der Kleine und Reiche beherzigen, der in einer grösseren, nach demMehrheitsprinzip funktionierenden Gemeinschaft ohnehin Gefahr läuft, immer im dümmsten Moment überstimmt oder übergangen zu werden.

Auch die Einzelperson tut gut daran, zunächst ihre persönliche Freiheit zu nutzen, um Selbstvorsorge zu betreiben und sich nur im Ausnahme- und Notfall auf Beziehungsnetze zu verlassen. Diese sind wichtig und in einer hoch arbeitsteiligen Zivilgesellschaft unabdingbar. Doch sollte man sie möglichst ohne Zwang und nach den eigenen Vorstellungen von Anpassung und Widerstand knüpfen. Das macht sie auch im Einzelfall geeigneter und im gemeinsamen Notfall robuster.


Votum am Schlussgespräch „Ja zur eigenständigen Schweiz“im Rahmen des Unternehmerforums Lilienberg

August 2005

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