Überbevölkerung: Ein Missverständnis

Olivier Kessler

Die Vorstellung, dass es dem Einzelnen und der Umwelt umso schlechter ginge, je mehr Menschen es gäbe, ist falsch.

Lediglich eine Milliarde Menschen bevölkerten den Planeten vor 200 Jahren inmitten der Industriellen Revolution. Im Jahr 1974 waren es vier Milliarden, 1999 sechs Milliarden und im Jahr 2023 acht Milliarden. Unter Meinungsmachern herrscht heute erstaunliche Einigkeit: Je mehr Menschen, desto schlechter ist das für die Menschheit und die Umwelt. Erstaunlich deshalb, weil diese These längst widerlegt worden ist.

Schon 1798 warnte der Ökonom und Pfarrer Thomas Robert Malthus angesichts des sich abzeichnenden Bevölkerungswachstums, dass der Menschheit Armut, Hunger und Verderben drohe, weil die Versorgung mit Nahrungsmitteln mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten könne. Es kam bekanntlich anders. Der Kollaps ist ausgeblieben. Die weltweite Armut konnte in der Zwischenzeit trotz Bevölkerungswachstum stark reduziert werden.

Laut Angaben der Weltbank haben relativ freie internationale Märkte allein seit 1990 über einer Milliarde Menschen geholfen, der Armut zu entkommen — insbesondere in Entwicklungsländern. Mussten im Jahr 1990 noch 37,1 Prozent der Weltbevölkerung mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen, ist dieser Anteil heute auf unter 10 Prozent gefallen (die Inflation wurde dabei mitberücksichtigt). Fast 130.000 Menschen am Tag sind also im Durchschnitt seither der extremen Armut entflohen, obwohl die Weltbevölkerung im gleichen Zeitraum um 2 Milliarden wuchs. Auch Analphabetismus und Kindersterblichkeit sind in der gleichen Periode um die Hälfte gefallen.

Je mehr Menschen es gibt, desto besser geht es jedem Einzelnen. Wie kann das sein? Wie ist das möglich? Dafür gibt es verschiedene Gründe.

1. Je mehr Menschen, desto mehr Innovationen

Es ist eine Binsenweisheit, dass materielle Ressourcen knapp sind und unser Planet nicht endlos viel für die Produktion von Gütern hergibt. Die «ultimative Ressource» ist jedoch der Mensch selbst, wie es der Ökonom Julian Simon ausdrückte. Die Chancen stehen umso besser, dass jemandem eine nützliche Innovation einfällt, desto mehr Köpfe es gibt. Innovationen, von denen nicht nur der Innovator, sondern auch alle anderen Menschen profitieren, die diese Innovation imitieren oder erwerben können.

Im Gegensatz zu anderen Lebewesen ist der Mensch in der Lage, sich nützliche Vorgehensweisen, Technologien, Werkzeuge von anderen abzugucken und nachzuahmen. Die Entwicklung des menschlichen Lebewesens ist also durch eine kulturelle Evolution geprägt, und nicht nur durch eine genetische Evolution. Erstere geht wesentlich rascher vonstatten als letztere, weil letztere Generationen benötigt, damit sich neue nützliche Fähigkeiten ausbreiten können. Dies gilt heute im Internetzeitalter umso mehr. Mehr als die Hälfte aller Menschen verfügt heute über eine Internetverbindung, weshalb es heute einfacher denn je ist, Informationen und Wissen über grosse Distanzen hinweg innert Sekundenbruchteilen auszutauschen.

Forscher vermuten, dass der plötzliche Fortschritt in Kunst, Kultur und der ausgeklügelten Werkzeugherstellung im westlichen Eurasien vor rund 45.000 Jahren sowie in Afrika und im Nahen Osten, als dort erstmals modernere Verhaltensweisen auftraten, auf die grössere Bevölkerungsdichte zurückgeführt werden kann. Mehr Menschen lebten so nahe beieinander, um Know-how und Fertigkeiten untereinander auszutauschen.

Der Wissenschaftsautor Matt Ridley zeigte auf, dass Fortschritt entsteht, wenn «Ideen Sex miteinander haben». Die Welt wurde durch neuartige Kombinationen revolutioniert: Rad und Achse, Nadel und Faden, das Handy und das Internet. Je mehr Menschen es erlaubt ist, neue Kombinationen auszuprobieren und zu experimentieren, desto wahrscheinlicher hebt sich unser Lebensstandard an.

2. Geringere Gefahr des Vergessens

In kleineren Gruppen ist ausserdem die Gefahr grösser, dass Technologien und Methoden wieder in Vergessenheit geraten als in grösseren Gruppen. Fertigkeiten und Ideen müssen erhalten und an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. In einer grösseren Bevölkerung gibt es viele Lehrer und viele Lernende, weshalb das Vergessen oder Aussterben von Wissen hier unwahrscheinlicher ist.

Dies musste auch die kleine Bevölkerung von Tasmanien auf schmerzhafte Weise erfahren, als sie vor 10.000 Jahren durch einen steigenden Meeresspiegel von Australien abgeschnitten wurde. Die rund 4.000 Menschen brachten isoliert vom Rest der Welt nicht nur keine Innovationen hervor, sondern nach und nach verschwanden dort Methoden, die man früher noch benutzte. Ein Blick in die Archäologie zeigt, dass die Qualität, Vielfalt und Häufigkeit der Knochenwerkzeuge vor 8.000 bis vor 3.000 Jahren abnahm, bevor sie dann komplett verschwanden.

3. Stärkere Arbeitsteilung

Je mehr Menschen es gibt, desto intensiver kann auch die Spezialisierung und Arbeitsteilung ausfallen. Wenn jeder sich auf das spezialisieren kann, worin er besonders gut ist, kann die Produktivität gesteigert werden. Alle können so auch mehr Zeit und Energie einsetzen, um in ihrem Bereich noch besser zu werden, sodass es zu immer weiterem Wohlstandzuwachs für breite Schichten kommt.

Natürlich ist die Voraussetzung für diesen Anstieg der Lebensstandards möglichst unbehinderte Märkte, damit die Menschen frei Produkte und Dienstleistungen nachfragen und anbieten können. Wo freiwillig getauscht wird, da stellen sich alle beteiligten Tauschpartner besser, denn ansonsten würden sie nicht tauschen. Tauschen ist also kein Nullsummenspiel, sondern eine Win-Win-Situation.

Studien haben gezeigt, dass Menschen in einer grösseren Stadt mehr Wert generieren als in einer kleineren. In den USA ist eine Stadt, die bevölkerungstechnisch zehnmal so gross ist wie eine andere, 17 Mal so innovativ. Ist sie gar 50 Mal so gross, ist die Stadt 130 Mal so innovativ.

Je mehr Menschen, desto grösser die Ressourcenausbeutung?

Nun wird gelegentlich behauptet, dass dieser menschliche Fortschritt auf Kosten unseres Planeten gehe, den wir immer rücksichtsloser ausbeuten und die Umwelt zerstören würden. Doch auch diese Geschichte gehört in den Bereich der Mythen.

Die Praxis hat gezeigt, dass sich immer mehr Menschen um den Umweltschutz kümmern, je besser es ihnen geht. Das leuchtet auch ein: Zunächst einmal geht es darum, sich und seine Liebsten mit Nahrung, Kleidern und Medizin zu versorgen, also ums nackte Überleben. Erst, wenn diese Grundbedürfnisse gestillt sind und man genügend Ressourcen über das Existenzminimum hinaus erwirtschaftet, kann man sich weiteren Faktoren wie etwa dem Umweltschutz zuwenden. Mehr Wohlstand bedeutet also nicht mehr Umweltverschmutzung — ganz im Gegenteil.

Gerade in wohlhabenden Ländern zeigt sich eine erhöhte Nachfrage nach umweltschonenderen Standards der nachgefragten Produkte. Entsprechend kommt es zu ständigen unternehmerischen Innovationen, um diesen Bedürfnissen der Konsumenten nachzukommen. Wohlhabende Gesellschaften in den westlich geprägten Industrieländern fordern mit ihrem ökobewussten Konsumverhalten sauberere Produktionsmethoden ein, leisten sich Autos mit Abgasfiltern, bleifreies Benzin, Klär- und Kehrrichtverbrennungsanlagen, die Aufforstung von Wäldern, den Schutz der Artenvielfalt, Bio-Produkte und Spenden an Umweltorganisationen sowie für den Tierschutz. Dass die Öko-Bewegung ihre Wurzeln gerade im reichen Westen geschlagen hat, ist kein Zufall.

Höhere Lebensstandards bedeuten aber auch nicht, dass die Menschen mehr Ressourcen verbrauchen und damit die Umwelt vermehrt ausbeuten. Gerade liberale Marktwirtschaften ermöglichen es, immer mehr Bedürfnisse mit immer weniger Ressourcen zu befriedigen. Man denke nur einmal daran, wie viele vorherige Alltagsgeräte allein das Smartphone obsolet gemacht hat: Klobige Radios, Wecker, Telefonkabinen und der heimische Telefonapparat, separate GPS-Geräte, gedruckte Zeitungen, dicke Lexika und Telefonbücher, Fotoapparate und Videokameras, Taschenlampen und vieles weiteres. Diese teils materialintensiven Geräte und Produkte müssen heute nicht mehr oder nicht mehr im selben Umfang hergestellt werden, was natürliche Ressourcen schont.

Geschlossen vs. offen: Davon hängt unser Überleben ab

Wie Friedrich August von Hayek in seinem Werk «Verfassung der Freiheit» betonte, beruht das Überleben der heutigen Milliardenbevölkerung und die moderne Zivilisation auf der Aufrechterhaltung und Verteidigung der liberalen Grundordnung. Von der Freiheit der Nutzung individuell gebundenen und in der Arbeitsteilung weit verstreuten Wissens, das durch Wettbewerb im freien Markt mit dem Signalsystem der Preise und auf Basis verbindlicher moralischer Regeln für das Gemeinwohl nutzbar gemacht wird, hängt es ab, ob wir unsere aktuelle Blütezeit mitsamt all dem unglaublichen Fortschritt für Mensch und Umwelt aufrechterhalten können.

Dies schaffen wir jedoch nur, wenn sich falsche und destruktive Ideen nicht durchsetzen, wie etwa jene, dass wir auf eine Bevölkerungsreduktion hinarbeiten müssten. Denn dies wäre ein Brandbeschleuniger für allerlei moralische Korruption und Türöffner für Verbrechen an der Menschlichkeit, weil inhumane Massnahmen wie Geburtenkontrollen, Zwangssterilisationen bis hin zu Kriegen mit Millionen von Toten unter dieser Prämisse plötzlich als legitim erscheinen können.

Es ist der anhaltende Kampf, der ausgefochten werden muss zwischen Offenheit und Geschlossenheit, zwischen Freiheit und Knechtschaft, zwischen Frieden und Krieg, und in letzter Konsequenz zwischen Leben und Tod. Bleiben wir wachsam.


Dieser Beitrag ist in gekürzter Version in der NZZ erschienen.

Olivier Kessler ist Direktor des Liberalen Instituts in Zürich.

Januar 2023

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