Bekannte Schemen in der Altersvorsorge verlassen

Eine Studie schlägt vor, die AHV abzuschaffen und ganz auf individuelle Kapitalisierung zu setzen.

Das Drei-Säulen-System in der Altersvorsorge hat sich in der Schweiz bewährt. So sehr, dass sich viele andere Staaten daran orientieren möchten. Entsprechend bleibt die am 24. September zur Abstimmung gelangende Altersvorsorge 2020 innerhalb dieses Systems. Sie verschiebt allerdings das Gewicht weg von der zweiten Säule (berufliche Vorsorge) hin zur ersten, der AHV.

Dem System wohnen zwei grosse Probleme inne: Es ist anfällig auf die Alterung der Bevölkerung. Das gilt speziell für das Umlageverfahren in der AHV — es kann auf Dauer nur funktionieren, wenn die Bevölkerung altersmässig stabil strukturiert ist. Wird sie stets älter, wie dies in der Schweiz und den anderen Industrieländern der Fall ist, sind die Probleme programmiert.

Zudem ist das Schweizer System stark politisiert. Die AHV ist staatlich aufgebaut. Die zweite Säule ist zwar privat organisiert, jedoch geprägt von einer enormen Regulierungsdichte, und sie unterliegt grossem staatlichen Einfluss. Das hat zur Folge, dass sie enorm kompliziert geworden ist. Insgesamt ist die Altersvorsorge zu einer riesigen, ineffizienten Umverteilungsmaschine geworden.

Völlige Neuorientierung

Daran stossen sich Pierre Bessard, Direktor des Liberalen Instituts, und Paolo Pamini, Ökonom und Steuerexperte. Sie haben die Studie «Jenseits des Drei-Säulen-Mythos» erarbeitet, die für eine völlige Neuorientierung der Vorsorge plädiert. Die Autoren weisen darauf hin, dass das Umlageverfahren heute in der AHV nicht sauber umgesetzt sei. So werden nur rund 72% des Rentenauszahlungen durch Beiträge von Arbeitnehmern und -gebern finanziert, der Rest über Steuern. Und sie monieren, dass dadurch weder Wohlstand noch Mehrwert geschaffen wird.

Als Alternative schlagen sie den Übergang zu einem System der individuellen Kapitalisierung vor. Die AHV würde nach einer langen Übergangsfrist auslaufen, so dass jedoch keine bestehenden Rentner Einbussen erleiden müssen. Die individuelle Kapitalisierung wäre ein reines Kapitaldeckungsverfahren, analog der heutigen zweiten Säule. Jeder hätte sein eigenes Vorsorgekonto. Das entspricht einer Gegenposition zu den linken Vorstellungen einer umfassenden Volkspension, die über Steuern zu finanzieren wäre.

Gemäss der Studie würden mit der individuellen Kapitalisierung die Eigentumsrechte der Sparer wieder respektiert und die Umverteilung würde gestoppt. Zudem hätte der Staat keinen Einfluss mehr, die Versicherten könnten über ihre Vorsorgekonten frei verfügen. Diese reine Kapitalisierung hätte gemäss den Studienautoren zudem den Vorteil, dass Lohnbeiträge wegfallen und Steuern reduziert würden, damit hätten die Individuen einen grösseren Spielraum zum Sparen.

Das Modell würde auf drei Plänen basieren: Der Sparplan dient dem Aufbau des Vermögens. Dabei ist es besonders wichtig, dass der Sparprozess so früh wie möglich einsetzt, damit der Mechanismus der Zinseszinsen über eine lange Zeit genutzt werden kann. Das Individuum kann dabei den monatlichen oder jährlichen Sparbetrag selbst wählen. Der Anlageplan regelt die Anlage der angesparten Gelder. Staatliche Vorgaben für die Vermögensanlage gibt es nicht. Schliesslich bestimmt der Rentenplan die Altersrente.

Die konkrete Ausgestaltung beruht dann auf sieben Variablen: dem Beginn des Sparplans, dem Ende des Sparplans sowie dem regelmässigen Sparbetrag. Weiter auf der Anlagerendite, dem frei wählbaren Pensionierungsalter, also ab wann die Rente ausbezahlt wird, der Annahme des Todesalters bzw. des Rentenendes sowie einer allfällig erwünschten verbleibenden Erbmasse. Aufgrund dieser Modelle sind gemäss den Autoren vergleichbare Renten realisierbar wie im heutigen Drei-Säulen-System.

Die individuelle Kapitalisierung hätte einige Vorteile. Die Altersvorsorge würde entstaatlicht und damit dem politischen Einfluss entzogen. Sie wäre auch nicht mehr abhängig von der Alterung der Bevölkerung. Zudem wäre Umverteilung ausgeschlossen. Das System als Ganzes würde wesentlich effizienter und damit auch volkswirtschaftlich günstiger. Das Modell zeige, so die Autoren, dass sich alle Bürger eine individuelle Altersvorsorge leisten könnten, wenn sie frühzeitig im Leben mit deren Finanzierung begännen.

Das Modell hat allerdings auch erhebliche Schwächen. Eines der grössten Probleme ist die Gefahr eines sogenannten «Moral Hazard». Das Individuum hat zu wenig Anreize, eine wirklich tragfähige persönliche Vorsorge aufzubauen, wenn es weiss, dass ihm im Notfall jemand — der Staat — unter die Arme greifen wird.

Diese Gefahr ist umso grösser, wenn diese individuelle Vorsorge nicht obligatorisch ist — dazu äussern sich die Autoren nicht. Ein ähnliches Problem stellt sich, wenn die individuelle Vorsorge Einzelner zu dürftig ausgestaltet ist, sie also Konsum dem Sparen vorziehen, und die resultierende Rente zu klein ist. Ein erheblicher Risikofaktor ist zudem die Verzinsung der angesparten Gelder. Das Risiko von langen Niedrigzinsphasen — wie aktuell — wird im System kaum aufgefangen.

Das vorgeschlagene Modell der individuellen Kapitalisierung dürfte auf absehbare Zeit politisch nicht realisierbar sein. Das Drei-Säulen-System ist zu tief verankert und weist durchaus auch Vorteile auf. Der radikale Wechsel käme einer Revolution gleich, die politische Mechanik der Schweiz lässt dergleichen kaum zu — es sei denn, der Leidensdruck wird übermächtig. Die Studie zeigt aber, dass die viel zitierte «Alternativlosigkeit» auch im Bereich der Altersvorsorge nicht gegeben ist.

Wichtige Entpolitisierung

Das Denken ausserhalb der altbekannnten Konzepte kann jedoch zu wertvollen Einsichten führen. So wird besonders klar, dass das Umlageverfahren in alternden Bevölkerungen früher oder später an Grenzen stösst. In seiner aktuellen Ausgestaltung ist es zudem durchaus ineffizient. Und wie weit die damit verbundene enorme Umverteilung wirklich sinnvoll ist, darf auch diskutiert werden.

Ähnliches gilt für die zweite Säule, die hoffnungslos überreguliert und völlig unübersichtlich geworden ist. Eine konsequente Individualisierung der beruflichen Vorsorge und ein Ausmerzen der an sich nicht vorgesehenen Umverteilungsmechanismen würde das System wesentlich vereinfachen und die Wirksamkeit steigern. Zudem sollte auch ernsthaft über die Möglichkeit der freien Wahl der Pensionskasse nachgedacht werden.

Einem Anliegen der Autoren ist vorbehaltlos zuzustimmen: Die Altersvorsorge muss dringend entpolitisiert werden. Es kann nicht sein, dass technische Grössen und Bestimmungen zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden. Das ist einer der Gründe dafür, dass das System nur so schwer reformierbar ist.

Peter Morf, Finanz und Wirtschaft

20. September 2017