Nationalität und liberale Universalität

Pierre Bessard

Vor lauter Identitätspolitik wird die kosmopolitische Dimension der freien, prosperierenden Gesellschaft oft übersehen.

Freunde der individuellen Freiheit tun sich in der Regel schwer mit Nationalkollektivismus oder Nationaletatismus. Tatsächlich sind nationale Zentralstaaten ein relativ junges Phänomen, das vor allem im späten 19. Jahrhundert mit den Einigungen Deutschlands und Italiens und im 20. Jahrhundert mit einer militaristischen und imperialistischen Eskalation seine verhängnisvollsten Ausdrücke fand. Nichtdestotrotz bleiben Nationalstaaten heute die mehr oder weniger unbestrittenen Eckpfeiler der offiziellen Ordnung — mit einer beispiellosen moralischen Relativität gegenüber repressiven und kriminellen politischen Regimes, wie das fragwürdige Prinzip der «souveränen Gleichheit» der Vereinten Nationen (die eine Vereinigung von Staaten und nicht von Nationen ist) deutlich macht. Die Frage der nationalen Identität aus einer verengten nationalstaatlichen Sicht stellt den Freiheitsfreund daher vor eine nicht banale Herausforderung.

Nationale Identität

Vor dem Zeitalter des verallgemeinerten, massendemokratischen oder diktatorischen Nationalstaates manifestierte sich das Spannungsverhältnis zwischen Nationalität und Individualität noch weniger eindeutig. Besonders anschaulich und stellvertretend hierfür sind die Lebensläufe der beiden liberalen Aufklärungspersönlichkeiten Benjamin Constant (1767-1830) und seiner Mitstreiterin und Geliebten Germaine de Staël (1766-1817). War Benjamin Constant etwa Lausanner (gemäss seinem Geburtsort), Schweizer, Pariser (nach dem Ort, wo er politisierte und ablebte), Franzose, oder eher Waadtländer aufgrund seiner Mitwirkung in der Gruppe von Coppet und des Herrschaftssitzes seiner Vorfahren in Hermenches? Oder war er vielmehr aus dem Artois, woher seine Hugenottenfamilie ursprünglich stammte? War gleichermassen Madame de Staël Schweizerin, Schwedin durch Heirat, Genferin oder Preussin aufgrund ihrer Abstammung väterlicherseits oder eher Waadtländerin aufgrund der Herkunft ihrer Mutter und der Lage ihres Schlosses, oder Pariserin, wo sie geboren wurde und gross geworden war und später starb? Oder waren unsere beiden Protagonisten schlicht Europäer angesichts ihrer grenzüberschreitenden Ausbildung und Breitenwirkung?

Diese Fragen sind nicht nur Stoff für historische Forschungsarbeiten, sondern spornen hochaktuelle und -relevante Überlegungen zum Wesen der Nationalität und der identitären Zugehörigkeit an.

Wahrscheinlich fühlten sich Benjamin Constant und Madame de Staël unabhängig von ihrer formellen Staatsangehörigkeit zugleich als Schweizer und Franzosen, indem sich ihre Gefühle und ihr Tatendrang vor allem in Paris und am Genfersee ausbreiteten. Kulturell haben sich beide in der Schweiz mindestens als symbolisches Land der Freiheit wiedererkannt. Madame de Staël reiste gar 1804 nach Weimar (mit dem Pferdewagen!) zur Première von Friedrich Schillers Wilhelm Tell.

Die Schweiz schätzten sie als Land der religiösen und geistigen Freiheit, später auch der politischen Freiheit. Eine erste Antwort jenseits der Genealogie wäre also die folgende: Wie Voltaire, der seine Briefe aus Lausanne mit «le Suisse» unterzeichnete, weil er das Schauspiel überzeugender und das Publikum ehrlicher fand als in Paris, ist der Mensch der Aufklärung in erster Linie ein Angehöriger der Menschheit, ihrer Kultur und Zivilisation, nicht einer nationalen Enge.

Vom Wert der Nation und der Gefahr ihrer Überhöhung

Die Nation soll umgekehrt vor allem die individuelle Freiheit sicherstellen, was in einer politisch vereinheitlichten Welt kaum möglich wäre. Die Universalität des denkenden Menschen setzt daher kein Negieren a priori der Nationen oder der natürlichen Gemeinschaften, die sie ausmachen, und noch weniger eine politische Zentralisierung voraus. Es handelt sich bei der liberalen Universalität um eine individuelle, keine kollektive Grösse. Die künstliche Fixierung auf das «Nationale» der heutigen zentralisierten Nationalstaaten (inklusive zu einem gewissen Grad der Schweiz) verneint und unterschätzt hingegen die ausserordentliche Vielfalt nicht nur kleinerer, offenerer nationaler Gemeinschaften (wie etwa Städte, Provinzen und Kantone), sondern auch der persönlichen Individualitäten.

Für Benjamin Constant und Madame de Staël, die die französische, angelsächsische, deutsche und italienische Kulturen und Sprachen kannten und pflegten, würde der blinde und bedingungslose Gehorsam gegenüber einer Nation der nötigen Distanz widersprechen, die für gute politische Entscheide unabdingbar ist: Kein Land ist ideal, jedes muss durch das Prisma der Freiheit beurteilt werden. Es ist nach ihrer Auffassung besser, sich fremd im eigenen Land zu fühlen, um einen hellen Geist zu bewahren. Wir sind hier natürlich sehr weit von den kleinmütigen und obrigkeitsgläubigen Verteidigern jedes gesetzlichen Status quo, jeder staatspatriotischen Treuepflicht und jeder «Institution des nationalen Zusammenhalts» entfernt.

Diese individuelle Realität des nationalen Gefühls, die sich der Verstaatlichung und der primitiven, kollektivistischen Geiselnahme der Person gemäss willkürlichen Kriterien wie dem Geburtsort widersetzt, wurde vom grossen französischen Geisteswissenschaftler Ernest Renan in seiner berühmten Rede aus dem Jahr 1882 «Was ist eine Nation?» hervorragend zusammengefasst: «Geben wir das Grundprinzip nicht auf, dass der Mensch ein vernünftiges und moralisches Wesen ist, ehe er sich in dieser oder jener Sprache einpfercht, ein Angehöriger dieser oder jener Rasse, ein Mitglied dieser oder jener Kultur.»

Die Nation als Wertegemeinschaft

Die Anerkennung dieses Prinzips soll eine Nation nicht daran hindern, das tatsächliche Bestehen einer zivilen oder politischen Gemeinschaft zu widerspiegeln. Nationen entspringen aber immer dem individuellen Willen ihrer Bürger (dem etwas überstrapazierten Begriff der «Willensnation», der hier sofort in den Sinn kommt, ziehe ich allerdings den etwas persönlicheren Begriff der «Wahlheimat» vor). Wie es Renan hervorhebt, unterscheidet sich die Menschheit grundlegend von der Zoologie: «In ihr ist die Rasse nicht alles, wie bei den Katzen und Nagetieren, und man hat nicht das Recht, in der Welt herumzugehen und die Schädel der Leute zu messen, um sie dann bei der Gurgel zu packen und ihnen zu sagen:  Jenseits der anthropologischen Merkmale gibt es die Vernunft, die Gerechtigkeit, das Wahre und das Schöne, die für alle dieselben sind.»

Die menschliche Erfahrung lehrt bitter, dass physische oder zufällige Merkmale niemals politische Kriterien sein dürfen, sollten der Fortschritt nicht angehalten und individuelle Rechte nicht verletzt werden. Nationen bestehen überall aus bunten Mischungen, inklusive in Deutschland, wo das reine Germanentum eine unendlich tragische Illusion wurde. Traditionelle multikulturelle melting pots wie die Schweiz oder die Vereinigten Staaten, die durch einen starken Symbolismus der Befreiung gegen die Tyrannei gegründet und zusammengehalten wurden, bauten ihren überdurchschnittlichen Wohlstand auf Grundlage ihrer Offenheit auf.

Natürliche, gefühlte und gewählte Nationen haben daher keine unmittelbare Verbindung zu den üblichen, oberflächlichen Kriterien der familiären und dynastischen Geschichte, der Ethnie, der Sprache, der Religion oder der Geographie. Eine Nation ist vorerst eine geistige Realität, eine Wertegemeinschaft, die den heutigen politischen Gebietskörperschaften oft zuwiderläuft, wie die zahlreichen Sezessionsbestrebungen rund um die Welt veranschaulichen: Verstaatlichung und Politisierung sind nicht selten Gegenpole zu den tatsächlich empfundenen Gefühlen der Solidarität und des Lokalpatriotismus, die Nationen einflössen.

Freiwillige Mitgliedschaft

Eine Nation ist ein empirisches Abbild des gesellschaftlichen Lebens, solange sie für ihre Mitglieder akzeptabel bleibt. Sie muss daher immer freiwillig sein, und Sezessionen und Migrationen tolerieren, um legitim zu bleiben. Für Benjamin Constant und Germaine de Staël mag die Diaspora der Intellektuellen rund um den höchsten Wert der Zivilisation, die individuelle Freiheit, die echte Nation gewesen sein.

Jeder soll seine Nation wählen und ändern können. Assimilation durch die Vertragsfreiheit und produktive Arbeit sind hier entscheidend. Die Arbitrage durch die heutige Personenfreizügigkeit in Europa ist ein Beispiel liberaler Universalität, dessen Bedeutung der staatsgläubige und nationalkollektivistische Geist nicht korrekt einschätzen kann: Der Wohlfahrtsstaat der überpolitisierten und bürokratisierten Nation ist heute das Haupthindernis für die individuelle Selbstregulierung der offenen Nation. Dennoch ist Offenheit die einzige Bedingung, die mit der Universalität der menschlichen Kultur kompatibel ist. Und dies hängt stark vom Freiheitsgrad einer Nation ab: je zwangskollektivierter eine Nation ist, desto geschlossener wird sie. Um mit Ernest Renan abzurunden: «Der grösste Ruhm einer Nationalregierung liegt nicht in dem, was sie macht, sondern in dem, was sie gewähren lässt.»

Mai 2018

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