Als sich die Kirchen im Westen zu leeren begannen, war es nicht so, dass die Menschen an nichts mehr glaubten – das redeten sie sich nur ein. Sie glaubten fortan daran, dass Menschen in weissen Kitteln alle Geheimnisse dieser Welt entschlüsseln und wir dadurch selbst zu den Herrschern des Universums aufsteigen könnten.
«Die Wissenschaft» ist seither für immer mehr Menschen eine Art letztinstanzliches Wahrheitsministerium. Allwissende Experten erklären uns nicht nur, wie die Dinge beschaffen sind und funktionieren, sondern beanspruchen auch, der Gesellschaft Anweisungen zu erteilen, wo es lang gehen soll. Ihre Studien stellen dabei für viele eine abschliessende Verkündung der Wahrheit dar.
Doch wer oder was ist «die Wissenschaft» überhaupt? Wer entscheidet, welche der vielen Studien nun Gewicht im öffentlichen Diskurs erhalten, welche Fachdisziplinen für eine konkrete Fragestellung als relevant erachtet werden, welche Methode die geeignete ist? Wer wählt die sogenannten «Experten» aus, die Sachzwänge behaupten und der Politik «wissenschaftliche» Handlungsanweisungen erteilen?
Kann die Wissenschaft überhaupt verbindliche Vorgaben machen, wie die Politik oder der Einzelne auf bestimmte Phänomene reagieren müssen? Oder überschreitet sie damit gerade die Grenzen der Wissenschaft und begibt sich in den Bereich subjektiver Werturteile? Das sind Fragen, die in der aktuellen öffentlichen Debatte viel zu wenig diskutiert und beleuchtet werden.
Gerade weil diese kritischen Punkte ausgeklammert werden, bilden sich viel zu viele Experten ein, sie könnten die Realität nach ihren Vorstellungen umgestalten, die Individuen wie willenlose Schachfiguren anordnen und auf dem gesellschaftlichen Schachbrett herumschieben, um dadurch eine perfekte Welt zu erschaffen. Dieser Konstruktivismus ist aber ein gefährlicher Irrglaube, wie auch Friedrich August von Hayek aufzeigte.
Geteilter Wissensschatz
In der früheren Stammesgesellschaft mit ihrer überschaubaren Anzahl von Menschen war es eventuell für den Einzelnen noch möglich, die Bedürfnisse aller Gruppenmitglieder zu kennen und darauf bewusst einzugehen. In unserer modernen Grossgesellschaft mit Abermillionen von Menschen kann niemand die Bedürfnisse, Präferenzen und Ziele all seiner Mitmenschen kennen.
Ihr Merkmal ist nicht gemeinsames Wissen, sondern geteiltes Wissen. Gerade dies macht die moderne Zivilisation leistungsfähig: Sie erlaubt es, einen Wissensschatz zu nutzen, der weit grösser ist als das, was irgendein Experte besitzen könnte. Menschen profitieren dadurch ständig von Wissen, welches sie selbst nicht haben.
Die Marktordnung ermöglicht es, dass Menschen miteinander kooperieren, die sich nicht kennen, sich vielleicht auch nicht mögen und völlig unterschiedliche Überzeugungen haben. Hier handeln Menschen nicht nur aufgrund dessen, was sie wissen oder überblicken können, sondern aufgrund abstrakter Signale – vor allem Preise. In marktwirtschaftlichen Preisen werden weit mehr Informationen gebündelt, als irgendein einzelner Experte je besitzen könnte. Ohne die Ursachen von Preisveränderungen zu kennen, reagieren Menschen darauf – und tragen so zu einem funktionierenden Ganzen bei.
Die Marktwirtschaft ist durch ständige Veränderungen charakterisiert und nicht durch stabile Marktgleichgewichte. Schlechtere Produkte werden durch bessere abgelöst. Unternehmen verschwinden vom Markt, wenn ihre Wettbewerber den Konsumenten besser dienen. Die knappen Ressourcen, die in solchen gescheiterten Unternehmen gebunden waren, wandern dann an Orte, wo sie für prioritärere Zwecke eingesetzt werden. Diese «kreative Zerstörung» und Erneuerung ist der Treiber des Fortschritts und des Wohlstandszuwachses. Das Bedürfnis nach wirtschaftlicher Stabilität ist zwar verständlich, aber mit Wohlstand nicht vereinbar.
Kann Fortschritt aus einer Expertokratie erwachsen?
Aus dem Markt erwächst eine spontane Ordnung, die niemand bewusst geplant hat. Jeder kann seine eigenen Ziele verfolgen, seine eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen und auf die sich dauernd verändernden Umstände nach seinem Gutdünken reagieren. Das hat unvorhersehbare Folgen. Doch genau dies ist ein enormer Vorteil: Gerade die Fähigkeit, sich an unerwartete Veränderungen anzupassen und das dezentral verstreute, situationsabhängige Wissen jedes Einzelnen zu nutzen, macht die Marktordnung insgesamt verlässlicher als eine staatliche Befehlswirtschaft, die auf Anraten von Experten hin Anordnungen für alle erlässt. Wenn Menschen auf ihre Weise und mit ihrem spezifischen Wissen auf neue Informationen reagieren dürfen, korrigieren sie laufend Fehlentwicklungen.
Fortschritt bedeutet, mehr und mehr Dinge tun zu können, ohne sie zu verstehen. Es geht nicht um wachsendes Wissen bei jedem Einzelnen, sondern um wachsende Handlungsfähigkeit trotz Unwissen. Die Stärke einer prosperierenden Zivilisation liegt nicht in einem allwissenden Planer oder einer Expertokratie, sondern in vielen handelnden Menschen, die sich auf eine Ordnung stützen, die mehr weiss, als jeder Einzelne. Weil niemand – auch kein Experte – im Voraus wissen kann, wer jene Pioniere sein werden, welche die besten Lösungen entdecken, ist es entscheidend, dass Freiheit allen belassen wird.
Sich in Demut üben
Der Liberalismus mag Technokraten ein Dorn im Auge sein, weil sie glauben, die Dinge am besten zu verstehen. Sie hängen, wie Platon, der Vorstellung an, dass das Wohl der Gesellschaft verbessert werden könnte, wenn doch nur alle ihren Anweisungen folgen würden. Doch es gibt für das Allgemeinwohl kaum etwas Wichtigeres als eine demütige Grundhaltung der Experten – ganz nach Sokrates, der sich mit fortschreitendem Studium seines enormen Unwissens bewusst wurde: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.»
Oder um es mit dem Buch der Prediger aus der Bibel zu sagen: Jeder, der sich auf die Suche nach Weisheit macht, muss früher oder später erkennen, «dass der Mensch das Werk nicht ergründen kann, das unter der Sonne geschieht. Wie sehr sich der Mensch auch abmüht, es zu erforschen, so ergründet er es nicht. Und selbst wenn der Weise behauptet, es zu erkennen, er kann es doch nicht ergründen.» (8,17)
Olivier Kessler
Der Autor ist Direktor des Liberalen Instituts und Co-Autor (zusammen mit Štěpán Drábek) des neuen Buchs «Wer ist der grössere Versager: Markt oder Staat?». Das Buch erscheint am 21. September 2026 und kann ab sofort vorbestellt werden, zum Beispiel hier bei Orell Füssli, Amazon, ExLibris, Thalia oder Buchhaus.ch. Der obige Beitrag erschien am 24. August 2026 in der Finanz und Wirtschaft.



