Am 8. Mai 2026 organisierte das Istituto Liberale (der Ableger des Liberalen Instituts in der italienischsprachigen Schweiz) die Veranstaltung The Impact of Bitcoin and AI on Freedom of Speech in Lugano. Dies erfolgte in Zusammenarbeit mit den Students For Liberty Schweiz, LPU (Law and Politics an der USI) und dem Bitcoin Club USI. Den Mittelpunkt des Abends bildeten Barry Smith und Giacomo Zucco, die in einer Debatte unterschiedliche Perspektiven auf die Auswirkungen der neuesten technologischen Innovationen auf unsere grundlegenden Rechte der Meinungs- und Ausdrucksfreiheit präsentierten. Einerseits birgt die rasante Entwicklung von Modellen der künstlichen Intelligenz sowie staatliche Eingriffe in deren Entwicklung und Einsatz in verschiedenen Bereichen konkrete gesellschaftliche Risiken: von Perspektiven der Massenüberwachung bis hin zum Gespenst einer neuen Wirtschaftskrise. Andererseits bieten Kryptowährungen eine Technologie, mit der sich dezentrale Systeme zur Verwaltung wichtiger wirtschaftlicher und sozialer Institutionen aufbauen lassen, wodurch der staatliche Kontrollanspruch über das Leben der Individuen auf neue Weise umgangen werden kann.
In seinem Referat entwickelte Barry Smith, Professor für Philosophie an der SUNY Buffalo in den Vereinigten Staaten sowie an der USI in Lugano, eine differenzierte Kritik an der künstlichen Intelligenz, basierend auf dem 2022 gemeinsam mit Jobst Landgrebe verfassten Buch Why Machines Will Never Rule the World. Ausgangspunkt ist eine grundlegende Unterscheidung zwischen einfachen und komplexen Systemen: Erstere sind vorhersagbar und lassen sich mathematisch modellieren, während Letztere – wie menschliche Interaktionen, biologische Systeme oder wirtschaftliche Kontexte – sich einer präzisen Vorhersage entziehen. Diese Unterscheidung ist zentral für das Verständnis der strukturellen Grenzen der KI, insbesondere von Sprachmodellen, die nicht in der Lage sind, die Komplexität der realen Welt effektiv zu bewältigen. Der Professor stellte daher die weit verbreitete Annahme infrage, dass sich künstliche Intelligenz bis zur Ersetzung menschlicher Fähigkeiten entwickeln könne. Dies hat tiefgreifende gesellschaftliche Konsequenzen: Wenn das Ziel einer sogenannten allgemeinen KI mathematisch unerreichbar ist, besteht die Gefahr, dass staatliche Förderung diese Technologie als Machtinstrument positioniert. Tatsächlich kann KI verschiedene Formen sozialer Kontrolle verstärken, darunter Zwangsmacht, wirtschaftliche Kontrolle und normative Regulierung – etwa durch Überwachungssysteme oder Mechanismen sozialer Bewertung. Der Beitrag zeichnet sich durch einen stark kritischen und gegenläufigen Ansatz aus, der darauf abzielt, die Erwartungen an KI zu relativieren und zu einer realistischeren Einschätzung ihrer Fähigkeiten und gesellschaftlichen Auswirkungen einzuladen.
Der zweite Teil seines Vortrags widmete sich den wirtschaftlichen Auswirkungen der künstlichen Intelligenz, insbesondere der Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle, die nach Ansicht einiger Analysten derzeit eine gefährliche Blase im Big-Tech-Sektor befeuern könnten. Daten zu Investitionen und Verlusten im Sektor legen nahe, dass sich die KI in einer Phase befindet, die der Subprime-Blase von 2008 ähnelt – allerdings in deutlich grösserem Ausmass. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage bislang begrenzt, und die von grossen Unternehmen angebotenen monatlichen Abonnementmodelle erscheinen angesichts der enormen Produktionskosten unrealistisch. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit des KI-Marktes beruht auf der Annahme, dass die Nachfrage exponentiell steigen wird, je näher die technologische Entwicklung an eine allgemeine künstliche Intelligenz heranrückt. Wie bereits erwähnt, gibt es jedoch gute Gründe anzunehmen, dass dies unmöglich sein könnte. Aktuelle Daten deuten sogar auf einen möglichen Rückgang der zahlenden Nutzer hin, was das gesamte Geschäftsmodell gefährden würde. Konkrete Beispiele zeigen zudem Fehlschläge oder Schwierigkeiten beim Einsatz von KI in komplexen Bereichen wie dem Gesundheitswesen, wo Systeme keine verlässlichen Ergebnisse liefern. Auch im Bereich der Programmierung weist der Einsatz von KI erhebliche Grenzen auf, insbesondere bei der Bewältigung komplexer und integrierter Projekte.
Der zweite Referent war Giacomo Zucco, Unternehmer, Vermittler und Förderer des Projekts Plan B der Stadt Lugano. Sein Beitrag konzentrierte sich auf die Rolle von Bitcoin und den Vergleich verschiedener aufkommender Technologien. Er hob hervor, dass KI häufig mit zentralisierten Modellen und Kontrollmechanismen verbunden wird, während Bitcoin eine dezentrale Alternative darstellt, die die individuelle Freiheit stärken kann. Technologie ist nämlich grundsätzlich nie neutral, sondern spiegelt spezifische Machtstrukturen wider. Es ist offensichtlich, dass KI strukturell grosse Infrastrukturen erfordert, die die Konzentration wirtschaftlicher Macht und Investitionen begünstigen, während Bitcoin auf einem verteilten Netzwerk unabhängiger Knoten basiert. Ein zentrales Thema war der technologische Hype, wobei eine Parallele zwischen der aktuellen Begeisterung für KI und der früheren für Blockchain gezogen wurde. Zucco betonte, dass viele technologische Narrative über ihre tatsächliche Tragweite hinaus aufgeblasen wurden und unrealistische Erwartungen sowie mitunter spekulative Phänomene erzeugt haben. Gleichzeitig erkannte er an, dass solche Phasen der Begeisterung auch Chancen bieten können, insbesondere im Hinblick auf den Schutz grundlegender individueller Rechte, etwa durch die Stärkung privater Autonomie dank Dezentralisierung und Anonymität. Abschliessend wurde eine breitere Reflexion über das Verhältnis zwischen Technologie und Meinungsfreiheit angestossen: Bitcoin wird nicht nur als wirtschaftliches Instrument verstanden, sondern auch als Kommunikationsform, die Transaktionen und Austausch vor Zensur schützen kann. In diesem Sinne wird Technologie zu einem Mittel, um Freiräume zu verteidigen und zu erweitern – im Gegensatz zu stärker zentralisierten und potenziell restriktiven Modellen.
Darüber hinaus vertiefte Zucco den Zusammenhang zwischen Bitcoin und der Resilienz sozialer Systeme in Kontexten politischer Instabilität oder Einschränkungen individueller Freiheiten. Er betonte, dass dezentrale Werkzeuge in verschiedenen konkreten Fällen Individuen und Gemeinschaften ermöglicht haben, von Regierungen oder Finanzinstitutionen auferlegte Beschränkungen zu umgehen und die Kontinuität von Transaktionen sowie den Informationsfluss sicherzustellen. Diese Fähigkeit wird nicht nur als technischer Vorteil interpretiert, sondern als strukturelle Transformation des Verhältnisses zwischen Individuum und Autorität, bei der sich die Kontrolle zunehmend auf den Endnutzer verlagert. In dieser Perspektive ist Bitcoin nicht lediglich eine monetäre Alternative, sondern eine Infrastruktur, die die Grenzen persönlicher wirtschaftlicher Souveränität neu definiert. Der Beitrag hebt zudem den Wert von Transparenz und Unveränderlichkeit der Blockchain hervor, die als grundlegende Eigenschaften für den Aufbau von Vertrauen ohne zentrale Vermittler gelten. Gleichzeitig wird anerkannt, dass diese Eigenschaften auch Spannungen erzeugen können, etwa in Bezug auf Regulierung oder rechtliche Verantwortung. Daher ist es notwendig, übermässig idealisierte Sichtweisen zu vermeiden und eine ausgewogene Analyse zu verfolgen, die sowohl die Potenziale als auch die Grenzen dieser Technologien berücksichtigt. Abschliessend erweiterte Zucco die Debatte, indem er zeigte, wie eng die Frage der Meinungsfreiheit zunehmend mit der technischen Architektur digitaler Systeme und den politischen Entscheidungen, die deren Entwicklung lenken, verknüpft ist.



