Die wirtschaftlichen Rahmendaten zeigen einen immer deutlicheren Trend: Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung in der entwickelten «westlichen» Welt sieht sich spätestens seit Beginn des 21. Jahrhundert mit stagnierenden Realeinkommen konfrontiert. Das kapitalistische Versprechen, dass der freie wirtschaftliche Wettbewerb den Wohlstand aller hebt, kann der sogenannte Kapitalismus im 21. Jahrhundert nicht mehr erfüllen. Die Wachstumswelle hebt nur noch wenige Boote.
Diese «extraktive» Funktionsweise führt zu einem immer akzentuierteren Populismus sowie einem ausgeprägten Drang zu Staatsinterventionen. Das freie, möglichst effiziente Wirtschaften und auch die freiheitliche Ordnung insgesamt sind in Gefahr. Friedrich August von Hayek’s «Weg zur Knechtschaft» ist so aktuell wie vor 80 Jahren.
Idealtyp Kapitalismus
Um die Gefahren für unsere freiheitliche kapitalistische Gesellschaftsordnung präzis zu benennen, hilft es, einen kapitalistischen Idealtyp nach Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek zu definieren. Mises definiert in der Tradition von Adam Smith den Kapitalismus als Sozialsystem, das auf individueller Freiheit, Privateigentum und freiwilligem Austausch auf Märkten basiert, welche die Allokation knapper Güter koordinieren. Hayek betont stärker die Wissensdimension. Der Markt verarbeitet in einem Entdeckungsverfahren Wissen dezentral und in seiner Komplexität effizient. Ordnung entsteht über Regeln, die, wie schon Max Weber betonte, historisch gewachsen sind und nicht zentral geplant werden können. Weber hebt dazu die Bedeutung von Ethik und «Communities» hervor. Sowohl Mises wie Hayek lehnen Staatsinterventionen und Monopole strikte ab, sofern diese durch staatliche Interventionen entstanden sind und aufrechterhalten werden (etwa durch Marktbeschränkungen wie Patente und Regulierungen oder durch Subventionen).
Idealtypisch definiert bedeutet Kapitalismus: dezentrale Entscheidungsstrukturen, geschütztes Privateigentum, Ressourcenallokation über Märkte und Preise, freier Wettbewerb sowie gewachsener soziokultureller Rahmen für Fairness, Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung. Der Rechtsstaat konzentriert sich dabei auf den Schutz des Privateigentums und ermöglicht dadurch den Marktzugang und verhindert Marktabschottung.
Im Zeitrahmen ab Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die 1970er-Jahre entwickelte sich eine kapitalistische Form mit breiter Wohlstandsvermehrung für alle Wirtschaftsteilnehmer – «Les Trente Glorieuses». Diese funktionierte noch mit einem bis zu 20 Prozent markant tieferen Anteil des Staates am BIP als heute und war begünstigt durch die vorhandenen «Low-hanging fruits» (Tylor Cowen), die keynesianische Sünden länger verziehen: freie Landreserven, technologische Durchbrüche, Bildung.
Die stagnierenden Realeinkommen
Im Gegensatz zur Periode der «Trente Glorieuses» erfährt heute die grosse Mehrheit der Bevölkerung keine merkliche Steigerung der Realeinkommen mehr. Dieses Fazit ist durch die breite ökonomische Literatur der letzten zwanzig Jahre sowie die darin enthaltenen Datenanalysen untermauert und basiert nicht auf anekdotischen Referenzen oder politischen Standpunkten. Das Standardwerk von Tyler Cowen «The Great Stagnation» zeigt exemplarisch, dass die Realeinkommen in den USA seit den 80er-Jahren kaum mehr gestiegen sind und die Medianeinkommen quasi stagniert haben.


Für Grossbritannien vermittelte kürzlich eine Studie der London School of Economics, dass die Einkommensstagnation seit bald zwanzig Jahren anhält. In Deutschland war die Stagnation nach den offiziellen statistischen Daten bereits vor der Finanzkrise akzentuierter und sogar wie Ende der 1990er-Jahre und in den letzten fünf Jahren rückläufig. Frankreich schnitt geringfügig besser ab, erkaufte sich dies allerdings mit nicht nachhaltigen Staatsdefiziten. In der Schweiz rechnet Reiner Eichenberger vor, dass das Durchschnittseinkommen der Einwohner pro Kopf (ohne Grenzgängerbeitrag) seit zwanzig Jahren kaum mehr gewachsen ist.
Man mag in einzelnen Ländern für kurze Perioden eine leichte Entwicklung der mittleren Reallöhne feststellen, in der längeren Frist ergibt sich keine dem klaren Bild widersprechende Dynamik.
Die Rolle von Primär- und Sekundärinflation
Statistische Realeinkommen für sich ergeben kein abschliessendes Bild. Einerseits ist der Wohnstandard merklich gestiegen, Heilungschancen bei Krankheit und Unfall wurden besser und das Unterhaltungsangebot hat sich deutlich verbreitert (Streaming, Social Media, mobile Kommunikation). Andererseits und mindestens so wichtig ist, dass die Realeinkommen für die Mehrheit der Bevölkerung sogar überzeichnet sind, weil effektive Inflationsraten oder sekundäre Inflationseffekte (weniger verfügbare staatliche Leistungen) eher unterschätzt werden.
Die unterschätzte Inflation zeigt sich an ein paar exemplarischen Fakten, die für mittlere und niedrige Einkommen besonders ins Gewicht fallen: 1. Der Inflationsindex der Schweiz, gemessen an den Kosten der Erbringer, ist 2,6-mal kleiner als das Wachstum der Gesundheitsprämien. 2. In Europa sind die Mietkosten stärker gestiegen als die Inflation. 3. In den USA erhöhten sich die Nahrungsmittelpreise in den letzten 25 Jahren stärker als die allgemeine Inflationsrate.
Unterschätzte sekundäre Inflationseffekte manifestieren sich wie folgt: 1. Die Verfügbarkeit des National Health Services in Grossbritannien und der Spitäler in Frankreich nimmt ab. Die Zunahme der Lebenserwartung ist in den letzten Jahren markant gesunken oder hat bereits stagniert. 2. Jahr für Jahr nehmen die Staustunden in der Schweiz trotz Milliardeninvestitionen in die Verkehrsinfrastruktur zu. In Deutschland sind die Leistungen der Bahn sowohl anekdotisch wie offiziell am Sinken. 3. Die PISA-Studien zeigen einen Trend zu abnehmender Bildungsqualität in den wichtigsten westlichen Ländern, speziell in den USA und in Deutschland. 4. Die Reduktion der Schutzleistung westlicher Nationen nach aussen ist gut dokumentiert. Aber auch die innere Sicherheit reduziert sich. Die Kriminalität nimmt seit geraumer Zeit wieder zu und die Strafverfolgung schafft es teilweise nicht mehr, die Strafgesetzgebung durchzusetzen.
Besonders erschreckend ist hierbei, dass sich dieses «Entschwinden» staatlicher Leistungen in einer Zeit festgesetzt hat, in der Defizite und steuerfinanzierte Schuldendienste stark zugenommen haben.
Migration, Globalisierung und Arbeitseinkommen
Mit der heutigen Migration und Globalisierung werden Arbeitseinkommen zudem tendenziell tief gehalten. Der «Economist» hat kürzlich festgehalten: Es gibt keinen Arbeitskräftemangel, es fehlt nur die Bereitschaft der Unternehmen, die nötigen höheren Löhne zu bezahlen. Wenn die Unternehmer auf Fachkräfte aus dem Ausland zugreifen – Wirtschaftsmigration – investieren sie nicht in die Erhöhung der Arbeitsproduktivität oder attraktivere Löhne für einen Stellenwechsel qualifizierter Angestellter. Wenn Unternehmen die Produktion in Länder mit günstiger Lohnstruktur verlagern oder im Ausland einkaufen, dünnen sie das Angebot an Stellen im Inland aus, und dies in einem Umfeld, in dem der gesamte verfügbare Warenkorb, wie gezeigt, teurer wird.
System des extraktiven Kapitalismus
Die Stagnation der Realeinkommen steht in einem eklatanten Gegensatz zu den massiv zunehmenden Einkommen des obersten Perzentils der Bevölkerung. Für die hohen Einkommen nimmt der Wohlstand deutlich zu, wie zahlreiche Untersuchungen zeigen.
Die Schlussfolgerung ist: Wir befinden uns in einem extraktiven Wirtschaftssystem. Die Mehrheit der Bevölkerung erfährt keine nachhaltigen realen Einkommenszuwächse mehr und eine kleine Minderheit erhält immer höhere Einkommen. Das Basisversprechen der kapitalistischen Ordnung – wenn es der Gesamtwirtschaft und den Kapitaleigentümern besser geht, steigt auch der generelle Wohlstand – wird in der aktuellen extraktiven Form des Kapitalismus nicht mehr eingelöst.
Was sind aber die extraktiven Treiber dieser Entwicklung?
Fünf extraktive Treiber
Monopolartige Strukturen: Im Tech-Sektor sieht man klassische Ausprägungen von Monopolrenditen: exorbitante Gewinnmargen jenseits der 30-Prozent-Marke. «Public Goods» und nutzergenerierter Inhalt werden ohne ausreichende Abgeltung zu privaten Gütern umgewandelt. Grosse Unternehmen kaufen neue Upstart-Konkurrenten systematisch auf oder bekämpfen diese aggressiv. Peter Thiel beschreibt Monopolrenditen in seinem Buch «Zero to One» unverblümt als «Notwendigkeit». Es ist illustrativ, dass der aktuelle KI-Investitionsboom der Monopolisten die Entwicklung noch verstärkt. Im Pharmasektor ist die monopolartige Tendenz mit Gewinnmargen von über 25 Prozent ebenso deutlich. Es wird argumentiert, dass ohne die hohen Gewinnmargen und den Patentschutz kein Unternehmen in innovative und schwierig zu entwickelnde Anwendungen investiere. Dies berechtigt die Unternehmen in diesem staatlich stark regulierten Markt aber nicht automatisch, Renditen von über 25 Prozent über alle, auch die fallierten, Produkte zu erzielen. In der Finanzbranche sollten die «Big Bang»-Deregulierungen in den 1980er-Jahren den Wettbewerb erhöhen, sie führten jedoch zu einem Sprung nach Grösse, der sich insbesondere im Zuge der Finanzkrise 2008 noch drastisch verstärkte. Die hohen Renditen beziehen hier das Topmanagement. Die Preisbildungsmacht der Finanzinstitute wird zudem mit dem «Too big to fail»-Ansatz noch zementiert. Bedenklich ist, dass die Staaten in einer Zielangleichung mit den Grossunternehmen versuchen, Stabilität, Einflussnahme und internationalen Vorrang zu sichern und eine staatlich richtige idealtypische Reaktion im Ansatz unterbinden.
Financialization: In den letzten Jahren haben sich die Private-Equity-Betrachtungen auf Unternehmen durchgesetzt. Die Anforderungen an die Umsatzrenditen sind exponentiell gestiegen. Es werden Renditen erwartet, die weit über dem Wachstumspfad der Nationalprodukte und der Arbeitsproduktivität liegen. Die Unternehmen sozialisieren Schwankungen, für die sie eigentlich eine Risikoprämie über dem risikofreien Zinssatz erhalten, indem sie noch bei hoher Profitabilität bereits Kostenabbauprogramme lancieren, andernfalls die performancebasierten Vergütungssysteme nicht mehr greifen und die Kurserwartungen der Anleger an den Börsen nicht mehr erfüllt werden können. Diese Denkweise wirkt als klassischer Extraktionsverstärker: Kapitalrenditen werden erhöht und Arbeitseinkommen limitiert.
Zentralbank-Put: Der seit Alan Greenspan faktisch etablierte Zentralbanken-Put führt zu gesteigertem Risikoverhalten, Überrenditen und zu einer ausgeprägten «Assetinflation». Kapitalinhaber geniessen de facto einen «Free Lunch». Die Vermögensmärkte (Aktien, Anleihen, Immobilien) entfernen sich von der realwirtschaftlichen Entwicklung. Das Verhältnis US-Aktienmarkt zum BIP der USA steht bei 250% und ist heute dreimal höher als im Schnitt der Jahre 1950 – 1995. Dies wirkt sich wiederum auf die Extraktionsrenditen aus: Ein höherer Wert verlangt höhere absolute Renditen – ein sich verstärkender Kreislauf.
Interventionen und Staatsverschuldung: Seit der dot.com-Bubble, dann verstärkt nach der Finanzkrise und unter Covid, erlässt der Staat neue Regeln und startet Marktinterventionen, die eine Konzentration von Wirtschaftsteilnehmern bewirken (Finanzbranche, Gesundheitswesen, Energiewirtschaft, Autoindustrie). Die Staatsinterventionen vermindern Wettbewerb, schaffen Voraussetzungen für Extraktionsrenten in regulierten Branchen und werden mit strukturellen Defiziten finanziert. Diese Defizite waren in den meisten Jahren des 21. Jahrhunderts in der westlichen Welt höher als die Wachstumsraten. Bei Schulden gegen 100 Prozent des Bruttoinlandproduktes heisst dies, dass jede zusätzliche Ausgabe effektiv Wert vernichtet. Die Schuldenfreudigkeit verstärkt zudem die Toleranz, staatliche Tätigkeiten für ideell übergeordnete «Haltungsziele» auszuweiten. Die klassischen Leistungen des Staates – Sicherheit, Schulen, Infrastruktur und Verkehr, Gesundheit – geraten unter Druck, da diese mit anderen weniger zentralen Interventionen im Wettstreit stehen. Wir kennen die durch die Regierungsstellen an die Öffentlichkeit indexierten Themenfelder: Ausbeutung von Minderheiten, Migration und offene Grenzen, Hilfe für den globalen Süden, Klima.
Migration und Globalisierung: Die von den Behörden und wirtschaftlichen Eliten betriebene oder tolerierte hohe Migration und Globalisierung entfaltet, bei stagnierenden Reallöhnen und weiter steigendem Preisniveau, schöpferische Kräfte vorrangig für Kapitaleigner, da vornehmlich deren Erträge steigen.
«Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral»
Der klassische «Henry-Ford-Multiplikator» – neue Produktionsmethoden erlauben höhere Entlöhnung, höherer Konsum führt zu neuen Produktionsmethoden – funktioniert nicht mehr: Das gesteigerte Bruttoinlandprodukt führt nicht zu höheren Arbeitseinkommen.
Brecht hat gesagt: «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.» Die breite Masse der Wähler wird nicht bereit sein, den Unternehmen und den Entscheidungsträgern weiter vorteilhafte wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu gewähren oder ideelle Ziele mitzutragen, wenn sie nicht mit höheren Einkommen davon profitieren.
Die Bürger beider politischer Lager wenden sich grundsätzlich zwei politischen Lösungskonzepten zu, die tödlich sind für eine freie Zivilgesellschaft und prosperierenden Wettbewerb: einem immer akzentuierteren Populismus sowie einem ausgeprägten Drang zur Staatsintervention.
Verschlimmernd kommt hinzu, dass die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen das extraktive System aus Angst vor schmerzhaften Korrekturen – wie argumentiert – weiter verfestigen und in einer Art Negativspirale selbst populistisch und interventionistisch handeln.
Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts ist mit sieben Prinzipien grundlegend zu erneuern.
Nicolas Taleb argumentiert in seinem Buch «The Antifragile» konzise: Wenn das Umfeld schon sehr komplex und unberechenbar ist, ist es besser, möglichst viele verschiedene Entscheidungsfelder zu erlauben, die alle in einem Quasi–Wettbewerb stehen. In einer Welt von Multikrisen und zunehmender Multipolarität verfestigt das Bestreben nach Resilienz (Stabilität) bestehende extraktive Strukturen, die auf die Dauer fallieren. Und je zentraler und globaler den Problemen in einem Prozess von «One (solution) fits all (cause and place)» begegnet wird, handelt es sich nach Hayek um eine Wissensanmassung der globalen Entscheidungsträger.
Dezentralisierung: Auf allen Ebenen von Regierungstätigkeit und multinationalen Organisation sollte wieder der Mut gefasst werden, Kompetenzen und Entscheidungen so weit wie möglich zu den Direktbetroffenen und Gemeinschaften zu delegieren, die unmittelbar betroffen sind, wie es zum Beispiel Kenia im letzten Jahrzehnt positiv vorgemacht hat.
Abschaffen von Monopolen: Dort wo Monopole oder Oligopole entstanden sind, ist dem breiten Wettbewerb zum Durchbruch zu verhelfen. Die grossen Technologiekonzerne und ihre Produkte sind nach Möglichkeit aufzuteilen, Pharma-Übernahmen, die Oligopole schaffen, sind zu unterbinden, und staatlich bestimmte Marktbarrieren sind so zu gestalten, dass Überprofite abnehmen. Für alle Wirtschaftszweige, insbesondere für die Banken, gilt es, das «Too big to fail»-Prinzip abzuschaffen.
De-Financialization: Die Akteure auf den Kapitalmärkten sollten sich bewusst werden, dass ihre Ansprüche langfristig der Freiheit und der Gesellschaft schaden. Kurzfristigkeit und Abschöpfungsstrukturen dürfen pekuniär nicht belohnt werden. Massenentlassungen sind von den Unternehmen so sozialverträglich abzufedern, dass für den Staat das Belastungsniveau der Sozialversicherungen nicht permanent erhöht wird.
Kein Zentralbanken-Put: Die Zentralbanken sind auf ihre ursprünglichen Aufgaben – Inflationskontrolle und Geldmengenkontrolle – zurückzuführen: Kein Abfedern von Kursschwankungen, keine Inkaufnahme von Assetinflation, keine vergünstigten Finanzierungsbedingungen für Staaten, welche die Staatsquote unproduktiv ausbauen.
Staat zurückbauen: Der steigende Staatsanteil ist mit zunehmender Verschuldung eine Wertvernichtungsmaschine. Die Staatsaufgaben sind auf ihre essenziellen idealtypischen Funktionen zu fokussieren. Die staatliche Regulierungsdichte ist drastisch zu reduzieren, um Überwachungskosten zu sparen, latente Extraktionsrenditen zu eliminieren und dem Markt seine überlegene Allokation von Ressourcen zu ermöglichen.
Migration und Globalisierung steuern: Die Migration ist aktiv zu steuern, damit die Mehrheit der Bevölkerung in den demokratischen westlichen Staaten durch gestiegene Arbeitsproduktivität wieder vom Wirtschaftswachstum und steigenden Einkommen profitieren kann. Für die Bevölkerung ist die Globalisierung durch demokratische Teilnahme durch mögliche «Opting out/in»-Formen mitigierbar zu machen.
Rückgewinnung von Gemeinsinn: Schliesslich ist die Rückgewinnung eines soziokulturellen Konsenses der wichtigste Ansatz, eine Wende zu schaffen. Wie im idealtypischen Kapitalismus beschrieben, ist die historisch gewachsene Einbettung der kapitalistischen Wirtschaftsform wichtig. Sie braucht zwingend «Community Solidarity» im Kleinen und nicht Abbau von Eigenverantwortung und gemeinschaftlicher Unterstützung zugunsten von Hyperindividualismus, Identität und Weltsolidarität, wie es der Westen in den letzten Jahrzehnten vorangetrieben hat.
Schliesslich stellt KI neue Herausforderungen an ein kapitalistisches Wirtschaftsmodell. Die Unternehmen, welche durch die neuen Anwendungen die Produktivität erhöhen respektive Arbeitskräfte freisetzen können, dürfen sich nicht ohne höhere Löhne oder Reduktion der Arbeitszeit durchsetzen. Vielleicht hilft hier die Demografie in den westlichen Ländern. Geburtenrückgang und Pensionierung der Boomer könnten den Pool an Arbeitskräften natürlich schrumpfen lassen, sofern die Migration durch die Staaten kontrolliert wird.
Schlussüberlegungen
Die treibenden Faktoren des extraktiven Kapitalismus verstärken sich weiter selbst, weil ein hoher Anteil der Entscheidungsträger scharfe wirtschaftliche Anpassungen vermeiden möchte, um den Status quo zu schützen. Dies geschieht in einem durch Social Media zusätzlich aufgeladenen Umfeld, insbesondere auch in Politik und in gesellschaftlich relevanten Enstcheidungsgremien, wo einer haltungsdominanten und selbstbildbezogenen Entscheidfindung Priorität gegenüber einer realpolitischen Entscheidfindung gegeben wird. Wenige haben den Mut von Javier Milei, mit konzeptionell stringenten Mitteln orientiert an Hayek und Mises, zu versuchen den selbstverstärkenden Kreislauf des extraktiven Kapitalismus zu durchbrechen.
Auf lange Sicht könnten die westlichen Demokratien, wie Walter Scheidel in seinem Standardwerk «The Great Leveller» für viele Gesellschaften aufgezeigt hat, in markante Wirtschaftskrisen und gewaltbegleitete Disruptionsphasen abgleiten, wo die Unterschiede in Vermögen und Einkommen wieder zunehmend nivelliert werden. Auf kürzere Sicht wahrscheinlicher ist eine Entwicklung, wie sie Daron Acemoglu und James A. Robinson in «Why Nations Fail» beschreiben, wo in einer extraktiven Wirtschaftsform niedriges Wachstum und Einkommens- und Vermögensdifferenzen verstetigt werden.
Die westlichen Demokratien und das kapitalistische Wirtschaftssystem waren lange eine aussergewöhnliche Erfolgsgeschichte. Erfolg ist auf Dauer nicht garantiert, wenn man dessen idealtypische Basis nicht verteidigt.



