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«Avalon ist ein elitärer Staat»

Das Unbehagen des Thurgauer Unternehmers Daniel Model am herrschenden Staatswesen ist gross. Deshalb hat er einen «eigenen Staat» ausgerufen: «Avalon». Was anfangs ein Gedanke war, beginnt sich zu materialisieren — mit Eignungstest und eigener Währung. Ein Gespräch über die Hintergründe eines verrückten Experiments.

Herr Model, Sie sind Unternehmer. In letzter Zeit haben Sie freilich als Staatskritiker und Gründer eines «eigenen Staates» von sich reden gemacht. In einem Blogeintrag bezeichnen Sie den helvetischen Rechtsstaat gar als «Lüge». Warum?

Daniel Model: Mit dieser zugespitzten Formulierung bringe ich bloss auf den Punkt, was viele Menschen beunruhigt: Die Zeiten stimmen nicht mehr. Um zu seinem Recht zu kommen, muss man mittlerweile mehrere Jahre und einen Grossteil seiner Energie investieren, Tendenz steigend. Das kann einen Menschen ruinieren, finanziell und seelisch, weil er nie weiss, was dabei herauskommt. Die Gilde der Anwälte warnt deshalb längst davor, Streitfälle vor das Gericht zu ziehen. Ein Prozess sei wie eine Reise auf hoher See: Alles ist möglich.

Sind die langen Zeiten nicht gerade Ausdruck des Bemühens, das Recht sorgfältig anzuwenden?

Model: Vielleicht war das mal so. Fakt ist aber, dass die Rechtsunsicherheit zunimmt. Das ist auch nicht weiter erstaunlich: Die Unsicherheit rührt von den vielen möglichen Widersprüchen im Recht her, und diese wiederum ergeben sich aus der Fülle von Gesetzen und Reglementen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten verabschiedet wurden. So entwickelt sich der Rechtsstaat mit erschreckender Notwendigkeit zu einem neuen Unrechtsstaat.

Je komplexer eine Gesellschaft organisiert ist, desto differenzierter müssen auch die Gesetze sein — ist die Unübersichtlichkeit nicht der Preis, den der Laie dafür bezahlt, dass ihm am Ende vielleicht dennoch Recht widerfährt?

Model: Komplexität ist ein Nebelwort, das bloss dazu taugt, alles und jedes zu rechtfertigen. Bleiben wir konkret. Eine Gesellschaft — was ist das überhaupt? Sie ist nichts anderes als eine Ansammlung von Individuen, die einen Lebensraum teilen. Wollen wir die angesprochenen Probleme lösen, müssen wir wieder vom Individuum ausgehen. So stark hat sich der Mensch in den letzten Jahrhunderten nicht verändert: Wir wollen gesund sein, aus unseren eigenen Energien schöpfen und uns in verschiedenen Formen und Intensitäten zusammenschliessen. Hier sollten wir ansetzen. Nehmen wir das geistige Eigentum. Es zu schützen, stellt im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit ein Problem dar. Dafür braucht es neue Definitionen und neue Gesetze. Model: Wir müssen der technologischen Dynamik Rechnung tragen. Das will ich auch nicht leugnen. Ich sage nur: Die Formulierung neuer Prinzipien muss mit der Entsorgung alter Gesetze einhergehen. Das wahre Problem ist doch, dass wir uns in einem Entsorgungsengpass befinden. Das Alte kumuliert sich, und der Mut zu einem Neuanfang fehlt.

In Ihrem Blogeintrag schreiben Sie auch, dass der Sozialstaat eine Illusion sei. Warum?

Model: Der Sozialstaat belügt die Menschen nicht nur, er beraubt sie. Ich spreche nicht in erster Linie von jenen Menschen, die mit ihren Steuern den Sozialstaat finanzieren. Vielmehr meine ich jene Menschen, die seine Hilfe in Anspruch nehmen und von ihm abhängig werden. Man nimmt ihnen das Feedback durch das Leben. Leben ist lernen, und wo jemand um die Möglichkeit zu lernen gebracht wird, ist er verloren. Das ist für mich Diebstahl an den Energien der Menschen.

Diebstahl ist ein grosses Wort.

Model: Ja, Diebstahl. Jeder Mensch ist der Schöpfer seines Lebens. Das heisst nicht, dass er sich nach seinem Belieben erfinden und neu erfinden kann — von diesem Hohelied auf die Flexibilität halte ich nicht viel. Es geht um etwas anderes: Indem man die Menschen von Staates wegen vor den Wilderfahrnissen des Lebens schützt, macht man sie schwach — und muss sie immer weiter schützen. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Ich weiss, dass ich viele Menschen vor den Kopf stosse, aber ich sage es trotzdem: Die Heilung setzt oft erst ein, wenn der Leidensdruck gross ist. Für mich ist fraglich, ob der Staat mit seiner anonymen, seelenlosen Fürsorge den Heilungsprozess überhaupt in Gang bringen kann. Aber auf diesen Prozess kommt es an.

Was wäre die Alternative?

Model: Die Brüderlichkeit, die von einzelnen Menschen ausgeht.

Das ist utopisch.

Model: Mag sein. Aber der Sozialstaat, der die Menschen arm macht, kann auch nicht die Lösung sein.

Was wäre also eine realistische Lösung?

Model: Mir fällt nichts Besseres ein als der Minimalstaat. Wir müssen den Sozialstaat auf ein absolutes Minimum reduzieren — aber auch das ist letztlich utopisch. Es gibt zu viele Nutzniesser, sowohl auf der Geber- als auch auf der Nehmerseite. Im Nachdenken über unser Staatswesen gerate ich immer wieder in solche geistigen Sackgassen. Das war mit ein Grund, weshalb ich mich entschloss, einen eigenen Staat zu gründen.

Man könnte nun entgegnen: Hier spricht der Unternehmer, dem es gut geht und der sich seiner Sache sicher ist. Aber was, wenn es Sie eines Tages trifft?

Model: Diese Überlegung ist fatal — sie ist ein Beweis für die These von der Geburt des Sozialstaates aus dem Geiste der Angst. Bloss weil sich die Menschen fürchten, eines Tages ohne Arbeit dazustehen, bauen sie an einem Monster, das schon jetzt viel kostet und den Menschen ihre Energien raubt. Die Angst ist ein schlechter Ratgeber. Die Ungewissheit gehört zum Leben. Ohne Risiko kein Leben — weder für den Arbeitgeber noch für den Angestellten.

Dies bedeutet aber umgekehrt auch, dass jeder Risikoträger über das Risiko mitbestimmen können muss. Sonst wird es für ihn zu einem unabwendbaren Schicksal.

Model: Wer macht, bestimmt. Avalon ist ein elitärer Staat, man muss eine Eintrittsprüfung bestehen, man sollte sich zur Freigeisterei hingezogen fühlen und vom Leistungsprinzip überzeugt sein. Das Eignungsprinzip ist wichtiger als das Geographieprinzip. Mein Staat liesse sich als Akademie im griechischen Sinne beschreiben, als eine Denk- und Lebensgemeinschaft. Wir besetzen in erster Linie Ideen und Formen des Zusammenlebens, keine Quadratmeter.

Ein Staat ohne Territorium?

Model: Das Territorium ist nicht vordringlich, aber ich schliesse nicht aus, dass wir eines Tages auch eines besitzen werden. Ich gehe vom Zusammenbruch vieler konventioneller Staaten in den nächsten Jahrzehnten aus. Wenn sich uns ein Staat nach seinem Zusammenbruch schenken will, weil ihn unsere Akademie überzeugt, dann würde ich nicht ausschliessen, dass wir dieses Geschenk annehmen. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Die NZZ nannte Ihren Staat ein blosses «Gedankenexperiment».

Model: In diesem Zitat kommt eine für die heutige Zeit typische Unterschätzung des Geistigen zum Ausdruck. Steht ein Gedanke erst einmal, kann er sich jederzeit materialisieren. Wir sind daran, den Eignungstest auszuarbeiten. Verschiedene hochkarätige Bewerbungen liegen bereits auf meinem Tisch. Wir entwickeln einen eigenen Kalender. Und wir werden noch in diesem Jahr unsere eigene Währung lancieren, beidseitig geprägte Silbermünzen.

Das alles klingt sehr interessant. Dennoch — ist «Avalon» mehr als die Spintisiererei eines staatsskeptischen Unternehmers?

Model: Die Frage ist, wer hier spinnt. Ich denke nicht, dass sich das wissenschaftlich beweisen lässt. Die Zukunft wird weisen, wer verrückt gewesen sein wird. Schauen Sie: Geht man wie ich davon aus, dass die westlichen Staaten nicht mehr reformierbar sind, ändert sich die Perspektive plötzlich. Damit gehöre ich zwar zu einer Randgruppe, aber umgekehrt weiss ich auch, dass der Mensch ein grosser Verdrängungskünstler ist. Mir geht es darum, ein Experiment für ein mögliches Leben nach dem Zusammenbruch durchzuführen. Wenn es schon jetzt inspirierend wirkt, umso besser.

«Fliessen» und «Energie»

Am 22. März 2006 hat Daniel Model, Präsident der Model Gruppe («Intelligente Verpackungen») und promovierter HSG-Ökonom, im Rathaussaal Weinfelden vor 100 Zeugen, zumeist Staatsvertretern, einen «eigenen Staat» ausgerufen. Er hat dies getan, noch bevor er über einen geeigneten Namen verfügte.

Den fand er dank der gütigen Mithilfe seiner jüngsten Tochter, die ihn nach der Gründung fragte, wie der neue Staat denn heisse. Sie hielt zufällig ein Buch in Händen, das den Titel «Die Nebel von Avalon» trug, und wie um ihr eine Freude zu bereiten, schlug der Papa vor, den Staat provisorisch «Avalon» zu nennen. Ein Blick in den Brockhaus habe ihn darin bestätigt, erzählt Model, denn der Ausdruck «Avalon» stamme aus der keltischen Mythologie und bedeute «Apfelgarten». Das Buch der Tochter, der Apfelkanton Thurgau — eine solche Koinzidenz, so habe er beschlossen, könne kein Zufall sein. Und seither arbeitet er an der Entwicklung seines Staates, für den sich immer mehr Menschen zu interessieren beginnen.

Der 1960 geborene Model begründet die Notwendigkeit eines alternativen Staates mit energie-ökonomischen Überlegungen. Der gegenwärtige Staat sauge seine Bürger rücksichtslos aus, sei mithin ein Energievernichter. Dies könne auf die Dauer nicht gut gehen, der Zusammenbruch sei programmiert. Wenn Model spricht, fühlt man sich bald an Heraklit («alles fliesst»), bald an Physik und bald an Psychologie erinnert — «fliessen» und «Energie» gehören offensichtlich zu seinen Lieblingswörtern. Sein Mut zum Risiko scheint jedenfalls ungebrochen.

Daniel Model leitet die Model Gruppe mit knapp 3000 Mitarbeitern und Standorten in fünf Ländern, hat den gemeinnützigen Verein «Kid's Charity Gala» ins Leben gerufen, unterstützt das Internetfernsehen «rebell.tv», sitzt im Stiftungsrat des «Liberalen Instituts» in Zürich und engagiert sich zudem als Investor der globalen Internetplattform für soziale Zusammenarbeit «amazee.com».

René Scheu, St. Galler Tagblatt

20. Februar 2008