Die moralischen Grundlagen des Kapitalismus

Bernhard Ruetz

Das diesjährige Kolloquium des Liberalen Instituts befasste sich mit den christlichen Grundlagen des Kapitalismus. Es fand am 22./23. Juni 2005 in der alten Sternwarte der ETH Zürich statt. Eröffnet wurde das Kolloquium mit einem Referat von Professor Michael Novak, einem der führenden Religionsphilosophen und Theologen der USA, über das Thema: «The Christian Ethic and the Spirit of Capitalism». Novak betonte in seinem Referat, dass sich der Kapitalismus nicht allein auf das bürgerlich-protestantische Berufsethos und die innerweltliche Askese zurückführen lasse, wie dies Max Weber tue. Auch der Katholizismus habe mit seiner barocken Sinnesfreude und seiner universalen Ausstrahlung dem Kapitalismus wichtige Impulse verliehen, wie Ideenreichtum und Kreativität anstatt bürokratischer Disziplin sowie einer globalen anstelle einer nationalen wirtschaftlichen Perspektive.

Nach dem Einleitungsreferat von Novak wurde die Diskussion über das Verhältnis zwischen christlichem Glauben und Kapitalismus im Kreis von 15 Teilnehmern aus Hochschulen, Medien, Unternehmen und Kirchen fortgesetzt und vertieft. Gäste des Liberalen Instituts konnten den Gesprächen beiwohnen.

Kapitalismus: eine zivilisatorische Errungenschaft

Wer sich für den Kapitalismus als Wirtschaftsordnung einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft einsetzt, vermag allein mit rationalen Argumenten wie der effizienteren Nutzung knapper Güter, mehr ökonomischem Wachstum oder mehr Wohlstand die breite Gegnerschaft von links bis rechts nicht emotional zu gewinnen. Es gilt ebenso, die psychologischen, moralischen und kulturellen Grundlagen des Kapitalismus freizulegen, um seine Überlegenheit gegenüber anderen Formen der Wirtschaft aufzuzeigen. Aus historischer Perspektive ist der Kapitalismus ein relativ junges Phänomen, das eng mit dem Aufstieg des Bildungs- und Besitzbürgertums, mit dessen Berufsethos und sittlich-moralischen Normen verbunden ist. Märkte, Handel und Geldwirtschaft gab es lange Zeit vor dem eigentlichen Kapitalismus. Was diesen zu einer spezifisch zivilisatorisch-okzidentalen Errungenschaft macht, sind seine tragenden Pfeiler wie die rechtlich gesicherte Freiheit von Person und Eigentum sowie das Fortschrittsethos.

Werte jenseits von Angebot und Nachfrage

Der Markt lässt sich von der Gesellschaft nicht isolieren. Er ist Bestandteil der zivilgesellschaftlichen Gesamtordnung. Dennoch gibt es eine gesellschaftliche Sphäre jenseits von Angebot und Nachfrage. Der Kapitalismus generiert keine Moral, er begünstigt lediglich moralisches Verhalten im Gegensatz zur kontrollierten Wirtschaft. «Die Marktwirtschaft ist», so schrieb Wilhelm Röpke, «ein immer wieder neu entstehendes Geflecht von mehr oder weniger kurzfristigen Vertragsbeziehungen. Sie kann daher nicht Bestand haben, wenn das Vertrauen, das jeder Vertrag voraussetzt, nicht auf einer breiten Grundlage sittlicher Festigkeit aller Beteiligten ruhen kann.» (Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage) Wenn grundlegende Werte wie Ehrlichkeit, Selbstdisziplin, Fairness, Masshalten oder Respekt fehlen, vermögen weder die Freiheitsrechte zu bestehen noch der Kapitalismus auf Dauer zu spielen. Erzeugt, vermittelt und gelebt werden solche Werte in den kleinen Gemeinschaften wie der Familie, der Nachbarschaft, der Vereine und Genossenschaften, der Schule und der Kirchen.

Zerrüttung beginnt im Kleinen

Selbst wenn vom Verhalten in der vertrauten Kleingruppe nicht unmittelbar auf dasjenige in der anonymen Grossgesellschaft geschlossen werden kann und darf, wie es Friedrich August von Hayek mit seiner Unterscheidung der zwei Typen von moralischen Regeln formulierte, gefährdet die Erosion kleiner sozialer Institutionen letztlich auch die freie Gesellschaft und Wirtschaft als solche. Unterdrückung, Willkür und Kollektivismus nehmen ihren Anfang stets mit der Zerrüttung und Zerstörung der kleinen Gemeinschaften. In den Angriffen auf die bürgerliche Familie beispielsweise sieht der Religionssoziologe Peter Berger die Existenz des Kapitalismus bedroht. Es ist dies aber kein Versagen des Kapitalismus, sondern die Konsequenz einer interventionistischen, zentralistischen und umverteilenden Politik, einer unheilvollen Allianz zwischen Staat und Wirtschaft.

Viele Kritiker des Kapitalismus und darunter auch etliche kirchliche Vertreter beschuldigen die freie Marktwirtschaft, dass sie die Menschen entfremde, korrumpiere und unsolidarisch mache. Kapitalismus lasse sich mit dem Gebot der Solidarität und der christlichen Nächstenliebe nicht oder nur bedingt vereinbaren. Obschon die Religionssoziologie überzeugend nachgewiesen hat, dass der Kapitalismus stark im christlichen — und zwar im protestantischen wie im katholischen — Glauben verwurzelt ist, sind diese Erkenntnisse noch zu wenig in die politische Diskussion über das Verhältnis zwischen Christentum und Kapitalismus eingeflossen. Seit Max Weber wird über die historische Verknüpfung von Kapitalismus und Calvinismus debattiert, und die Diskussion ist inzwischen auf das Verhältnis von Kapitalismus und christlichem Glauben ausgeweitet worden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Säkularisierungstheorie sowie das Verhältnis zwischen christlicher Religion und Privateigentum.

Doppelte Bedeutung der Säkularisierung

Säkularisierung ist zum einen ein staatskirchenrechtlicher Begriff, der die legitime oder illegitime Überführung kirchlichen Eigentums oder geistlicher Hoheitsrechte in weltliche Hände beschreibt; also ein Prozess, der sich in Europa zwischen dem 13. und dem 19. Jahrhundert abspielte, nämlich das sukzessive Vordringen des staatlichen gegenüber dem kirchlichen Herrschaftsbereich bis hin zur Institution Ehe und Familie. Zum anderen bezeichnet Säkularisierung einen historischen und gesellschaftspolitischen Begriff, der die Entchristlichung westlicher Gesellschaften im Zuge der Modernisierung meint. Diese Behauptung hat bereits Tocqueville in seinem Werk über die Demokratie in Amerika widerlegt, was zu einer teilweisen Revision der Säkularisierungstheorie geführt hat. Das Beispiel der Vereinigten Staaten macht deutlich, dass der kirchliche Einflussbereich im Zuge der Modernisierung lediglich dort geschwunden ist, wo die Kirchen ohnehin staatlich inkorporiert oder privilegiert, also der staatlichen Kontrolle und Regulierung unterworfen waren. Modernität, Kapitalismus, kirchlich organisierte Religion und religiöses Engagement gehen dort einher, wo Kirche und Staat institutionell getrennt sind, ein Wettbewerb der Kirchen und Glaubensangebote sowie eine starke zivilgesellschaftliche Tradition vorherrschen.

Privateigentum als Sünde?

Nach klassisch-liberaler Auffassung ist Eigentum ein Recht an sich und daher prinzipiell nicht antastbar. Es soll Eigenständigkeit und die Verantwortung für die eigene Person und die Mitmenschen fördern. Die christliche Eigentumslehre unterschied seit Augustinus zwischen dem Gemeinbesitz im sündlosen Paradies und dem Privateigentum, das seine Rechtfertigung erst als Folge des Sündenfalls erhält, das heisst immer unter der Bedingung der Erbsünde steht. Das Privateigentum bekam deshalb eine negative, sündhafte Bedeutung, die lediglich dadurch gemildert werden konnte, dass es für wohltätige Zwecke eingesetzt wurde. Erst mit dem Spätscholastiker Francisco de Vitoria (1483—1546) fand ein individuelles Eigentumsverständnis Eingang in die christliche Lehre. Das Privateigentum stand zwar noch immer unter dem Vorbehalt der Erbsünde, wurde aber bereits im paradiesischen Zustand den Menschen als eigenes subjektives Recht zugesprochen.

Ob und wie sich christlicher Glaube und die Rechtfertigung von Privateigentum vereinbaren lassen, war auch Gegenstand einer Diskussion im Rahmen des Kolloquiums. Im Folgenden wird eine, von Susanna Ruf leicht redigierte Mitschrift der Diskussion wiedergegeben. Ausgangspunkt war der Text des Zürcher Reformators Zwingli: «Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit».

2006

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