Liberales Institut im Dienst der Freiheit

Freiheitsfeier 2010: Wege zur Weisheit

Das Liberale Institut verleiht den Röpke-Preis für Zivilgesellschaft zum hochaktuellen Thema der Geldordnung.

Glaubten noch im vorigen Jahr Kommentatoren aus Medien, Wirtschaft und Politik, die Wirtschafts- und Finanzkrise sei 2010 wohl mehrheitlich ausgestanden und eine Rückkehr zum business as usual absehbar, so wurden sie in diesem Jahr eines besseren belehrt: es offenbarte statt einer erhofften finanzpolitischen Entspannung eine extreme Ausweitung der Geldmenge durch die Zentralbanken und parallel dazu den Bankrott zweier Euroländer. Der Euro-Raum wurde daraufhin durch die Garantien der grossen Geberländer von einer Währungs- zur Transferunion, in welcher die nächsten Bittsteller schon Schlange stehen. Geht es um die Ursache für die nun offenbar gewordenen Missstände, so ist ein Sündenbock allerorts schnell gefunden — der Markt. Genauer: das Versagen des Marktes, für Kritiker der offensichtlichste Beweis für die Unzulänglichkeit des Kapitalismus.

Diese Feststellung, so LI-Direktor Pierre Bessard in seiner Einleitung zur diesjährigen Freiheitsfeier des Liberalen Instituts am 2. Dezember, sei das alte Lied vom «Ende der Erkenntnis» — und ein geradezu tragischer Fehlschluss. Entschieden wandte er sich gegen die Postulate einfallsloser Experten und gegen deren Problemlösungsvorschläge: ein staatliches Geldmonopol, so rekurrierte der LI-Direktor auf Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, sei ökonomisch nicht begründbar und führe gegenwärtig zu planwirtschaftlichen Fehlentwicklungen auf den weltweiten Finanzmärkten — und auch in der Schweiz. Die unbegrenzte monetäre Machbarkeitsillusion an den Schaltstellen der Finanz- und Währungspolitik wurzle in John Maynard Keynes' Theorie der antizyklischen Fiskalpolitik, diese habe zwar unter Politikern und Zentralbankern einmal mehr Konjunktur, der Aberglaube, durch eine weitere Ausweitung der Geldmenge zur Lösung eines weltweiten Überschuldungsproblems beitragen zu können, wurde jedoch bereits im letzten Jahrhundert vom Ökonomen Wilhelm Röpke als solcher entlarvt. Dieser sprach von politisch gerufenen «Geistern, die man schon bald wieder loswerden möchte».

Um der Geister Herr zu werden, sei es zunächst unumgänglich, ein Verständnis von Kategorien und Institutionen der menschlichen Lebenswelt — vornehmlich von Märkten — zu entwickeln, so Karen Horn vom Institut der Deutschen Wirtschaft aus Berlin. Sie verwies in ihrem Vortrag zum Thema «Wege zur Weisheit» darauf, dass Märkte nicht allein im klassischen Sinne als Warenhandelsplatz verstanden werden dürften. Vielmehr müsse man sich der Tatsache bewusst sein, dass alle gesellschaftlichen Rückkopplungen Märkte seien, der Mensch sich also — ob er will oder nicht — jederzeit und überall Marktkräften ausgesetzt sieht und diesem Umstand in geeigneter Weise begegnen muss. Wer in Anbetracht der jüngsten Krisen von einem kolossalen Versagen der Märkte spreche, so Horn, habe nicht verstanden: «Der Markt, das sind wir.»

Dem Markt die Weisheit abzusprechen sei vor diesem Hintergrund eine Begriffsverwirrung, da die conditio humana der menschlichen Fehlbarkeiten und Unterschiede auf dem Prinzip des Versuchs und der Korrektur beruhe, die sich lediglich auf verschiedensten Märkten spiegele. Krisen seien teuer und unvermeidlich — aber lasse man sie zu, bestehe immerhin die Möglichkeit zur Korrektur. Unterdrücke man Märkte beim Anzeigen von Fehlallokationen, werde das Problem nicht gelöst, sondern im Gegenteil stets gravierender. Marktphänomene seien dementsprechend stets das Abbild zwischenmenschlichen Erfolgs und Scheiterns — in dieser Funktion müsse das «Wunder des Marktes» (Hayek) als sehr effizient anerkannt werden, es sei vor einem Versagen gar per Definition geschützt. Horn liess nicht unerwähnt, dass dieser Umstand jedoch viele Ökonomen nicht daran hindere, den Markt verengend umzudefinieren, ihm etwa bei Nichterfüllung von Erwartungen ein Scheitern zu attestieren. Generell könne man kaum umhin, der aktuellen Wirtschaftswissenschaft vorzuhalten, dass sie sich in konstruierten Modellwelten und vor mathematisierten Schablonen bewege, ihr also der historische Bezug zu Philosophie und Sozialforschung verloren gegangen sei. Anhand der Forschungsergebnisse einiger Nobelpreisträger für Ökonomie verdeutlichte die Wirtschaftspublizistin, dass die Entfremdung der Ökonomen von ihrem eigentlichen Forschungsgebiet allzu berechnende wenn nicht gar totalitär-ideologische Blüten treibt. Sie schloss mit dem Apell «An den Wert der Freiheit muss wieder erinnert werden!»

Nach dem Exkurs in die Welt der liberalen Theorie dann die Würdigung der liberalen Praxis: Mit der erstmaligen Verleihung des Röpke-Preises für Zivilgesellschaft an Karl Reichmuth ehrte das Liberale Institut einen Praktiker und Denker, der «Antworten gibt, auf Fragen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz». Karl Reichmuth, Präsident des Verwaltungsrates und unbeschränkt haftender Gesellschafter der Privatbank Reichmuth & Co (Luzern) wurde geehrt für sein langjähriges Engagement zugunsten eines gesunden Geldwesens und gegen die Auswirkungen der Inflation. Der «Spirit Röpkes», so LI-Direktor Bessard in seiner Rede für den Preisträger, sei in Reichmuths Schaffen spürbar. Letzterer freute sich nach der feierlichen Übergabe sichtlich über das in den Preis gravierte «R» und nutzte in seiner Dankesrede die Gelegenheit, den etwa 160 Anwesenden einige Erfahrungen seines Berufslebens in einer «Zeitreise» nahe zu bringen.

So habe er, inspiriert durch liberale Denker wie Hayek und Röpke, schon als junger Bankier stets nach Wegen gesucht, Werte nicht nur zu schaffen, sondern sie vor allem langfristig zu sichern. Dieser Sicherungsfunktion komme das einzig von Zentralbanken ausgegebene Geld jedoch spätestens seit dem Zusammenbruch des Fixkurs-Wechselsystems von Bretton Woods im Jahre 1973 nicht mehr nach, da es keinem echten Wettbewerb ausgesetzt und sein Wert somit monopolistisch manipulierbar sei. Zum Schweizer Franken etwa fiel der US Dollar zwischen 1971 und 1978 von 4.33 auf 1.47. Die Lockerung der Schweizer Geldpolitik, liess daraufhin die Inflation von 0,2% in 1978 auf 7,8% im Jahre 1981 steigen, was unter Anlegern in der Schweiz ein zunehmendes Bedürfnis für krisensichere Anlagen schuf, dem Reichmuth nachkam und das Angebot über die Jahre ausbaute. Auch die gegenwärtige «Not der Notenbanken» sei eine Folge falsch verstandener Finanzpolitik, welche die drei zentralen Massstäbe einer Währung — Tauschfunktion, Wertmassstab und Wertaufbewahrung — unzureichend oder gar nicht beachte. Die Entkopplung vieler Finanzprodukte von realen Werten, das Übernehmen ungedeckter Schulden durch Kaskaden von Bankinstituten und letztlich das Fehlen einer Aufsicht des Geldwesens in Form freier Märkte seien die Gründe für Verwerfungen auf den Finanzmärkten und für den desaströsen Zustand westlicher Staatshaushalte. Reichmuth präsentierte den hauseigenen Fond «RealUnit» als lebensnahe Anlage, dessen Zusammensetzung auf den gesamten Werten einer Volkswirtschaft beruhe, was ihn von inflationsgefährdeten, herkömmlichen Anlagemöglichkeiten unterscheide — und so als Beispiel für nachhaltige Finanzwirtschaft dienen darf.

Erst die neuerliche Finanzkrise hat also das Bewusstsein für eine alternative, marktwirtschaftliche Geldpolitik unter Fachleuten und Laien neu geschaffen — das bereits von Friedrich August von Hayek und Wilhelm Röpke propagierte System konkurrierender und gedeckter Währungen ist in Zeiten der offensichtlichen Bankrotterklärung des status quo also aktueller denn je.

«Wege zur Weisheit»
Vortrag von Dr. Karen Horn

«Geld regiert die Welt, wer regiert das Geld?»
Rede von Karl Reichmuth


December 9, 2010