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Wider ein Mehr an Umverteilung

Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise erschallt der Ruf nach «sozialer Gerechtigkeit» immer lauter.

Während mittels einer vermeintlich «sozialen» Politik bereits seit Jahrzehnten sozialistisches Gedankengut in Wirtschaftsordnungen eingeschleust wird, rückt der Begriff der «Gerechtigkeit» derzeit im Zusammenhang mit hohen Banker-Boni und wachsenden Einkommensunterschieden in den Vordergrund.

Wie jüngst eine Veranstaltung des Zürcher Liberalen Instituts zum Thema «Gerechtigkeit durch Umverteilung?» zeigte, birgt diese Entwicklung erhebliche Gefahren. Wie Katja Gentinetta und Karen Horn, Autorinnen des Buchs «Abschied von der Gerechtigkeit», an dem Anlass darlegten, wird «Gerechtigkeit» in der öffentlichen Diskussion schliesslich stark im Sinne einer grösstmöglichen sozialen Gleichheit interpretiert.

Während die Begriffe «Gerechtigkeit» und «Freiheit» in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg unauflöslich miteinander verbunden waren, überstrahlt nun der erste Begriff den zweiten. Zudem wird «Gerechtigkeit» immer mehr zu einem Schlagwort für Forderungen nach einem Mehr an Umverteilung. Die Berufung auf eine solche Art der «Gerechtigkeit» hat dazu geführt, dass der Anteil des Arbeitseinkommens am Volkseinkommen - ein Indikator für das Gewicht der Arbeitsleistung innerhalb einer Volkswirtschaft - in Ländern wie Deutschland oder den USA in den vergangenen 25 Jahren deutlich gesunken ist. Immer mehr Bürger leben dort also von staatlichen Transferleistungen. Der Mangel an Selbstverantwortung und die zunehmende Alimentierung der Bürger schränken indessen die «Teilhabegerechtigkeit» ein - immer mehr Bürger verabschieden sich aus gesellschaftlichen Prozessen, ihre persönliche Entfaltung wird eingeschränkt. Eine solche «soziale Gerechtigkeit» mit immer ärmeren und unfreien Bürgern könne aber kein Ziel sein, lautete das Fazit des Anlasses. Folglich dürfe «Gerechtigkeit» nicht der höchste Wert sein, dem eine Gesellschaft nacheifere.

Michael Ferber, Neue Zürcher Zeitung

3. April 2010