Liberales Institut im Dienst der Freiheit

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25 Jahre nach dem Fall der Mauer

Ein Galaabend in Berlin mit dem ehemaligen tschechischen Präsidenten Václav Klaus.

Berlin

Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer — und mit ihr der real existierende Sozialismus in Europa. Das Jubiläum des Mauerfalls ist ein Anlass zu feiern, aber auch jenseits offizieller Verlautbarungen über die Entwicklung der individuellen Freiheit in Europa nachzudenken. Zu diesem Zweck lud Ende Oktober das Liberale Institut in Zusammenarbeit mit den European Students for Liberty und einem Patronatskomitee aus Berliner Freiheitsfreunden zu einem festlichen, bis zum letzten Platz ausgebuchten Galaabend in Berlin. Die Veranstaltung sollte ein Zeichen für den universellen Wert der individuellen Freiheit und gegen aktuelle sozialdemokratische Irr- und Abwege setzen.

In seiner Begrüssung betonte Gastgeber Pierre Bessard, Direktor der Liberalen Instituts, man fühle sich privilegiert, dank dem Geist und der Kreativität aller ihrer Einwohner die individuelle Freiheit in einer der pulsierendsten Hauptstädte Europas feiern zu können. Dies sei keine Selbstverständlichkeit. Trotz aller Mängel, die in der aktuellen Politik der europäischen Länder geortet werden könnten, solle der Abend den unternehmerischen Leistungen in Berlin seit der Wende und dem Ende des Sozialismus in Europa gewidmet werden. Gerade Liberale verstünden die Bedeutung der Vergangenheit, wenn es darum ginge, die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten. Darum werde der Erlös des Galaabends dem Stasimuseum in Berlin gespendet, das eine bemerkenswerte Arbeit zur Dokumentierung der Realität staatlicher Überwachung und Unterdrückung im Sozialismus leiste.

Im Namen der Vereinigung European Students for Liberty ging Frederik Roeder anschliessend auf den universellen Wert der Freiheit ein. Aus diesem Blinkwinkel sei die fortgeschrittene wirtschaftliche und geistige Globalisierung und der Fall vieler Grenzen innerhalb Europas und auf der Welt eine äusserst hoffnungsvolle Entwicklung für den Frieden und den Wohlstand. Students for Liberty sei inzwischen auf allen Kontinenten mit studentengeführten Aktivitäten vertreten. Dies sei ein positives Zeichen für eine zukunftsgerichtete Bewegung.

Vier internationale Referenten teilten im Verlauf des Abends ihre Betrachtung der Entwicklung Europas und der Rolle der individuellen Freiheit.

Vaclav Klaus

Václav Klaus, ehemaliger Präsident der Tschechischen Republik, beschrieb den Sozialismus als ein irrationales, erdrückendes, grausames und ineffizientes System, dessen Sturz grosse Freude und Hoffnung ausgelöst habe. Der schnelle und nahezu vollständige Zusammenbruch des Sozialismus habe dazu geführt, dass sowohl Bürger wie auch akademischen Beobachter ihre Aufmerksamkeit schnell auf die Herausforderungen der Systemtransformation gelenkt hätten. Dabei komme nach Klaus manchmal die Erinnerung an das soziale, ökonomische, ökologische und humanistische Versagen des Sozialismus zu kurz. Sympathien mancher Europäer für den Sozialismus seien auch darum unverständlich, weil die schnelle und erfolgreiche Transformation osteuropäischer Volkswirtschaften allein auf eine klare Ausrichtung an marktwirtschaftlichen Prinzipien zurückgeführt werden könne. Umso bedauerlicher sei es, dass unter dem Mantel der Europäischen Union eine Welle der Zentralisierung und Bürokratisierung entstanden sei, die manche Errungenschaft bereits wieder in Frage stelle.

Keynoterede von Václav Klaus:
«25 Jahre nach dem Fall des Kommunismus: Die damals schnell wiedergewonnene Freiheit, die gerade jetzt unter neue Attacken gelangt» (5 Seiten, pdf)

Vera Lengsfeld

Vera Lengsfeld, Bürgerrechtsaktivistin, Publizistin und ehemalige Abgeordnete des Deutschen Bundestages, erinnerte an den Mut und das Engagement der Bürger in den sozialistischen Regimen. Insbesondere wies sie auf die Errungenschaften des zivilgesellschaftlichen Widerstands hin, auf den die Politik erst spät reagierte. Der Sturz des Sozialismus werde von der Politik gefeiert, sei aber auf das Engagement mutiger Individuen zurückzuführen. Lengsfeld beschrieb, wie die Anhänger der alten Regime von Beginn an gegen die Überwindung des Sozialismus polemisierten und Missgunst streuten. Noch heute würden politische Kräfte versuchen, durch Kritik an den aktuellen Umständen vom vollständigen Versagen der sozialistischen Ordnung abzulenken. Lengsfeld beschrieb, wie auch Politiker des Westens zum Teil durch die Ereignisse rund um den Mauerfall überwältigt und verängstigt wurden. Eine verbreitete Reaktion sei es gewesen, die wohlfahrtsstaatlichen Privilegien der westlichen Volkswirtschaften umgehend auf den Osten zu übertragen. Auch die Europäische Union diene bis heute einer Vereinheitlichung möglichst umfassender Privilegien und der Verhinderung eines dynamischen Standort- und Systemwettbewerbs.

Gedenkrede von Vera Lengsfeld:
«Die Friedliche Revolution 1989 und Europa» (6 Seiten, pdf)

Rahim Taghizadegan

Rahim Taghizadegan, Ökonom, Philosoph und Leiter des Instituts für Wertewirtschaft, wandte sich dem Begriff der Demokratie, Nation und Republik im Nachgang des Mauerfalls zu. Gerade im Sozialismus seien diese Begriffe systematisch verzerrt worden, um die Legitimität der herrschenden Ordnung zu fingieren. Doch auch heute werde die Demokratie und Volkswille von den Regierungen gerne ins Feld geführt, um fragwürdige Massnahmen reinzuwaschen. Taghizadegan wies darauf hin, dass im Lauf der Geschichte zahlreiche Autoren vor einer kollektivistischen Überhöhung der Demokratie gewarnt hatten. So dürfe diese nicht in einer Tyrannei der Mehrheit über die Minderheit münden — insbesondere über die kleinste denkbare Minderheit: das Individuum. Wenn aktuell eine Demokratisierung der Wirtschaft gefordert würde, so verstecke sich hinter diesen schönen Worten eine Machtanmassung staatlicher Gewalt, die eben durch den Mauerfall überwunden geglaubt war. Das Jubiläum des Mauerfalls solle daher dazu anregen, vor allem den Wert der individuellen Freiheit zu feiern. Und ihn konsequent auch gegen aktuelle Anmassungen zu verteidigen.

Gedenkrede von Rahim Taghizadegan:
«Nation, Demokratie und Republik - eine Fiktion, die den Mauerfall überdauert hat» (5 Seiten, pdf)

Yaron Brook

In diesem Sinne erinnerte Yaron Brook, Direktor des Ayn Rand Institute in Los Angeles, an das Werk und die Ideen der russisch-amerikanischen Autorin Ayn Rand. Diese sei, nach ihrer Flucht aus dem kommunistischen Russland, entsetzt gewesen von der romantischen, verzerrten Wahrnehmung des Sozialismus im Westen. Vor diesem Hintergrund verfasste sie das Werk We the living, welches ein realistisches Bild des Kollektivismus zeichnen sollte (und am Galaabend vom Liberalen Institut hundertfach vor allem jüngeren Anwesenden verschenkt wurde). Hierzu zählte vor allem die Unterstellung des Individuums unter kollektive Zielsetzungen, die Verdrängung individueller Rationalität durch kollektive Glaubenssätze und die Verächtlichmachung rationaler Eigeninteressen. Vor diesem Hintergrund seien auch zahlreiche aktuelle politische Entwicklungen als problematisch zu bezeichnen — in den USA ebenso wie in Europa. Der Sozialismus möge als politisches Programm gescheitert sein, doch die Prinzipien des politischen Kollektivismus seien bis heute wirksam. Die konsequente Verteidigung der individuellen Freiheit sei daher heute so notwendig, wie vor 25 Jahren.

Dinner Rede von Yaron Brook:
«Liberty and the Philosophy of Life» (Video)

11. November 2014