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Ayn Rand und die ethische Begründung des Kapitalismus

Das LI-Gespräch vom 17. Januar befasste sich mit den Ideen der berühmten Romanautorin.

Als „Hohepriesterin des Kapitalismus“ wurde sie bezeichnet, die russisch-amerikanische Autorin und Philosophin Ayn Rand. Warum die Ideen der streitbaren Intellektuellen auch heute noch Antworten auf drängende Fragen der Zeit bergen, beleuchtete nun ein LI-Gespräch unter Mitwirkung herausragender Kenner ihres Werkes. LI-Direktor Pierre Bessard hob in seinen einführenden Worten hervor, dass nur wenige Intellektuelle so viele Menschen mit den Vorzügen und Möglichkeiten einer freien Marktwirtschaft vertraut gemacht hätten, wie Rand. Indem sie populäre Romane verfasste, welche politische und philosophische Überlegungen vermitteln, ermöglichte sie einer breiten Leserbasis einen einfachen und unterhaltsamen Zugang zu liberalen Prinzipien. Dabei beschränkte sich Rand nicht auf die ökonomisch-utilitaristischen Vorzüge eines freien Marktes, vielmehr sollte ihre Philosophie einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung die notwendige ethisch-moralische Grundlage bereiten.

Yaron Brook, der Direktor des amerikanischen Ayn Rand Institute, beschrieb im Anschluss die aktuelle Bedeutung des Rand‘schen Werks. Ausgangspunkt war dabei die Diagnose einer paradoxen politischen Lage: einerseits sei die Überlegenheit einer marktwirtschaftlichen Ordnung in Theorie wie Praxis erwiesen, andererseits sei die Marktwirtschaft weltweit in der Defensive und werde zunehmend durch staatliche Interventionen bedrängt und behindert. Der Liberalismus — so Brook — befinde sich in einem Rückzugsgefecht, der Autoritarismus sei dagegen auf dem Vormarsch. Empirische Daten würden jedoch belegen, dass wirtschaftliche Freiheit die Voraussetzung für Wachstum und Wohlfahrt darstelle — die Schweiz sei dafür ebenso ein Beleg, wie Hong Kong, welche als Inseln der Freiheit in einem etatistischen Umfeld in kurzer Zeit enormen Wohlstand erreichen konnten. Die Erkenntnisse der Österreichischen Schule der Ökonomie würden die theoretische Erklärung für diese Beobachtung liefern. Warum also erlebe die Philosophie des Liberalismus keinen weltweiten Triumph?

Nach Brook liege die Schwäche des Liberalismus im Feld der Moralphilosophie. Während Liberale mit trockenen Daten und Theorien für ihre Überzeugungen stritten, beriefen sich die Gegner des Marktes auf vermeintlich moralische Einwände. Brooks stellte fest, dass Menschen durch rationales Eigeninteresse motiviert sein — diese Form des Egoismus sei die Grundlage für Arbeit, Investition, Innovation und Tausch. Der freie Markt sei geprägt von „Win-win-Situationen“, in welchen alle Beteiligten basierend auf ihren Interessen von einem Austausch profitieren. Der herrschende Moralkodex erfordere jedoch Selbstlosigkeit und -aufopferung. Moralische Anerkennung fände der Mensch darum nur in „Lose-win-Situationen“, also solchen, in welchen mindestens ein Teilnehmer einen Verlust erleide.

Brooks zitierte Bill Gates als ein illustratives Beispiel: Durch die Erfolge Microsofts habe dieser unzählige Menschen bereichert und enormen Wohlstand geschaffen — für andere wie auch sich selbst. Moralische Anerkennung fände jedoch nicht diese Lebensleistung, sondern vielmehr jene Fälle, in denen Gates einen Teil seines Vermögens spendete, also ohne Gegenleistung aufgebe. Dies sei paradox, da die Marktleistung Microsofts einen ungleich grösseren positiven Einfluss auf das Wohl der Menschheit habe. Gleiches gelte laut Brooks für die Politik: der Markt trage ungleich effizienter zur Bekämpfung von Armut, Krankheit und Ungerechtigkeit bei, als der Wohlfahrtsstaat — weil letzterer aber mit einem Verlust der Zahlenden verbunden ist, der Markt hingegen allen Gewinne bringe, gelte der Wohlfahrtsstaat als moralisch höherwertig.

Ayn Rand habe schon früh diesen Widerspruch in der öffentlichen Moral erkannt und kritisiert. Notwendig, so Brooks, sei ein aktives Eintreten der Liberalen für eine Ethik, welche Vernunft, Fortschritt, Erfolg und Wohlstand feiere, statt sie zu verdammen. Eine Philosophie des rationalen Eigeninteresses führe unvermeidlich zu einer marktwirtschaftlichen Grundordnung — und damit zu breitem Wohlstand. Staatlicher Zwang sei hingegen die Negierung der Vernunft und mit einer freiheitlichen Ethik unvermeidbar.

Im Anschluss stellte Kai John die durch ihn herausgegebene deutsche Version des Rand‘schen Klassikers „Atlas Shrugged“ — dt. „Der Streik“ — vor. John beschrieb, er habe das Werk nach der jüngsten Finanzkrise erneut gelesen und dabei festgestellt, dass Rand darin die heutige politische Lage ungemein treffend darstelle und analysiere. Er zeigte sich darum überzeugt, dass nun eine grosse Chance bestehe, das Werk und die Philosophie Ayn Rands auch im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen — und so Interessierte an die Idee der Freiheit heranzuführen.

Im Rahmen der abschliessenden Diskussion stellte Brooks das Werk Rands in einen historischen Kontext — danach greife Rand die revolutionären Erkenntnisse der Aufklärung auf, und gebe ihnen eine neue Grundlage. Die Entstehung des Kapitalismus sei ein historischer Glücksfall, der sich spezifischen historischen Weichenstellungen verdanke. Die Geschichte verzeichne jedoch keineswegs einen gleichförmigen Verlauf — schon mit dem Einzug der Romantik habe die Entwicklung hin zu Vernunft, Wissenschaft und Fortschritt herbe Rückschläge erlitten. Der Aufstieg der USA zu einer dominanten Weltmacht sei vor allem der Tatsache zu verdanken, dass deren Gründerväter die Ideale der Aufklärung in die politischen Institutionen des jungen Staates einfliessen liessen. Auch hier sei jedoch seither ein ständiger Rückzug der Freiheit zu verzeichnen. Liberale hätten sich daher mehr denn je für einen Trennung von Staat und Religion, Staat und Bildung, Staat und Wissenschaft sowie Staat und Wirtschaft einzusetzen.


29. Januar 2013