Chaos, Ordnung und die Gefahr des Machbarkeitswahns

Gerhard Schwarz

Eine freie Ordnung produziert nie nur positive Ergebnisse. Die Marktwirtschaft ist ein permanenter Suchprozess mit vielen Irrungen und Wirrungen.

Von den Gefahren, denen die liberale Ordnung ausgesetzt ist, ist das Streben nach ökonomischer Gleichheit wohl die älteste. Der sozialistische Traum führt unweigerlich in den Totalitarismus. Das haben Denker wie Karl Popper oder Ralf Dahrendorf gezeigt, aber auch die grandios gescheiterten Experimente in Osteuropa, China oder Kuba. Trotzdem verkennen viele Liberale die Gefahr für die Freiheit, die vom Streben nach Gleichheit ausgeht, weil sie Gleichheit mit Gerechtigkeit verwechseln. Nicht minder gefährlich ist das konservative Bemühen um Sicherheit. In einer freien Gesellschaft kann es keine absolute Sicherheit geben, auch keine völlige soziale Sicherheit; eine gänzlich sichere Gesellschaft ist nämlich zwingend ein Polizeistaat. Trotzdem akzeptieren Liberale in Krisen, zuletzt nach 9/11, wegen der «Sicherheit» alle möglichen Eingriffe in die Freiheit. Doch die Freiheit ist nicht nur von solch offensichtlichen Gefahren bedroht, sondern auch von Denkweisen, die auf den ersten Blick weniger deutlich als freiheitsfeindlich erkennbar sind. Zu ihnen zählt zunehmend der Glaube an die Machbarkeit aller Dinge.

Auf leisen Sohlen

Vor diesem Wahn muss man sich nicht zuletzt deswegen hüten, weil er die liberale Ordnung auf leisen Sohlen attackiert. Die Apostel der Machbarkeit verstehen sich nämlich nicht als antiliberal; sie erkennen nur nicht, dass Vielfalt, Non-Zentralismus und ein hoher Freiheitsgrad aller - was wie «Chaos» wirkt - Voraussetzung dafür sind, dass sich so komplexe Systeme wie Volkswirtschaften stabil halten und dass sie gleichzeitig genügend Flexibilität entwickeln können, um mit den Unvorhersehbarkeiten der Welt zu Rande zu kommen. So funktioniert die Marktwirtschaft. Man kann sie daher weder genau rechnen noch prognostizieren, und wenn man in sie eingreift, etwa mit realitätsfremden Umwandlungssätzen oder mit Lohnober- und -untergrenzen, weiss man nie genau, was man anrichtet - ausser, dass man Freiheitsgrade reduziert, Dezentralität abbaut und Anpassungsfähigkeit gefährdet.

Gefährlich ist der Machbarkeitsglaube ferner, weil er auch auf der bürgerlichen Seite weit verbreitet ist. Während das liberale Konzept auf die Gestaltung von Prozessen und Ordnungen zielt und hinnimmt, dass im Spiel von Angebot und Nachfrage Löhne stagnieren, Benzinpreise steigen und Branchen schrumpfen können - oder das Gegenteil -, will herkömmliche Politik immer konkrete Ziele erreichen. Dass dies an den Grundlagen einer freien Gesellschaft rüttelt, ist den meisten Politikern nicht bewusst. Unterstützt werden sie dabei von den Managern und Unternehmern, für die Machbarkeit geradezu Programm ist. Das mag auf der Ebene der Unternehmen dank klarer Hierarchie und Zielorientierung seine Berechtigung haben. Allerdings hätte man sich gerade auch dort in den letzten Jahren weniger überhebliche Überzeugung, dass man alles verstehen und im Griff haben könne, gewünscht. Und wenn der Machbarkeitsglaube auf der Mikroebene, in der Finanzbranche, schmerzhaft widerlegt worden ist, müsste dies erst recht auf der Makroebene gelten.

Groteskerweise hat er sich aber durch die Finanz- und Wirtschaftskrise eher verstärkt. Dabei lässt sich diese Krise ohne intellektuelle Verbiegungen weitgehend als eine Folge übersteigerten Machbarkeitsglaubens verstehen: Banker, die sich als «Master of the Universe» fühlten und alles - geschäftlich wie privat - für käuflich hielten; Politiker, die glaubten, sie könnten gegen jede wirtschaftliche Realität das Hauseigentum für alle herbeizwingen, auch für jene, denen es an Arbeit, Einkommen und Vermögen mangelt; Geldbehörden, die sich in der Lage wähnten, Rezessionen auf Dauer zu verhindern oder jedenfalls weitgehend zu glätten; Regulatoren, die hofften, wenn man sie mit genügend strengen Aufsichtskompetenzen ausstatte, liessen sich Missbrauch und kriminelles Fehlverhalten eliminieren; und Ökonomen, die einem naturwissenschaftlichen Ideal nacheiferten und meinten, mit ihrem modellbasierten Wissen die Welt verstehen und erklären zu können. All das hat sich nicht bewahrheitet.

Mut zur Demut

Statt darauf mit «more of the same» zu reagieren, würde es die Einsicht brauchen, dass im komplexen System «Wirtschaft» wenig zentral machbar, steuerbar und kontrollierbar ist. Wie gemäss der Chaos-Theorie der «Schmetterlingseffekt» Naturkatastrophen auslösen kann, vermag auch die kleinste Handlung die Wirtschaft aus den Angeln zu heben, der Entscheid eines einzelnen Unternehmers ebenso wie jeder bewusst gesetzte staatliche Eingriff. Das darf nicht zu Agnostizismus oder Fatalismus führen. Es mahnt aber zu äusserster Zurückhaltung in der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltpolitik, und es liefert neben den beiden Argumenten der Sicherung der Freiheit und der Mehrung des Wohlstandes eine zusätzliche, erkenntnistheoretische Begründung für liberale Politik: Weil das System so komplex ist, weil es in seinen Teilen und erst recht in seiner Gesamtheit so wenig durchschaubar ist, weil sich seine künftige Entwicklung bestenfalls mit groben Mustervorhersagen umschreiben lässt, sind noch so gut gemeinte punktuelle Interventionen in ihren Wirkungen und Nebenwirkungen zu unberechenbar, als dass man sie guten Gewissens vertreten könnte. Das «Chaos» erträgt kaum gezielte Eingriffe.

Hingegen sind «Chaos» und Ordnung kein Gegensatz. Die Komplexität der Wirtschaft verträgt sich sehr wohl mit einem ordnungspolitischen Rahmen, solange dieser Raum lässt für Selbstorganisation, für Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares. Wenn wir hingegen dem «Chaos» mit Einzelmassnahmen begegnen, wenn wir es überwinden und beherrschen statt nur nützen möchten, begeben wir uns in einen Teufelskreis des Interventionismus und des Machens. Wir beschädigen die Funktionstüchtigkeit der Marktwirtschaft, ohne ihre unvermeidbare Volatilität, die konjunkturellen und strukturellen Einbrüche und Umbrüche, die Arbeitslosigkeit, die Preisausschläge, die Spekulation und vieles mehr auch nur annähernd in den Griff zu bekommen. Wenn wir dagegen aufhören, unsere wirtschaftspolitische Gestaltungsfähigkeit zu überschätzen, werden wir zwar all diese «chaotischen Entwicklungen» auch erleben, aber sie werden weniger zurückgestaut werden und sich daher auch weniger geballt entladen. Wenn wir mehr Mut zur wirtschaftspolitischen Demut entwickeln, werden wir erkennen, dass das «Chaos» funktioniert - auch in der Wirtschaft - und dass wir uns vor seiner Ergebnisoffenheit weniger fürchten müssen als vor dem, was die bewussten und unbewussten Interventionisten dieser Welt in ihrer konstruktivistischen Hybris entwerfen.

Dieser Beitrag wurde in der Neuen Zürcher Zeitung als Abschiedsartikel des Autors publiziert. Das Liberale Institut bedankt sich für die freundliche Genehmigung zur Weiterveröffentlichung.

Oktober 2010

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