Der freie Markt als intrinsisch moralische Institution

Pierre Bessard

Der Markt fördert nicht nur die Effizienz, sondern auch die Gerechtigkeit unter den Beteiligten. Er ist auch der grösste denkbare Gemeinschaftsstifter.

Wenige Aussagen auf dem Feld der Wirtschaftswissenschaften sind so falsch wie die Behauptung, der Markt sei eine moralisch neutrale oder gar amoralische Veranstaltung. Tatsächlich lässt sich umgekehrt die These vertreten, der freie Markt sei die umfassendste moralische Institution des Menschen. Warum? Ein freier Markt ist der Inbegriff des Respekts vor individuellen Eigentumsrechten: Jeder darf nur das benutzen oder austauschen, was ihm gehört, seien es seine Fähigkeiten, sein Geld oder physische Produktionsfaktoren. Der Markt ist genau das Gegenteil des «Gesetzes des Dschungels», nach dem eine ungezähmte Individualität herrscht, die stets zum Triumph des physisch Stärksten führt. Die Institutionen des freien Marktes wirken unvergleichlich zivilisierend auf die Impulse und Dränge des Menschen.

Moralische Anstalt

Die Ethik des Marktes ist dabei durchaus auf dem Eigeninteresse der Menschen fundiert — und genau darum so belastbar: Wenn jeder jeden einfach berauben würde, fänden kein Austausch, keine Kapitalakkumulation und keine Wohlstandsvermehrung statt. Erst die Ethik des Eigentums erlaubt es, dass Produzenten und Konsumenten aller kulturellen Hintergründe zu einem wechselseitig vorteilhaften Tausch zusammenfinden. Die Ethik des Marktes erkennt auch, dass sich der Mensch stets bemühen muss, um in einer Welt knapper Ressourcen materielle Wohlfahrt erfahren zu können. Jeder Wohlstand ist im freien Markt auf die friedlichen Anstrengungen des Individuums zurückzuführen — und darum gerecht. Diese universale Ethik des Marktes setzt sich immer wieder durch, spontan und auch dort, wo der Staat sie unterdrückt. Der freie Markt fördert aus der eigenen Logik heraus Werte wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit — und eben auch Effizienz.

Der Markt ist aber nicht nur für das teilnehmende Individuum eine intrinsisch moralische Anstalt, er ist auch der grösste denkbare Gemeinschaftsstifter. Er verbindet die Menschen in einem komplexen Netzwerk gegenseitiger Koordination und des Tausches. Die Wahlfreiheit der Konsumenten diszipliniert dabei stets jene des Anbieters. Ein rücksichtsloser oder unehrlicher Anbieter wird auf Dauer keine Abnehmer finden und so durch den freien Markt bestraft. Nur der freie Markt garantiert, dass schwarze Schafe für ihre Vergehen durch einen Reputationsverlust und letztlich den Verlust des eigenen Vermögens zur Rechenschaft gezogen werden. Das heisst, solange sie nicht durch die Fehlanreize staatlicher Regulierung geschützt werden wie etwa in der aktuellen Finanzkrise. Der Wettbewerb eines freien Marktes hält dagegen jeden Teilnehmer zum Erhalt eines guten Rufes an.

Thomas Hobbes popularisierte die Vorstellung, der Mensch sei dem Menschen ein «Wolf». Der freie Markt ersetzt dagegen den Kampf durch den Wettbewerb. Auf dem Markt bemühen sich Anbieter wie Nachfrager um die Kooperation des anderen. Erfolgreich ist das Individuum hier nur auf der Grundlage einer umfassenden Arbeitsteilung. Nullsummenspiele sind nicht das Geschäft des Marktes, sondern der Politik. Die Ethik des Marktes ist dabei besonders wirksam und nachhaltig, weil sie nicht dem Zwang, sondern dem freien Willen, der Eigenverantwortung und Vernunft des Menschen entspringt. Dabei ist es zugleich auch nur der Markt, der dem Menschen ein Maximum unterschiedlichster Werte und Ideale in seinem Privatleben ermöglicht. Er erfordert hier weder Mehrheiten noch einen Konsens.

Zahlreiche Studien belegen empirisch den Zusammenhang von freiem Handel und Frieden. Gäbe es einen Friedensnobelpreis für Ordnungen oder Institutionen, keine hätte ihn so sehr verdient wie der freie Markt. Schon Montesquieu hatte erkannt, «dass überall, wo es Handel gibt, auch sanfte Sitten herrschen». Dies gilt in einem «Binnenmarkt» ebenso wie auch international. Nur der freie Markt ermöglicht das friedliche gemeinsame Streben nach dem besseren Leben, ohne dem Individuum eine Vorstellung davon aufzuzwingen.

«Wirtschaftsethik» gegen die Ethik

Nichts ist also absurder, als «Wirtschaftsethik» für eine Ethik gegen den freien Markt zu halten. Ethische Zerwürfnisse finden sich, im Gegenteil, gerade dort, wo der freie Markt behindert und unterdrückt wird. Dies belegt der Blick auf die aktuelle Finanzkrise: Das Tauschmittel der gescholtenen Finanzmärkte ist heute kein Produkt des freien Marktes mehr — es wird durch ein staatliches Monopol erzeugt. Wenn aber das Geld der Ethik des freien Marktes entzogen wird, kann es nicht verwundern, dass es zu Missbräuchen kommt. Das Versagen des Staates auf den Hypotheken-, Immobilien- und Finanz-«Märkten» ist eben auch ein ethisches Versagen.

Versionen dieses Artikels sind in der «Weltwoche» und «eigentümlich frei» erschienen.

April 2009

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