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Die Alternative zur gescheiterten Entwicklungshilfe

Über 100 Personen befassten sich am LI-Filmabend mit den Bedingungen der Armutsüberwindung.

Wieso entkommt Afrika trotz milliardenschwerer, jahrzehntelanger Hilfen westlicher Nationen nicht schneller der Armut? Wirkt Umverteilung vielleicht schädlich? Mit diesen Fragen befassten sich die zahlreich erschienenen Teilnehmer des LI-Filmabends am 3. November, an welchem der 41-fach preisgekrönte Dokumentarfilm «Poverty, Inc.» aufgeführt wurde. Der Film handelt von den weit verbreiteten Mythen der Entwicklungshilfe und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung aus Sicht der Entwicklungsländer selber.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich westliche Staaten, internationale Organisationen, soziale Unternehmer und Entwicklungshelfer als diejenigen Protagonisten positioniert, die Entwicklungsländer mit immer grosszügigeren finanziellen und materiellen Geschenken aus der Armut befreien würden. Überall steht die Forderung im Raum, noch mehr Steuermittel und Spendengelder der Entwicklungshilfe zu widmen. Im Film wird nicht die gute, von Herzen kommende Intention kritisiert, anderen Menschen zu helfen. Im Gegenteil. Vielmehr wird vor einem unüberlegten, schädlichen Aktionismus gewarnt. Gute Absichten allein garantieren bekanntlich noch keine guten Ergebnisse. Aus diesem Grund ist es wichtig zu verstehen, was die Abgabe von kostenlosen und subventionierten (und daher künstlich verbilligten) Produkten in den betroffenen Regionen verursacht.

«Poverty, Inc.»-Regisseur Michael Matheson Miller lässt die Opfer der Hilfsindustrie selbst zu Wort kommen. Eva Muraya, Unternehmerin aus Kenia, klagt etwa darüber, dass die lokale Textilindustrie enorm unter der Entwicklungshilfe leide: «Unsere Baumwollfarmen sind alle verschwunden wegen den importierten Gebrauchtwaren, die hier gratis verteilt werden.» Wieso sollte noch jemand für Produkte bezahlen wollen, wenn es diese auch gratis zu haben gibt? Ein ähnliches Bild zeigt sich in Haiti: Im Film wird die Geschichte eines einst erfolgreichen lokalen Unternehmens mit rund 60 Angestellten erzählt, das für Haiti Solar-Strassenlampen produzierte. Nach dem Erdbeben im Jahr 2010 strömten unzählige Hilfsorganisationen in das Land, die nicht nur kurzfristige Katastrophenhilfe leisteten, sondern sich auch Jahre nach der Krise immer noch vor Ort betätigen — unter anderem mit der kostenlosen Einfuhr von Beleuchtungseinrichtungen. Aufgrund dieser Tatsache büsste das Unternehmen massiv an Aufträgen ein. Dies führte zu einem Abbau von Arbeitsplätzen für die lokale Bevölkerung. Dies ist mehrfach problematisch: Arbeitslose schliessen sich mangels Alternativen oftmals kriminellen Gangs an, die Land und Leute terrorisieren.

Die Logik hinter all diesen tragischen Geschichten ist stets dieselbe: Indem westliche Hilfswerke Entwicklungsländern kostenlose Güter zur Verfügung stellen, zerstören sie gleichzeitig Anreize für lokale Unternehmer, selbst die bestehende Nachfrage zu befriedigen und Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen. Dies führt in der Folge zu einer gesellschaftlichen Abhängigkeitsmentalität. Man wird von der Hilfsindustrie und dessen Geschenken abhängig, weil bei Ausbleiben dieser Güter keine Unternehmer mehr vorhanden sind, die diese Lücke schliessen könnten. Zurecht wird Entwicklungshilfe deshalb als «Neokolonialismus» bezeichnet. «Wir werden von der Entwicklungshilfe-Community gefangen gehalten», bringt es Software-Unternehmer Herman Chinery-Hesse aus Ghana auf den Punkt. Entwicklungshilfe ist zu einem riesigen Geschäft geworden, das von westlichen Regierungen subventioniert und steuerlich privilegiert wird. Es besteht in der Folge ein ökonomisches Interesse an der Aufrechterhaltung der Armut, zumal unzählige Arbeitsplätze in der westlichen Welt direkt davon abhängen.

Was würde ärmeren Ländern tatsächlich helfen? David Syz, Gründer von ecodocs und ehemaliger Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft, stand nach der Filmaufführung den Fragen des Publikums Red und Antwort. Er formulierte das Grundprinzip gelingender Entwicklungshilfe wie folgt: «Investieren, nicht schenken: es kann durchaus sinnvoll sein, nach Katastrophen mit Geschenken zu helfen, um Not zu lindern; solche Schenkungen dürfen aber niemals dauerhaft sein.» Die sukzessive Einstellung der schädlichen Entwicklungshilfe auf Basis von Geschenken könnte den Grundstein für eine echte Entwicklung legen. Einerseits wird dadurch das lokale Unternehmertum gestärkt, was zur Folge hat, dass die Arbeitslosigkeit sinkt.

Die beste Entwicklungshilfe ist ein Job, dank welchem die Menschen ihr Bettlerdasein überwinden und anstatt dessen ihre Würde stärken können, indem sie miterleben, dass andere Menschen die von ihnen geschaffenen Produkte kaufen, womit sie autonom ihre Familie ernähren und für die Ausbildung der eigenen Kinder sparen können. Andererseits würde bei korrupten Herrschern, die sich heute hauptsächlich durch Entwicklungshilfegelder finanzieren, ein Umdenken stattfinden. Um weiterhin Einnahmen zu erzielen, müssten die Regierungen einen rechtstaatlichen Rahmen schaffen, der lokales Unternehmertum begünstigt: Schutz von Leben und Privateigentum, Abbau von Markteintrittsschranken und hinderlicher Regulierung, Vertragsfreiheit und die Durchsetzung der Verträge vor Gericht.

Mehr zum Thema:

«Das Ende der Armut: Chancen einer globalen Marktwirtschaft», Edition Liberales Institut (218 Seiten)

«Poverty, Inc.», DVD, 91 Minuten (ebenfalls erhältlich zur Ansicht in der Bibliothek der Freiheit des Liberalen Instituts)

4. November 2016