Die trostlose Wirtschaftswissenschaft und die aktuelle Krise

Gerhard Schwarz

Es wäre sinnvoll, wenn ein integraleres wirtschaftliches Denken, wie es den freiheitlichen Schulen eigen ist, in Zukunft wieder mehr Anerkennung fände.

Auf den viktorianischen Historiker Thomas Carlyle geht der Übername «the dismal science» für die Volkswirtschaftslehre zurück. Er war gegen den Untergangspropheten Thomas Robert Malthus gerichtet, dessen pessimistischen Vorhersagen in der Tat etwas Freudloses anhaftete. Seither, seit 160 Jahren, hat sich dieser Ruf einer trostlosen Wissenschaft erhalten, zumal im angelsächsischen Raum. Im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise kann man die Einschätzung oft hören. Für viele Beobachter steht nämlich zweifelsfrei fest, dass diese angeblich viel zu menschenferne Wissenschaft wesentlich Verantwortung für das trägt, was in den letzten Jahren geschehen ist. So ist denn die Ökonomie ein beliebter Prügelknabe im populären Spiel «Wer ist schuld an der Krise?». Für Harvard-Professor Stephen Marglin («The Dismal Science. How Thinking Like an Economist Undermines Community», 2008) sind die Ökonomie und das ökonomische Denken geradezu schädlich für den Zustand der Welt.

Übertriebener Optimismus

Eine Diskussion über die Verantwortlichkeiten in dieser Krise ist durchaus sinnvoll, und man sollte das Feld dabei nicht den «terribles simplificateurs» überlassen, die mit der «masslosen Gier» und dem «ungezähmten Markt» für sich die Sündenböcke längst gefunden haben. So einfach sind die Dinge eben nicht. Niemand wird etwa bestreiten, dass auch die ökonomische Wissenschaft unheilvoll in die gegenwärtige Misere verstrickt ist. Aber zugleich ist es geradezu absurd, wenn man undifferenziert das Kind mit dem Bade ausschüttet. Was also ist wo in der Ökonomie schiefgelaufen und mitverantwortlich an der Krise?

Man wird hier vielleicht als Erstes einen vom Zeitgeist geprägten, überzogenen Optimismus nennen müssen. Er hat sich bereits in der New-Economy-Phase manifestiert, als unglaublich viele Ökonomen, nicht zuletzt die «Chefökonomen» aller möglichen Banken und Regierungsorganisationen, an ein Aufwärts ohne Ende zu glauben begannen. Dieser naive Zukunftsglaube liess viele die unvermeidliche Zyklizität, ja Krisenanfälligkeit jeder Volkswirtschaft vergessen. Es gab allerdings sehr wohl Strömungen innerhalb der Ökonomie, die von diesem Virus nicht befallen waren. Ausgerechnet der von links besonders verteufelten, als radikal-liberal geltenden «österreichischen» Schule (Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek) kann man den Vorwurf übertriebenen Optimismus nicht machen. Sie hat immer vor billigem Geld, Überinvestitionen und in der Folge krisenhaften Kontraktionen gewarnt, wenn auch zugegebenermassen nicht laut genug. Im Prinzip entspringt der neue Glaube an die Wirksamkeit all der gewaltigen Stimulierungsprogramme der gleichen Wachstumseuphorie, die zum heutigen Zustand geführt hat.

Nur behauptete Exaktheit

Eine zweite Fehlentwicklung in der Ökonomie war die übertriebene Betonung der an sich durchaus hilfreichen Mathematik und der Modelle. In der Ausbildung wurde da und dort die Mathematik zur entscheidenden Eintrittshürde. Je raffinierter die Formeln wurden (der Autor erinnert sich an eine Formel zur Beschreibung des Gleichgewichts auf dem Arbeitsmarkt des indischen Gliedstaats Uttar Pradesh, die eine ganze Seite füllte), desto mehr ging der zugrundeliegende ökonomische Sachverhalt verloren: Je genauer die Ergebnisse wurden, desto irrelevanter wurden sie zugleich. Die als unexakt angesehene Sprache erlaubt zudem, wie der Kölner Ökonom Hans Willgerodt schreibt, viele realistische Assoziationen über menschliches Verhalten, die in mathematischen Formeln fehlen und durch nackte, manchmal nur behauptete Exaktheit ersetzt werden. In der modernen Finanztheorie wird besonders viel gerechnet, aber übersehen, wie sehr diese Rechnungen auf Annahmen basieren, die vielleicht in ihrer Vereinfachung und im Durchschnitt stimmen mögen, aber oft nicht im konkreten Einzelfall.

Die sich als ordoliberal verstehenden deutschsprachigen Ökonomen haben die aus den USA importierte Mathematikgläubigkeit nie geteilt. Aber genau diese Ökonomie wurde an den europäischen Universitäten ausgetrocknet. Während Modellschreinerei sowie das Zählen, Messen und das Berechnen von Korrelationen Reputation und eine akademische Karriere versprechen, fristet die Ordnungstheorie ein Dasein in den Elendsvierteln der Nationalökonomie. Da und dort wurde sie sogar durch eine moralistische Wirtschaftsethik ersetzt. Es wäre an der Zeit, sich im Gefolge der Krise bewusst zu werden, dass nicht das Denken in Ordnungen, das nicht an eine präzise Vorhersagbarkeit und Steuerbarkeit der Wirtschaft glaubt, in die Irre führt, sondern der Glaube, man könne eine Wirtschaft im Griff haben.

Blick fürs Ganze

Die ordnungspolitische Tradition der Ökonomie verdiente aber noch mit Blick auf eine dritte Fehlentwicklung eine stärkere Gewichtung. Während im Sog der angelsächsischen Ökonomie Spezialisierung und Verengung vorangetrieben wurden, war die ordoliberale Sichtweise immer viel breiter. Sie hat Geschichte und Psychologie, Recht und Philosophie bis hin zur Theologie in die Analyse der Wirtschaft mit einbezogen, also nie nur Ökonomie betrieben. «Marktwirtschaft ist nicht genug», wie der treffende Titel einer eben erschienenen Sammlung mit Aufsätzen von Wilhelm Röpke lautet. Die Vernachlässigung der Geschichte ist in dieser Krise deutlich hervorgetreten, aber auch der Hang, alles verallgemeinern und in Gesetze fassen zu wollen, obwohl gerade in der Wirtschaftspolitik jeder Einzelfall anders ist. Manchmal wünschte man sich sogar, die historische Schule der Nationalökonomie komme trotz all ihren methodischen Defekten wieder etwas mehr zu Ehren, weil sie dem Denken in gesellschaftlichen Gesamtzusammenhängen verpflichtet ist.

Technokratie ohne Sinn

Der gegenwärtigen Wirtschaftskrise zugrunde liegt, viertens, auch eine Tendenz, die Ökonomie rein technokratisch zu betreiben. Dieses Verständnis geht fast immer einher mit einem falschen Glauben an permanent effiziente Märkte. Daraus kann sich ein ähnlich mechanistisches Denken entwickeln wie bei jenen, die die Wirtschaft mit einer Maschine verwechseln. Wer hingegen in der «österreichischen» Tradition steht, versteht Märkte als Entdeckungsverfahren. Sie sind dynamisch, evolutiv, nie im Gleichgewicht, permanent am Korrigieren früherer Fehler — also unberechenbar. Und gerade nicht die angeblichen Marktideologen, sondern vielmehr die ökonomischen Technokraten, die an wertfreie Objektivität glauben und die Wirtschaftswissenschaften als blutleeres Instrument verstehen, haben nie die Sinnfrage gestellt und sich um viele Gefahren und Nebenwirkungen ihres Tuns foutiert. Demgegenüber geht es dem auf einen schlanken, aber starken Staat setzenden Ordoliberalismus seit je um Werte, um die Verwirklichung einer menschengerechten, freiheitlichen Ordnung.

Die Krise der Wirtschaft ist deshalb auch die Krise einer zu eng verstandenen, zu sehr einem naturwissenschaftlichen Ideal nacheifernden, stark angelsächsisch geprägten neoklassischen Ökonomie. Zugleich hat sie einige Stärken sowohl der «österreichischen» Schule als auch des Ordoliberalismus wieder in den Vordergrund gerückt. Es würde nicht überraschen, wenn ein integraleres wirtschaftliches Denken, wie es diesen freiheitlichen Strömungen eigen ist, auch an den Universitäten in Zukunft wieder mehr Anerkennung fände. Sinnvoll wäre es in jedem Fall.

Dieser Artikel wurde in der Neuen Zürcher Zeitung publiziert. Das Liberale Institut bedankt sich beim Autor für die freundliche Genehmigung zur Weiterveröffentlichung.

April 2009

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