Die unverzichtbare Rolle des Unternehmers

An der eigentlichen Quelle von Innovation, Wachstum, Arbeitsplätze, Fortschritt und Wohlstand.

Unternehmertum ist in der Schweiz nach wie vor ein wichtiger Wert — Unternehmer sorgen für Innovation, Wachstum, Arbeitsplätze, Fortschritt und Wohlstand. Jedoch wird das herrschende Wirtschaftssystem immer weniger mit Unternehmertum in Verbindung gebracht. Das Verhältnis zwischen Bürgern und «der Wirtschaft» gilt als belastet. Wie also kann das Unternehmertum in der Schweiz gestärkt werden? Wie kann die Bedeutung des Unternehmers schon jungen Menschen vermittelt werden? Welchen Beitrag leisten Schulen, Universitäten, Unternehmen und Verbände? Diese und weitere Fragen wurden im Rahmen des Seminars des LI-Symposiums 2014 am 19. Mai erörtert.

Von Unternehmern lasse sich einiges lernen. Beispielsweise wie man persönliche Ziele und Visionen auch gegen Widerstände verfolge, wie man andere Menschen für seine Ideen begeistere und wie man sogar in aussichtslos erscheinenden Situationen nicht aufgebe und einen Weg finde. Bernhard Ruetz, Herausgeber der wirtschaftshistorischen Reihe „Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik“, zeigte sich überzeugt, dass Unternehmerpersönlichkeiten durch ihre Taten einen wesentlichen Einfluss auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen nähmen. Der nach dem Konkurs seines Vaters mit einer Baustoffhandlung zum Hotelier avancierte Johannes Badrutt etwa erfand die touristische Wintersaison, um sein Haus ganzjährig auszulasten. Er investierte in ein Unterhaltungsprogramm und in die Infrastruktur und legte den Grundstein dafür, dass St. Moritz von einem verschlafenen Bergdorf zu einem Mythos avancierte. Else Züblin-Spiller als Gründerin des ältesten und eines der grössten Anbieter im Markt für Personalrestaurants und Catering führte 1922 das Konzept der Selbstbedienung ein und prägte die Entwicklung der Schweiz als Dienstleistungsgesellschaft mit. Sie trug durch diverse Anstellungsmöglichkeiten auch erheblich zur Emanzipation der Frauen bei. Dies waren nur zwei der von Ruetz aufgeführten Beispiele, die den gesellschaftlichen Einfluss von Unternehmerpersönlichkeiten illustrierten.

Ist Unternehmertum lernbar? Für Dietmar Grichnik, Inhaber des Lehrstuhls für Entrepreneurship am Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen, lautet die Antwort ja. Es gebe jedenfalls einige Grundmuster, die das Unternehmertum kennzeichnen. In der Anatomie des Firmengründers finde sich meist eine Vision. Es fänden sich auch Leidenschaft, Mut zum Risiko, Geschicklichkeit und Wissen, ebenso wie Durchhaltewille und Ausdauer. Das Unternehmertum hänge also sowohl von der persönlichen Identität und den Präferenzen als auch von den Fähigkeiten und vom Netzwerk des Unternehmers ab. Unternehmerische Expertise könne vom reinen Management am besten durch vier Prinzipien unterschieden werden: Die flexible Mittelorientierung statt der Zielorientierung nach verfügbaren Mitteln, der leistbare Verlust statt des erwarteten Ertrags, das Nutzen von unvorhergesehenen Umständen und Zufällen als Chancen, statt einer Abgrenzung und Vermeidung dieser Umstände, und letztlich das offene Einbeziehen von allen, die mitmachen wollten, statt der ausgedehnten Suche nach dem „richtigen“ Partner. Diese Merkmale prägten das Denken und Handeln unter Ungewissheit, das Unternehmer auszeichne. Auf dieser Basis werde die Vision durch Ressourceneinsatz und die Gestaltung der Umwelt zur Wirklichkeit.

In der Schweiz jedenfalls sei Unternehmertum noch keine Ausnahmeerscheinung. Dies spiegle sich in der weltweit sehr hohen Erwerbsquote von 82%. Wie Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, welcher rund 300.000 kleine und mittlere Unternehmen vertritt, anmerkte, gebe es aber auch Schattenseiten eines relativ wettbewerbsfähigen Landes. Zunehmende Regulierungskosten seien schwerwiegende Eingriffe in die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit der Unternehmen, und makroökonomisch eine eindeutige Wachstumsbremse. Es sei verfehlt zu meinen, die Gesellschaft müsse durch den Staat vor der Wirtschaft geschützt werden. Tatsächlich liessen sich Wirtschaft und Gesellschaft nicht trennen. Dies zeige sich am Beispiel der hervorragenden Integration der Frauen in Familienunternehmen, wo sie mit 58% eine Mehrheit bilden — ganz ohne Frauenquote. Besorgniserregend sei der Frontalangriff gegen das freie Unternehmertum, der in der jüngsten Zeit durch Sozialdemokraten und Gewerkschaften in Form schädlicher Volksinitiativen vorangetrieben würden. Ein aktuelles Beispiel sei das Projekt einer Bundeserbschaftssteuer, die das Ende vieler Unternehmen bedeuten würde. Starke kleine und mittlere Unternehmen seien jedoch die beste Garantie nachhaltiger Beschäftigung und breiten Wohlstands.

Wie steht es um das Unternehmertum in der öffentlichen Wahrnehmung? René Scheu, Herausgeber der Autorenzeitschrift Schweizer Monat, stellte eingangs fest, dass die öffentliche Meinung nicht unbedingt die veröffentlichte Meinung sei. Bei überdurchschnittlich gebildeten Intellektuellen lasse sich eine ambivalente Attitüde beobachten, die zwischen Bewunderung und Ressentiment pendle. Das liesse sich gemäss namhafter liberaler Autoren dadurch erklären, dass Intellektuelle trotz ihrer vermeintlichen geistigen Überlegenheit oft nur einen Bruchteil dessen verdienten, was Erbsenbüchsen- oder Windelproduzenten an Geld machten. Das Gewinnstreben gelte als bestenfalls suspekt, wenn nicht gierig oder als Diebstahl. Dabei werde gerne übersehen, dass ein Unternehmer nur erfolgreich sei, wenn er die Bedürfnisse anderer Menschen befriedige, und dafür eine Kundschaft gewinne, die freiwillig bezahle. Der Unternehmer sei auch ein Gestalter, der etwas schaffe, was über ihn hinausreiche. Er werde dadurch zu einer Persönlichkeit, die für ein höheres Ziel lebe. Er setze seine Werte sowie seine finanzielle und soziale Existenz auf Spiel. Scheu habe daher noch nie einen Unternehmer getroffen, der gut schlafe. All das seien Eigenschaften, die unter Intellektuellen eigentlich auf Anerkennung stossen sollten, die aber gerne ausgeblendet würden. Nötig sei es daher vielleicht auch, dass die Öffentlichkeit mehr über Unternehmer und Unternehmertum erfahre. Eine gewisse Anonymisierung der Wirtschaft durch zu stark verstreutes Kapital beinhalte dagegen die Gefahr, dass die Merkmale des Unternehmers immer weniger erkannt würden.

Siehe dazu auch den Bericht der Konferenz:
Die Ethik des freien Unternehmertums

19. Mai 2014