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Die wahre Lehre vom Geld

Thorsten Polleit

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Von 100 Jahren erschien Ludwig von Mises' «Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel». Die Erkenntnisse darin bleiben hochaktuell.

Im Jahr 1912 veröffentlichte Ludwig von Mises (1881-1973), der wohl bedeutendste konsequent marktwirtschaftliche Ökonom und Gesellschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts, seine Habilitationsschrift «Die Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel». Sie brachte wichtige Erkenntnisfortschritte über Wesen und Wirkung des Geldes in einer arbeitsteilig organisierten Geldwirtschaft. Auch hundert Jahre danach ist der Wissenswert von Mises geldtheoretischen Einsichten ungeschmälert. Gerade in der heutigen Finanz- und Wirtschaftskrise kann sein Buch helfen, die Ursache der Finanz- und Wirtschaftskrise zu verstehen und Lösungswege zu formulieren.

Entgegen der damals herrschenden Meinung nahm der Wiener Ökonom Mises die Position ein, dass Geld ein Gut wie jedes andere sei, mit einer Besonderheit allerdings: Geld ist das liquideste Gut, es ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel. Und die Tauschmittelfunktion ist die einzige Funktion des Geldes; die Wertaufbewahrungs- und Recheneinheitsfunktion sind lediglich Unterfunktionen der Tauschmittelfunktion. Daraus folgt logischerweise: Steigt die Geldmenge, so setzt das notwendigerweise den Tauschwert des Geldes herab (im Vergleich zu einer Situation ohne Ausweitung der Geldmenge).

Während die Ausweitung des Konsum- und Investitionsgüterangebots wohlfahrtsmehrend ist, gilt das nicht auch für eine Ausweitung der Geldmenge. Sie führt lediglich zu einer Umverteilung («Cantillon-Effekt»), so Mises. Diejenigen, die das neu geschaffene Geld als erste erhalten, sind dabei die Gewinner, weil sie noch zu unveränderten Preisen kaufen können; sie werden reicher. Diejenigen aber, die das neue Geld später oder gar nichts bekommen, sind die Verlierer; sie werden ärmer. Für Mises war daher die Ausweitung der Geldmenge gleichbedeutend mit Geldwertschwund und Umverteilung.

Diese Einsichten gewann Mises, weil es ihm gelang, die (Tausch-)Wertbestimmung des Geldes in die Grenznutzentheorie zu integrierten, jener ökonomischen Theorie, die bis heute die Basis der Wert- und Preistheorie ist. Nach der Grenznutzentheorie nimmt der Nutzen einer zusätzlichen Einheit eines Gutes mit steigender Menge ab. Diese Gesetzmässigkeit gilt auch für das Gut Geld gilt: Der Nutzen der zusätzlich verausgabten Geldeinheit ist geringer als Nutzen der zuvor verausgabten Geldeinheit. Und weil der Nutzen des Geldes durch die Güter zum Ausdruck kommt, die man für die Hingabe einer Geldeinheit eintauschen kann, nimmt die Kaufkraft des Geldes bei steigender Geldmenge notwendigerweise ab.

Diese Erkenntnisse erlaubte es Mises, die herrschende Quantitätstheorie neu zu interpretieren. Diese besagt, dass ein Ansteigen der Geldmenge für ein proportionales Ansteigen aller Preise sorgt, die Produktion aber unberührt lässt. Mises entzauberte diesen Mythos von der «Neutralität» des Geldes. Ein Ausweiten der Geldmenge ist, so Mises, keineswegs neutral, weil unterschiedliche Marktakteure zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Weise davon betroffen werden. Die mechanistische Interpretation der Quantitätstheorie ersetzte Mises daher durch eine, die sich auf eine — im heutigen Jargon: mikrofundierte — Theorie des menschlichen Handelns stützt.

Mit seinem «Regressionstheorem» untermauerte Mises die Theorie der Geldentstehung, die Carl Menger (1840 — 1921), der Begründer der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, 1871 aufgestellt hatte. Menger zufolge entsteht Geld spontan aus einem freien Marktprozess, und notwendigerweise aus einem Sachgut, das, bevor es zu Geld wurde, aufgrund seiner nicht-monetären Eigenschaften wertgeschätzt wurde — wie es etwa bei Gold, Silber und Kupfer der Fall ist. Mises zeigte unter Verwendung der Logik, dass dies so sein muss, andernfalls wäre der Tauschwert des Geldes nämlich nicht bestimmbar. Die Logik des Regressionstheorem widerlegte die Theorie, dass Geld eine staatliche Schöpfung sei, eine Theorie, die sich bis auf Platon und Aristoteles zurückverfolgen lässt und die ihren neuzeitlichen Höhepunkt im Werk «Staatliche Theorie des Geldes» des deutschen Ökonomen Georg Friedrich Knapp (1842-1926) fand. Der amerikanische Anthropologe David Graeber, der aktuell mit seinem Buch «Schuldsklaven sind wir alle» einen Welterfolg feiert und zur Lichtgestalt der «Occupy-Bewegung» aufgestiegen ist, fusst seine Geld- und Kapitalismuskritik auf Knapps Theorie — also auf eine falsche Theorie. Ungewollt formuliert Graeber dabei jedoch eine richtige Kritik: Weil der Staat ja mittlerweile das freie Marktgeld zerstört und durch Kreditgeld ersetzt hat, trifft Graebers ökonomisch-ethische Kritik am heutigen staatlichen Geld in Gänze zu. Hingegen ist seine grundsätzliche Geld- und Kapitalismuskritik unhaltbar.

In seiner «Theorie des Geld und der Umlaufmittel» legte Mises auch die Grundlage für die monetäre Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule, die er in einer zweiten Auflage 1924 weiterentwickelte. Mises integrierte drei bis dahin isolierte Theoriebausteine: die englische «Currency School», die Kapital- und Zinstheorie Eugen von Böhm-Bawerks (1851-1914) und die Theorie Knut Wicksells (1851-1926), in der er die Folgen eines Abweichens des Marktzinses vom «natürlichen Zins» beschreibt. Auf dieser Grundlage zeigte Mises, dass ein Ausweiten der Geldmenge durch Bankkreditvergabe, die nicht durch «echte Ersparnisse» gedeckt ist — wie es im heutigen Kredit- oder Papiergeldsystem der Fall ist —, notwendigerweise zu Fehlentwicklungen und Krisen führen muss.

Das Ausweiten der Geldmenge per Kredit ist nämlich nicht nur inflationär, weil die damit finanzierbare monetäre Nachfrage das verfügbare Ressourcenangebot übersteigt. Die Geldmengenausweitung senkt den Marktzins künstlich und setzt dadurch Investitionen in Gang, die sonst nicht realisiert worden wären, und deren Erfolg davon abhängt, dass der Marktzins künstlich immer niedrig gedrückt bleibt. Fehlinvestitionen, Spekulationswellen, «Boom-and-Bust»-Zyklen und Überschuldung sind die Folgen. Ein Papiergeldsystem muss irgendwann kollabieren, so ergab Mises‘ Theorie.

Mises sah frühzeitig Probleme, als die amerikanische Regierung in den fünfziger Jahren immer mehr neue US-Dollar per Kreditvergabe in Umlauf brachte, die nicht durch Goldbestände gedeckt waren. Genau das führte dann auch zum endgültigen Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods Anfang der siebziger Jahre und bereitete den Weg in das weltweite Papiergeldsystem. 1953 — also noch zur Zeit des Systems von Bretton Woods — erschien Mises' Buch in englischer Sprache, versehen mit einem zusätzlichen Kapitel. Darin empfahl Mises eine Rückkehr zu «gutem Geld», das für ihn im Goldstandard bestand, und bei dem die Geldmenge wieder vollständig durch Gold gedeckt ist, und in dem gleichzeitig die staatliche Zentralbank abgeschafft wird.

Mises' Geldtheorie hat keinen Einfluss auf die Gestaltung der Geldordnung nach dem Zweiten Weltkrieg genommen, vor allem wohl, weil sie in der Mainstream-Volkswirtschaftslehre nicht Fuss fassen konnte. Der geld- und wissenschaftspolitische Betrieb ist anderen, keynesianisch-monetaristischen Lehren gefolgt. Gleichwohl zeigt sich die Erklärungskraft von Mises' geldtheoretischen Einsichten unübersehbar in der aktuellen globalen Schuldenkrise, die im Kern für den Niedergang interventionistischer-sozialistischer Wirtschaftspolitiken und ihrer Papiergeldsysteme steht — so, wie es Mises schon damals theoretisiert hat.

Der Autor ist Chefvolkswirt des Edelmetallhandelshauses Degussa Goldhandel GmbH und Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance and Management. Dieser Artikel wurde in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» publiziert. Das Liberale Institut bedankt sich beim Autor für die freundliche Genehmigung zur Weiterveröffentlichung.

Juni 2012

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