Ende der Armut - Die Chancen globaler Märkte

Das LI-Symposium 2011 befasste sich mit der Bedeutung des weltweiten freien Handels in der Armutsbekämpfung.

Die Schulden- und Währungskrisen des Westens drohen immer wieder den Blick auf globale Entwicklungen zu verstellen: während politische Fehlentscheide in den wohlhabenden Ländern vor allem der nördlichen Hemisphäre Vermögen vernichten, bemühen sich Milliarden Menschen weltweit, durch den Eintritt in globale Handelsströme ein moderates Vermögen aufzubauen - eine Chance, die ihnen in vielen Fällen der Sozialismus über Jahrzehnte verwehrt hatte. «Ende der Armut: Die Chancen globaler Märkte» lautete daher das Thema des diesjährigen LI-Symposiums am 16./17. Juni, welches renommierten Referenten aus dem In- und Ausland die Chance bot, divergierende internationale Entwicklungen mit einem interessierten Publikum zu diskutieren.

Im Rahmen einer Abendveranstaltung eröffnete dabei Prof. Heinz Hauser, Direktor des Schweizerischen Instituts für Aussenwirtschaft und angewandte Wirtschaftsforschung, Universität St. Gallen, das Symposium mit einem analytischen Blick auf die Globalisierung der Schweiz. Hauser diagnostizierte dabei vor allem einen weltweiten Trend zur Herausbildung wettbewerbsfähiger urbaner Zentren - wie etwa Norditalien, den Osten Chinas oder auch das «neue» Ruhrgebiet. Die Schweiz navigiere die Globalisierung vor allem deshalb sehr erfolgreich, weil sie massgeblich durch die hochwertigen urbanen Zentren rund um Zürich und Genf geprägt sei. Wesentliche Vorteile der Schweiz seien dabei das tiefe Niveau interner Transferzahlungen, die Eigenständigkeit der eigenen Währung und Fiskalpolitik. Mit Blick auf die Zukunft empfahl der Aussenhandelsexperte daher eine weitergehende Einbindung in die Weltwirtschaft unter Wahrung der politischen Eigenständigkeit.

Die Macht der Märkte beschäftigte auch den zweiten Referenten des Abends. Prof. James Tooley, Direktor des E.G. West Centre, Newcastle University, England, berichtete über seine Forschung zu den Bildungsangeboten in den ärmsten Gegenden grosser Entwicklungsländer. Seine überraschende Erkenntnis: florierende Bildungsmärkte sichern den Schulzugang der Ärmsten der Armen. Kleine - meist staatlich nicht anerkannte - Privatschulen bieten zahlreichen Eltern eine Auswahl für die Ausbildung ihrer Kinder. Umfassende Tests zeigten dabei: höchste Bildungsqualität garantieren auch in Entwicklungsländern anerkannte Privatschulen. Auch staatlich nicht anerkannte Privatschulen bieten jedoch eine erkennbar höhere Qualität als staatliche Angebote. Tooley stellte fest: selbst in den strukturschwächsten Gegenden der Erde lassen sich damit Belege für die dynamische Kraft marktwirtschaftlicher Anreize finden.

Die Aufstiegschancen der aufholenden Länder in Asien, Lateinamerika und insbesondere Afrika beschäftigte das LI Symposium auch während des folgenden Tagesseminars. Der Ethnologe und Autor David Signer setzte sich mit den Hindernissen einer wirtschaftlichen Aufholjagd in den betroffenen Staaten auseinander - und konstatierte ein dramatisches Versagen der klassischen Entwicklungshilfe. Transferzahlungen aus dem Westen dienten meist dazu, bestehende korrupte Regierungssysteme zu festigen. Einmal an der Macht bildeten sie so schnell Cliquen heraus - im Falle Afrikas regelmässig basierend auf Familienbanden - welche die Geldquellen des Westens unter Beschlag nähmen. Auch in der Bevölkerung werde wirtschaftliche Entwicklung durch Entwicklungshilfe immer wieder verhindert, indem Marktanreize zerstört und Empfänger in eine Mentalität der Unmündigkeit gedrängt würden.

Diese Diagnose teilte auch David W. Syz, a. Staatssekretär und Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO sowie Präsident der ecodocs ag, der im Rahmen mehrerer Dokumentarfilme die Entwicklungsbemühungen der ärmsten Länder analysiert. Syz unterschied insbesondere drei Entwicklungspfade, welche jeweils unternehmerische Energie voraussetzten: zum ersten dienten Modelle des Kleinstunternehmertums, etwa unterstützt durch Mikrokredite, einer minimalen Versorgung der Bevölkerung mit notwendigen Gütern - meist auf dem Niveau der Subsistenz. Mikrokredite böten dabei den Vorteil, unternehmerisches Denken zu schulen. Die Gründung und der Betrieb nennenswerter Unternehmen grösserer Dimensionen sei zwar notwendig und von den Betroffenen erwünscht, werde jedoch meist durch einen Mangel staatlichen Rechtsschutzes verunmöglicht. Eine Abhilfe schüfen hier zum Dritten internationale Konzerne, die durch Standorte in Entwicklungs- und Schwellenländern ökonomische Strukturen aufbauten - jedoch stark auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten.

Ein bedeutendes Hindernis für die Entwicklung der strukturschwachen Länder stelle nicht zuletzt auch die Landwirtschaftspolitik des Westens dar, da landwirtschaftliche Erzeugnisse bedeutende Exportgüter gerade der Entwicklungsländer seien. Der Protektionismus westlicher Länder verunmögliche jedoch einen fairen Austausch - und dies zu Lasten auch der Bürger des Westens, stellte Hans Rentsch vom FWS Forschungsinstitut kritisch fest. Die Kosten des hausgemachten Agrarprotektionismus für die Schweizer Haushalte bezifferte Rentsch mit 12 Mrd. Franken, und dies bei fragwürdigen Ergebnissen der Landwirtschaftspolitik. So würden etwa Direktzahlungen einen notwendigen Strukturwandel in einem Masse unterbinden, das schädlich für die Perspektiven der Landwirte ebenso wie die Natur sei. Das Ziel einer landwirtschaftlichen Selbstversorgung der Schweiz sei dabei in weite Ferne gerückt. Eine Aufgabe des Agrarprotektionismus würde daher nicht nur die Schweizer Bürger massgeblich entlasten, sie würde auch den Exporteuren der Entwicklungsländer neue Chancen eröffnen.

Mit dem Mythos des Globalisierungsverlierers setzte sich schliesslich Beat Kappeler, Autor der NZZ am Sonntag und Le Temps, auseinander. Ein Null-Summen-Denken sei hier unangebracht, da sowohl die vermögenden Länder des Westens wie auch die Entwicklungsländer massgeblich von einem Austausch profitierten. Besonders stark in den Welthandel eingebundene Länder wie die Schweiz und Skandinavien wiesen dabei auch eine besonders hohe Gleichheit der Lebensverhältnisse auf. Statt eines «Race to the Bottom» erlebten jene schwächeren Länder, welche sich dem Weltmarkt öffneten, aktuell einen «Race to the Ceiling», also eine Aufholjagd, die die Herausbildung wohlhabender Mittelschichten ermögliche. Die aktuellen Herausforderungen westlicher Sozialstaaten seien dagegen hausgemacht und nicht-nachhaltigen Umverteilungssystemen geschuldet. Eine Abschottung von globalen Handelsströmen würde jedoch nur zusätzlichen Wohlstand vernichten - im Westen wie im Osten oder Süden, so das deutliche Fazit.

June 20, 2011