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«Finanzkrise und Geld: Brauchen wir ein neues Währungssystem?»

Bericht der LI-Tagung vom 16. März 2009 in Zürich zum Thema Finanzkrise, Geldpolitik und Währungssystem.

Die Welt sieht sich heute mit der bedrohlichsten Finanzkrise seit 1929 konfrontiert. Nicht nur die Finanzindustrie zeigt sich erschüttert, auch die Realwirtschaft scheint vor einer Depression nicht mehr gefeit. Der Aktionismus der internationalen Zentralbanken lässt darüber hinaus erkennen: Unser Währungssystem bewegt sich am Rande eines Kollaps.

In der öffentlichen Diskussion sind Kommentatoren mit Schuldigen schnell bei der Hand: Die Banken, die Spekulanten und die Anleger hätten Dummheiten begangen, der Kapitalismus habe versagt. Gerade in Zeiten, in denen die öffentliche Meinungsbildung zum Opfer blosser Vorurteile und kurzsichtiger Halbwahrheiten zu werden droht, sieht sich das Liberale Institut in der Verantwortung, für Durchblick zu sorgen und fundierte Analysen bereitzustellen. In Kooperation mit der „Finanz und Wirtschaft“ organisierte das LI daher eine Tagung zum aktuell drängenden Thema „Finanzkrise und Geld: Brauchen wir ein neues Währungssystem?“ Vier ausgewiesene Fachleute aus dem In- und Ausland wurde die Möglichkeit gegeben, einem interessierten Publikum die Hintergründe der gegenwärtigen Krise, die Reaktionen insbesondere der Zentralbanken und mögliche alternative Lösungsansätze aufzuzeigen.

Peter Bernholz, emeritierter Professor der Nationalökonomie an der Universität Basel, eröffnete das Seminar mit einem Vortrag zu den "Tücken und Risiken der geldpolitischen Expansion". Anhand zahlreicher Daten konnte Bernholz aufzeigen, dass die US Zentralbank Fed insbesondere seit dem Jahr 2000 eine exzessive Geldschöpfung betrieb - diese erzeugte eine Kreditblase, welche Anleger in zunehmend spekulative Anlageformen trieb. Bernholz machte so deutlich, dass die Fehler privater Akteure nur vor dem Hintergrund der staatlichen Geldpolitik verstanden werden könne. Die Fed stünde damit nicht zum ersten Mal an der Wurzel einer ökonomischen Krise. Auch vor 2000 schon trug die Fed massgeblich zum Entstehen und Platzen der „Dot-com-Blase“ bei. Die Versuche der Zentralbank, eine ökonomische Feinsteuerung zu betreiben, seien damit wiederholt gescheitert. Basierend auf der Kapitaltheorie der Österreichischen Schule erklärte Bernholz, dass übermässige Geldexpansionen unweigerlich immer wieder zu Blasen an den Kapitalmärkten und letztlich zu inflationären Schüben führen müssten. Ökonomische Instabilitäten seien damit dem heutigen Zentralbanksystem inhärent.

Janwillem Acket, Group Chief Economist der Bank Julius Bär & Co AG, analysierte im Anschluss das Verhalten verschiedener Zentralbanken rund um die aktuelle Krise. Acket wies darauf hin, dass verschiedene Zinserhöhungen der US-Zentralbank in 2006 das Platzen der Immobilienblase auslöste. Alle Versuche, einen Schock durch Zinssenkungen zu vermeiden, erwiesen sich daraufhin als fruchtlos. Im Oktober 2008 brach schliesslich angesichts eines drohenden Kollapses des Finanzsystems an den Kapitalmärkten Panik aus. Weltweit reagierten Zentralbanken in einer konzertierten Aktion mit zum Teil massiven Zinssenkungen. Erst die Bereitschaft zahlreicher Regierungen, Finanzinstitutionen durch Steuergelder zu stützen, konnte jedoch weitere Kurseinbrüche vermeiden. Seitdem bemühten sich die Zentralbanken in verschiedenen „Feuerwehrübungen“ vor allem, eine deflatorische Entwicklung zu vermeiden, indem die Geldmengen weiter massiv ausgeweitet werden. Sie erzeugten dabei nach Acket jedoch eine Liquiditätsfalle, da die Wirtschaftsakteure offensichtlich nicht auf die monetären Stimulierungsversuche reagierten. Zu verwirrend sei die Vielzahl zum Teil widersprüchlicher Staatsinterventionen. Nachdem nun zahlreiche Regierungen auch noch mit so genannten „Stabilisierungsprogrammen“, welche massive Staatsausgaben vorsehen, auf die aktuelle Rezession reagierten, erreiche die Verunsicherung neue Höhepunkte. Eine Inflationswelle scheine darum zumindest mittelfristig wahrscheinlich.

Alfons Cortés, Delegierter des Verwaltungsrates der Unifinanz AG, beschrieb dagegen die aktuelle Krise aus der praxisorientierten Perspektive eines Anlageberaters. Entgegen der Mär einer überzogenen Deregulierung führte Cortés den Kollaps der Finanzindustrie dabei auf eine Reihe fehlgeleiteter Staatsinterventionen zurück. Er beschrieb, wie sich das Investmentbanking in den vergangenen 40 Jahren zu einer Branche nach industriellem Vorbild entwickelte — insbesondere Goldman Sachs habe mit der Trennung von Produktentwicklung und Verkauf eine Entwicklung vorangetrieben, nach welcher weder Berater noch Manager die eigene Produktpalette noch durchschauten. Mathematiker und Physiker konstruierten auf Basis fragwürdiger Prämissen, wie etwa der Effizienzmarkthypothese, Anlageprodukte, deren Risikoprofil nicht zuverlässig ermittelt werden konnten. Spätestens 1998 mit dem Kollaps des LTCM Fonds wurde deutlich, dass die Modelle der Investmentbanken realwirtschaftlichen Entwicklungen nicht standhalten konnten. Die Politik entschied sich jedoch — wie heute auch wieder — die Verantwortlichen mit Steuergeldern vor einem Ruin zu schützen. Zugleich trieben verschiedene kartellrechtliche Eingriffe die Investmentbanken in zunehmend riskante Geschäftsmodelle. Cortés stellte fest, dass die aktuelle Finanzkrise somit gleich in zweierlei Hinsicht eine Warnung vor der „Anmassung von Wissen“ sei: In der Ökonomie dürfe die Analyse menschlichen Verhaltens nicht der Manipulation weltfremder mathematischer Modelle weichen. Die Politik sollte sich jedoch zugleich davor hüten, mittels Markteingriffe und Regulierungen ungeahnte Konsequenzen und Fehlsteuerungen zu erzeugen.

Die Tagung der Liberalen Instituts wurde schliesslich abgerundet durch die kritische Analyse Guido Hülsmanns, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Angers. Hülsmann unternahm es, das auf staatlichen Zentralbanken beruhende Währungssystem grundsätzlich zu hinterfragen. Er stellte insbesondere fest, dass die Institution der Zentralbank fiskalisch motiviert sei — und keineswegs primär geldpolitischen Überlegungen folge. Am Beispiel der Bank of England zeigte Hülsmann die Wirkung der Interventionsspirale im Geldwesen auf: Hier wurde zuerst eine Finanzinstitution mit dem ausdrücklichen Zweck der Staatsfinanzierung geschaffen. Um die Geldproduktion zu erleichtern, wurde den Banken das partielle Reservesystem ermöglicht, nach welchem Banken durch Kreditvergabe die Geldmenge erheblich ausweiten können. Die Aktivitäten der staatlichen Hausbank führten so zu einer zunehmenden Inflation. Um dieser Herr zu werden, wurde die Geldproduktion schliesslich in einer Hand zusammengeführt — der Bank of England wurde das Monopol der Geldproduktion zugewiesen. Die fiskalische Motivation des Zentralbanksystems verunmögliche dabei jedoch eine wirkungsvolle Einschränkung der Geldexpansion. Nach Hülsmann folgt die Herausbildung des Zentralbanksystems einer Entwicklungsnotwendigkeit, da die Instrumentalisierung des Geldwesens zur Staatsfinanzierung unvermeidlich zu Instabilitäten führe, die weitere Staatseingriffe nach sich ziehen. Hülsmann wies mit Nachdruck darauf hin, dass die geldpolitische Theorie der staatlichen Praxis stets nur gefolgt sei. Die klassische Ökonomie könne dagegen einem System staatlicher Zentralbanken keinerlei Vorteile abgewinnen.

In einer abschliessenden Podiumsdiskussion kamen die Referenten so übereinstimmend zu der Erkenntnis, dass das staatliche Papiergeldsystem inhärent krisenanfällig bleibe. Regelmässige Erschütterungen und Inflationsschübe müssten hier als unvermeidlich betrachtet werden. Die Politik habe dabei ein starkes Eigeninteresse am Erhalt des gegenwärtigen Währungssystems und entschiede sich daher in Krisenzeiten stets für ein „Durchwursteln“. Kritisch wurde in Hinblick auf die aktuellen Reaktionen angemerkt, dass eine falsche Deflationsangst unweigerlich zu einer weiteren Anheizung der Inflation führen würde. Die Rechnung bezahlen dabei letztlich immer die Steuerzahler — eine private Vermögensbildung würde in einem inflatorischen Umfeld nahezu verunmöglicht.

30. März 2009