Gleiches Elend, ungleicher Wohlstand

Anthony de Jasay erklärte am Liberalen Institut, warum der Drang zu mehr Gleichheit sein Ziel verfehlt.

Wenige betriebswirtschaftliche Entscheidungen sind in der Lage, derart emotionale öffentliche Reaktionen hervorzurufen, wie die Auszahlung beträchtlicher Löhne und Boni an Bankmitarbeiter, vor allem jene der Investment Banking Sparten. Gleichzeitig rutschen die Staaten des Westens in eine Schuldenfalle, weil die Anforderungen an ihre Sozialstaaten durch die verfügbaren Ressourcen nicht mehr gedeckt werden können. Umverteilung, lautet daher einmal mehr die politische Losung des Tages. Der Staat sollte in der Lage sein, angesichts materieller Ungleichgewichte mehr Egalitarismus herbeizuführen. Doch ist diese Forderung berechtigt und auch wünschenswert?

Anthony de Jasay

Im Rahmen des LI-Gesprächs vom 18. Mai präsentierte der Sozialphilosoph Anthony de Jasay eine vernichtende Kritik des politischen Egalitarismus: Auf einem freien Markt werden Einkommen den Produktionsfaktoren gemäss ihrem Mehrwert zugeteilt. Marktpreise signalisieren also, in welche Produktionsbereiche vermehrt investiert werden könnte, und welche dagegen gemieden werden sollten. Produktionsfaktoren sind jedoch nicht homogen — menschliche Arbeit kann etwa für verschiedene Einsatzmöglichkeiten ganz unterschiedliche Werte aufweisen, abhängig von physischen und mentalen Fähigkeiten und auch Präferenzen. Abhängig von diesem Marktwert gestaltet sich die Einkommensverteilung darum mehr und mehr ungleich.

Anthony de Jasay

Die Kräfte des Ungleichgewichts nehmen jedoch im Laufe der Zeit wieder ab: während manche Produktionsfaktoren ihre Wertschöpfungsgrenze erreichen, werden andere im Zuge des Wirtschaftswachstums zunehmend knapp. Einkommensflüsse werden so umgelenkt. Dies ist von Bedeutung, wenn etwa der Einfluss des weltweiten Markteintritts vieler Millionen neuer Arbeitskräfte in Asien auf die Lohnniveaus des Westens beurteilt wird: setzt sich das dynamische Wachstum fort, ist mittel- bis langfristig mit einer Rückverschiebung der Einkommensvorteile von Kapital zu Arbeit zu erwarten.

Anthony de Jasay

Nicht vergessen werden sollte dabei jedoch, dass in der Zwischenzeit die vorhandenen Ungleichheiten handfeste Investitions- und Wachstumsimpulse setzen. Ungleich verteiltes Kapital ermöglicht höhere Sparquoten und damit Investitionsvolumina, als gleichverteiltes. Ungleichheit erzeugt darum Wachstum, und — ein scheinbares Paradox — beseitigt so Armut wirkungsvoller, als materielle Gleichheit. Eine wirksame Sozialpolitik sollte daher den Versuch aufgeben, Einkommensverhältnisse zu nivellieren. Da Sozialstaaten erstaunlich schlecht darin sind, jenseits blosser Rhetorik und Symbolik tatsächlich materielle Gleichheit herzustellen, dürfte eine solche Aufgabe kein nennenswertes Unbehagen auslösen.

May 19, 2011