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Grundwerte einer freien Wirtschaftsordnung

Ingo Resch

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Die antikapitalistische Partei PDS, ehemals Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, rangiert in Umfragen auf dem ersten Platz, wenn es darum geht, welche Partei am meisten Gerechtigkeit will. Die SPD darf sich mit dem zweiten Platz begnügen und die Union ist auf den dritten Platz verwiesen. Kapitalismus ist der Ismus-Begriff, der am meisten, auch in konservativen Kreisen, auf Ablehnung stösst.

Kapitalismus: eine natürliche Ordnung

Kapitalismus verkörpert dabei eine Wirtschaftsordnung, die weder durch eine Ideologie noch durch ein bestimmtes System gekennzeichnet ist. Sie verkörpert nichts Erdachtes, sondern nur Erlebbares. Nicht erdacht heisst, dass es sich nicht um das Umsetzen von Theorien handelt, die durch Dekret oder Gewalt in die Praxis umgesetzt werden müssen. Erlebbar heisst, dass dort, wo Dekret oder Gewalt fehlen, genau diese Praxis, die als Kapitalismus bezeichnet wird, sich ergibt. Dies kann positiv oder negativ gesehen werden. Diese Beurteilung hängt einerseits von dem Weltbild des Betrachters ab, zum anderen von konkreten Erfahrungen.

Eine negative Beurteilung könnte sich aus einem ideologischen Mythos, abgeleitet von dem darwinistischen Weltbild, ergeben. Dieser Mythos lehrt zwar einerseits, dass die in der Biologie zu beobachtenden Veränderungen sich angeblich kontinuierlich zum Besseren entwickeln, andererseits dies aber mit der Selektion der Schwächeren einhergeht. Sozialisten pflegen diesen Mythos, obwohl sie sich gerade als Anwalt der Schwächeren berufen fühlen. Denn die Sozialisten gehen in Analogie zur biologischen Höherentwicklung der Arten von einer sozialen Höherentwicklung der Gesellschaft auf Grund zwanghaft eintretender Gesetze aus. Es soll der Schwächere siegen, der weniger Fähige und Angepasste. Dieser Widerspruch wird aber nicht wahrgenommen. Im Gegenteil, dieses Denkmuster gehört unreflektiert zum Allgemeingut auch von Menschen, die nicht vom sozialistischen Weltbild geprägt sind. Die Folge ist, dass einerseits an den Prozess der Höherentwicklung mit einem nicht diskutablen Wahrheitsanspruch geglaubt wird, andererseits der Mensch aufgerufen ist, dem grausamen Ende dieses Prozesses, nämlich dem Ausmerzen des Schwächeren Einhalt zu gebieten. Der Mensch traut also der natürlichen Ordnung nicht.

Beide Annahmen, aus denen sich der Widerspruch ableitet, sind jedoch falsch. Einerseits ist der Mythos der Höherentwicklung, oder anders ausgedrückt, dass sich das Höhere aus dem Niederen ohne Input von Aussen, also in einem geschlossenen System (Welt oder Kosmos als System) von selbst entwickelt, weder bewiesen noch entspricht er der Erfahrung. Zum anderen ist die Annahme der Selektion falsch. Darwin hat sie von Malthus übernommen, aber diese Theorie ist sowohl in der Geschichte als auch in der Theorie nun vielfach widerlegt worden.

Daraus ergibt sich die Unhaltbarkeit der negativen Beurteilung dessen was als Kapitalismus bezeichnet wird. Was mit Kapitalismus umschrieben wird, ist eine Natürliche Ordnung also ein NO-System.

Wenn also die Beziehungen von Menschen, die der Bedürfnisbefriedigung von Gütern und Leistungen dienen, ohne Dekret und ohne Gewalt geregelt sind, dann wird sich jeder so verhalten, dass er mit minimalem Aufwand möglichst viel von den zu erlangenden Gütern und Leistungen erhält. Eine solche Verhaltensweise wird als wirtschaftliches Handeln bezeichnet. Es liegt ihm ein ökonomisches Prinzip zu Grunde, das, Vernunft vorausgesetzt, auch von dem Grundsatz der Nachhaltigkeit geprägt ist. Das bedeutet, dass die Wirtschaftspartner davon ausgehen, ohne Gewalt gegenüber anderen auch morgen und übermorgen ihre Geschäfte tätigen zu können. Die Gemeinschaft verkörpert durch den Staat, hat die Aufgabe, diese natürliche Ordnung zu schützen. Sie funktioniert immer dann, wenn Gleichgewicht herrscht. Gleichgewicht ist nicht nur erforderlich was Angebots- und Nachfragemenge anbelangt, sondern auch ein Gleichgewicht der Machtverhältnisse, d.h. niemand kann Strategien zum Nachteil anderer verfolgen. In einer Wettbewerbsordnung herrscht dieses Gleichgewicht. Es muss also nur der natürliche Zustand der Vertragsfreiheit und damit Wahlfreiheit des Vertragspartners gewährleistet sein.

Die Erfahrung hat bewiesen, dass überall dort, wo dieser natürliche Zustand herrscht, die wirtschaftliche Versorgung, auch der sozial Schwächeren am besten funktioniert. Die Begründung dafür liegt in der Eigenart des Menschen.

Diese Eigenart lässt sich wie folgt umreissen: Der Mensch hat einerseits das Bedürfnis, sich selbst zu versorgen, verfügt aber nur über begrenzte Gaben, d.h. er kann ökonomisch autonom nicht existieren. Er ist, um leben zu können, auf die Leistungen anderer angewiesen. Diese Erkenntnis gilt nicht nur im ökonomischen, sondern auch im geistigen und geistlichen Bereich. D.h. wirtschaftliches Leben ist nur in Beziehung zu anderen Lebewesen möglich. Im Geistigen und Geistlichen betrifft dies den Nächsten und Gott. Alles Leben wird real in Beziehung zum anderen.

Im biologischen Bereich, also in der Pflanzen- und Tierwelt, handelt es sich um determinierte Beziehungen. Es bestehen im Verhalten keine nennenswerten Bandbreiten, wenn auch bei Tieren mehr als bei Pflanzen und bei Warmblütlern mehr als bei Kaltblütlern. Bei den Menschen sind die Verhaltensweisen gegenüber anderen Lebewesen nicht determiniert. Sie sind offen. Eine Mutter kann ihr Kind bis zur Selbstaufopferung umsorgen oder töten. Das besondere Merkmal des Menschen ist die Freiheit in dem Verhalten. Die natürliche Verhaltensweise des Menschen drückt sich daher auch in der Freiheit aus, wie er seine Bedürfnisse deckt und mit wem er zu der Bedürfnisdeckung in Beziehung tritt.

Sozialismus funktioniert nicht

Weil der einzelne Mensch begrenzte Gaben hat, die sich aber mit den anderen ergänzen, so wird er versuchen, seine Gaben so einzusetzen, dass ein möglichst hoher Nutzen für andere entsteht, um somit auch von anderen möglichst viel derjenigen Leistungen zu erwerben, die für die eigene Bedürfnisbefriedigung erwünscht sind. Das bedeutet, die Freiheit mündet einerseits in die eigene Verantwortung für die materielle Sicherung der eigenen Existenz, andererseits in hohe Leistung, die anderen zu gute kommt. Wird diese Verantwortung genommen, so fehlt der Anreiz für die entsprechende eigene Leistung. Dies ist ein Grund, war- um das «Ideal» des Sozialismus nicht funktioniert. Umgekehrt funktioniert die natürliche Ordnung, weil sie dem Menschen die Freiheit lässt und ihn in die Verantwortung nimmt.

Wir hatten den Gedanken der Nachhaltigkeit erwähnt. Sie setzt voraus, dass die Marktpartner auch noch morgen in Beziehung zu einander treten wollen. Sie werden dies nur tun, wenn Vertrauen herrscht. Herrscht kein Vertrauen, sind ökonomische Beziehungen nicht möglich. Das gleiche gilt für alle anderen Lebensbereiche des Menschen. Denn immer dort, wo Beziehungen auf freiwilliger Grundlage stehen, benötigen sie zur Sicherung Vertrauen, das wiederum dann entsteht, wenn sich die Partner verantwortlich verhalten.

Freiheit, Verantwortung, Vertrauen

Der Mensch ist so, deshalb sind alle Ordnungsvorstellungen, die dem zuwiderlaufen, unnatürlich und zum Scheitern verurteilt.

Will das Christentum so wie der Sozialismus einen anderen Menschen? Widerspricht auch der christliche, wie der sozialistische Mensch, dem der natürlichen Ordnung? Die Bibel geht nicht davon aus. Denn wir finden im biblischen Menschenbild folgende Grundaussagen: Der Mensch ist frei und deshalb ist er für sein Denken, Reden und Tun uneingeschränkt verantwortlich. Freiheit und daraus folgende Verantwortung stellen aber die Dynamik einer natürlichen Wirtschaftsordnung dar. Die Bibel geht auch nicht von einem Kollektiv aus, das den Einzelnen aus seiner Verantwortung entlässt. Im Gegenteil, weil der Mensch nicht alleine in einer Gottseligkeit vegetiert, deshalb ist er dem Nächsten gegenüber verantwortlich, ob er ihn nun kennt, mag oder nicht. Die christliche Botschaft geht sogar noch weiter, man soll diesen Nächsten sogar lieben, d.h. Geben ist seliger als Nehmen. Ein Grundelement einer freien Wirtschaftsordnung: zuerst muss das Angebot stehen, zuerst muss die Leistung erbracht werden, jeweils vor dem Ertrag. Dienen kommt vor Verdienen. Dieses Prinzip wird immer dann ausgehebelt, wenn einer Macht über andere Menschen hat. In einer freien Wettbewerbsordnung jedoch gibt es diese Macht nicht, denn jeder kann frei entscheiden bei wem er kauft und wem er seine Leistungen anbietet.

Das entscheidende Bindemittel einer freien Gesellschaft ist jedoch das Vertrauen. Vertrauen ist immer dort vonnöten, wo Menschen frei sind. Vertrauen stellt nun wiederum den zentralen Angelpunkt der Heilsgeschichte in der Bibel dar. Angefangen von Noah, Abraham und Mose ging und geht es immer um das Vertrauen des Menschen zu Gott. Gott hat mit Jesus das entscheidende Angebot an den Menschen unterbreitet. Die vom Menschen verursachte Trennung von Gott, wird durch die Liebe von Gott überwunden. Der Mensch braucht diesem Angebot Gottes nur zu vertrauen.

Der sozialistische Mensch, dem die Verantwortung abgenommen wird, weil das Kollektiv ihn trägt, er sich aber den Gesetzmässigkeiten eines anonymen Prozesses anzupassen hat und damit die Freiheit verliert und seine Existenzgrundlage daher auch nicht auf Vertrauen beruhen muss, kollidiert mit der Erfahrung einer funktionierenden Wirtschaft. Der vom Geist Gottes geprägte Mensch ist sich seiner Verantwortung auch gegenüber seinem Nächsten bewusst und weiss, dass er frei entscheiden kann. So bemüht er sich auch um das Vertrauen des Nächsten.


Dr. phil. Ingo Resch ist Verleger des Resch-Verlags.

2006

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