Liberales Institut im Dienst der Freiheit

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Gesprächskreis zur jüdisch-christlichen Tradition

Das Verhältnis von Religion und Freiheit und von jüdisch-christlicher Tradition und Liberalismus.

Am 3. Dezember behandelte der Liberale Gesprächskreis die Frage, ob die jüdisch-christliche Tradition eine Voraussetzung für das Entstehen und Bestehen des Liberalismus ist, ob sie lediglich kompatibel mit ihm ist, oder ob sie gar eine Bedrohung für eine freie Gesellschaft ist. Zu Gast war Peter Ruch, Pfarrer und Mitglied des Stiftungsrates des Liberalen Instituts.

Der Umgang verschiedener liberaler Strömungen mit dem Judentum und dem Christentum lässt sich grob in drei verschiedene Ansätze unterteilen. Einige Liberale beschäftigen sich — zumindest als Liberale — nur insofern mit der Religion, als dass sie uneingeschränkte Religionsfreiheit für alle Glaubensrichtungen fordern und ferner für die strikte Trennung von Kirche und Staat einstehen. Andere, religiöse Liberale sehen viele Anknüpfungspunkte zwischen den jüdischen und christlichen Glaubenssätzen und den Kernforderungen liberaler Politik und weisen auf die Rolle der Religion in der Entstehung von marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften hin. Gleichzeitig gehen sie mit der erstgenannten Gruppe einig, dass die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat garantiert werden müsse. Eine letzte Gruppe von agnostischen oder atheistischen Liberalen schliesslich sieht in der Religion die grösste Feindin der Vernunft und damit eine Bedrohung für das aufgeklärte Abendland. Mit Verweis auf vergangene Glaubenskriege und Kreuzzüge und deren verheerende Folgen glauben sie, das historische Argument auf ihrer Seite zu haben.

Peter Ruch plädierte in seinem Inputreferat für die Kompatibilität der jüdisch-christlichen Tradition mit dem Liberalismus und untermauerte seine Meinung mit sechs Thesen. Erstens halle in der Geschichte des Exodus der Israeliten aus Ägypten ein zentrales Thema des Liberalismus wider, nämlich die Flucht vor der Despotie. Zweitens finde sich sowohl im Liberalismus wie auch in der jüdisch-christlichen Tradition die Forderung nach einem Übergang von der Priorität der Macht zur Priorität des Gesetzes. Die Ablehnung des Rechtspositivismus verbinde also den Juden und Christen mit dem Liberalen. Drittens widerspiegle die Rolle der Propheten, die die Macht des Kaisers relativiere, die liberale Ablehnung von Monopolen. Viertens finde sich sowohl in der Bibel und in der Literatur des Liberalismus eine Wertschätzung des Individuums. In der Bibel liesse sich diese in der Formulierung der Zehn Gebote ausmachen. Dort werde der Gläubige nämlich in der zweiten Person Singular angesprochen. Fünftens korrespondiere die biblische Forderung, dass der Kaiser nicht mit Gott identifiziert werden dürfe und also zwischen dem geistlichen und dem weltlichen Bereich unterschieden werden müsse, mit der liberalen Forderung nach Glaubens- und Gewissensfreiheit. Und sechstens schliesslich fordern je nach Interpretation zwei oder drei der Zehn Gebote den Schutz von Eigentum, was natürlich ein Kernanliegen der Liberalen sei.

Ruch wies aber zugleich darauf hin, dass es selbstverständlich auch eigentumskritische Passagen in der Bibel gebe und dass sozialistische Interpretationen des Christentums durchaus gewisse Anhaltspunkte in den religiösen Lehren Jesu finden könnten. Darum und um die vermeintliche Feindschaft des Christentums gegenüber dem Zinswesen drehten sich dann auch einige der im Kolloquium diskutierten Fragen. Man war sich aber bald einig, dass solche Interpretationen der Bibel fehlgeleitet seien.

Von agnostischen Stimmen kam dann die Frage, ob diese durchaus einleuchtende Kompatibilität der jüdisch-christlichen Tradition mit dem Liberalismus auch für agnostische Liberale etwas zu bieten habe und ob es nicht auch agnostische Begründungen des Liberalismus geben könne, welche die Gefahren vermeiden würden, die von Religionen ausgehen. Von christlicher Seite wurde auf den zweiten Punkt erwidert, dass sich die Gefahr religiöser Gewalt mit der liberalen Opposition gegenüber Monopolen abschwächen liesse. Gleichzeitig wurde mit den meisten Wortmeldungen Agnostikern zugestanden, abseits von religiösen Überzeugungen ihren Weg zum Liberalismus zu finden.

Abschliessend wurde die mögliche Rolle der Religion als Kulturträger diskutiert. Weil der Liberalismus lediglich die Rahmenbedingungen für das menschliche Zusammenleben abstecke, brauche es ferner einen kulturellen Kanon, um die Gesellschaft mit moralischem Leben zu erfüllen. In diesem Zusammenhang wurde auf gewisse liberale Denker hingewiesen, die trotz ihres Agnostizismus beispielsweise der kulturellen Kraft des Katholizismus viel abgewinnen konnten. Die Diskutanten fanden dabei aber keine endgültige Antwort, ob für eine solche kulturelle Funktion der Katholizismus besser geeinigt wäre als der Protestantismus. Einig war man sich jedoch, dass die Religion keine zwingende Voraussetzung für eine freie Gesellschaft sei und jede Person frei für sich entscheiden müsse, ob sie nach religiösen oder säkularen Werten leben wolle.

3. Dezember 2008