Mehr Kapitalismus, Free Banking und echte Ökonomie

Das LI-Symposium 2009 befasste sich mit einer fundierten Ursachenanalyse der aktuellen Finanzkrise und ermöglichte so die Ableitung nachhaltiger Lösungsvorschläge.

Fotogalerie mit Impressionen des LI-Symposiums 2009

Geballtes Fachwissen, interessierte Teilnehmer und eine offene, diskussionsfreudige Atmosphäre — diese Eindrücke prägten das LI-Symposium 2009 unter dem Titel «Hayek, Friedman oder Keynes? Lehren aus der Finanzkrise».

Den Auftakt zum Symposium machten im Rahmen einer öffentlichen Abendveranstaltung am 4. Juni Prof. Pascal Salin und Dr. Daniel F. Kohler. Pierre Bessard, Direktor des Liberalen Instituts, eröffnete das Symposium mit der Feststellung, dass angesichts der aktuellen Verunsicherung auch fundierte liberale Analysen zunehmend eine Chance auf Gehör fänden — und verwies dabei auf die Arbeiten der anwesenden Referenten sowie auf die gestiegene Publikationstätigkeit des Liberalen Instituts in den letzten 18 Monaten in Medien aller drei Landessprachen. Bessard stellte anschliessend mit Pascal Salin, Professor Emeritus der Ökonomie an der Universität Paris-Dauphine und ehemaliger Präsident der Mont Pèlerin Society, einen führenden Vertreter des europäischen Liberalismus vor.

In seinem Vortrag legte Salin dar, dass die aktuelle Krise keinesfalls auf ein Versagen des Marktes, sondern auf einen Mangel an Kapitalismus zurückzuführen sei. Salin definierte dabei «Kapitalismus» als Respekt vor dem Privateigentum und der Vertragsfreiheit — er stellte fest, dass die staatliche Geldpolitik, politische Interventionen in den Immobilienmarkt, hohe Steuern und staatliche Rettungspakete keinesfalls als Elemente des Kapitalismus verstanden werden könnten. Salin plädierte daher für mehr Respekt vor der universalen Ethik des Eigentums. Erst wenn die Bürger wieder in Freiheit sparen und basierend auf einem ungehinderten Spiel von Angebot und Nachfrage Investitionsentscheidungen fällen könnten, wären Finanzkrisen wie die aktuelle zu vermeiden.

Im Anschluss stellte Dan Kohler, CEO der Interhold AG und Mitbegründer zweier Privatbanken, die Sicht eines Praktikers auf die aktuelle Krise dar. Dabei bestätigte er die Analyse seines Vorredners, dass staatliche Geldpolitik und Regulierungen zu den Ursachen der Krise zu zählen sind. Nach Kohler erstreckten sich diese Regulierungen jedoch weit in den Bereich der Finanzindustrie. Regeln wie das erste und zweite Abkommen von Basel und die internationalen Rechnungslegungsvorschriften hätten dazu beigetragen, dass Banken eine unzureichende Kapitaldecke aufwiesen und massgebliche Risiken an ihren Bilanzen vorbeilenkten. Die Verbriefung vor allem von Hypothekenkrediten und die Produktion von Derivaten darauf hätten eine Industrie angefeuert, welche auf das Verschieben kaum durchschauter Risiken beruhte. Der Zusammenbruch des Subprime-Marktes in den USA sei schliesslich nur des Auslöser gewesen, welcher die Banken unter diesen akkumulierten Risiken habe zusammenbrechen lassen. Beide Referenten waren sich darin einig, dass in dieser Situation auch die interne Unternehmensaufsicht, die Corporate Governance, versagt habe. Ohne verantwortliche Eigentümer würden Manager dazu neigen, unnachhaltige Risiken einzugehen.

Am Folgetag versammelten sich die Teilnehmer zu einem diskussionsintensiven Tagesseminar. Die erste Sitzung befasste sich mit der Rolle der Zentralbanken in der aktuellen Krise und wurde eröffnet durch Dr. Michael von Prollius, Wirtschaftshistoriker, Publizist und Leiter des deutschen Forum Ordnungspolitik. Prollius stellte fest, dass staatliche Zentralbanken vor allem dazu dienten, die Zinsen — in einem freien Markt Indikator für die Zeitpräferenzen der Wirtschaftssubjekte — unter ihr natürliches Niveau zu drücken, um die Wirtschaftsentwicklung anzuheizen und die Staatsfinanzierung zu sichern. Damit würden systematische Fehlanreize im Bereich der Investitionen gegeben, welche unweigerlich zu Boom- und Bust-Zyklen führten. Die aktuelle Finanzkrise stelle sich damit in eine Reihe mit früheren Versagen der Zentralbanken. Eine Alternative sah Prollius vor allem in einer Privatisierung des Geldmarktes durch ein «Free Banking». Ein solches würde jedoch die Fähigkeit der Wohlfahrtsstaaten beschränken, ihre Umverteilungssysteme durch die Notenpresse zu finanzieren.

Die zweite Sitzung des Tages befasste sich unter der Leitung von Prof. Hans Geiger, Professor Emeritus am Institut für schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich, mit der Verantwortung der Regulatoren und Banken in der aktuellen Krise. Geiger stellte fest, dass eine Reihe von Faktoren die Grundlage für den Zusammenbruch des Finanzsystems lieferten, darunter die staatliche Geldpolitik, Interventionen in den Wohnungsmarkt, ein verfehltes Geschäftsmodell der Kreditverbriefung auf Basis falscher Risikoabschätzungen, ein Versagen der Rating Agenturen und ein Schneeballeffekt im Rahmen der Subprime-Ausfälle. Auch Geiger betonte, dass Banken auf Basis einer dünnen Eigenkapitaldecke enorme Risiken angehäuft hätten. Die Regulatoren blendeten dabei das Ausfallrisiko im Falle einer Krise schlicht aus. Durch das Einmischen in operative Entscheidungen der Banken hätten die Regulatoren ein falsches Gefühl der Sicherheit erzeugt. Ein stabiles Finanzsystem der Zukunft müsse daher den Banken mehr Eigenverantwortung überlassen — und sie gleichzeitig dem Risiko eines Scheiterns aussetzen. Nur so, nicht durch staatliche Interventionen, könne der Markt seine Teilnehmer disziplinieren.

Prof. Thorsten Polleit, Chief German Economist bei Barclays Capital sowie Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management, befasste sich mit der Frage der Ethik internationaler Kapitalmärkte. Polleit stellte fest, dass ein rational und ethisch begründbares absolutes Recht des Menschen auf Privateigentum die Grundlage einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung sei. Basierend auf Privateigentum würden Wirtschaftssubjekte eine internationale Arbeitsteilung basierend auf freiem Austausch von Waren, Dienstleistungen und Geld aufbauen. Solange also Eigentumsrechte respektiert würden, könne von ethischen internationalen Kapitalmärkten ausgegangen werden. Vor allem die staatliche Monopolisierung der Geldproduktion sei hingegen mit einem solchen System nicht vereinbar und würde zu systematischen Verzerrungen und Fehlanreizen führen, wie die aktuelle Krise erneut zeige.

Im Anschluss stellte Rahim Taghizadegan, Gründer und Vorstand des Instituts für Wertewirtschaft in Wien sowie Ökonomiedozent an mehreren Hochschulen im deutschsprachigen Raum, einen Überblick über die Österreichische Schule der Ökonomie vor. Durch ihre geld- und konjunkturtheoretischen Erkenntnisse habe diese Schule — im Gegensatz zu der des Keynesianismus oder Monetarismus — eine stichhaltige Erklärung für die aktuelle Finanzkrise zu bieten. Taghizadegan stellte dar, wie juristisch geschulte Denker wie Carl Menger oder Eugen von Böhm-Bawerk eine auf der Beobachtung und Erklärung menschlichen Handelns begründete ökonomische Analyse schufen. Vor allem unter Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek entwickelte diese Schule zugleich überzeugende Theorien mikro- und makroökonomischer Entwicklungen und erlangte eine gewisse internationale Anerkennung. In der Folge gelang es jedoch vor allem solchen ökonomischen Schulen Verbreitung an staatlichen Universitäten und Institutionen wie den Zentralbanken zu finden, die als besonders staatsnah und interventionsbejahend bezeichnet werden können — allen voran der Keynesianismus. Die aktuelle Krise zeige dagegen zugleich das Versagen dieser Schulen und die bleibende Aktualität der «Österreichischen» Analyse.

Den Abschluss des Symposiums gaben Dr. Beat Kappeler, Kolumnist der NZZ am Sonntag und Le Temps, sowie Robert Nef, Präsident des Stiftungsrates des Liberalen Instituts, in einem Gespräch über den Stand des Liberalismus nach der Erschütterung durch die Finanzkrise. Kappeler betonte dabei vor allem die offenbarte Notwendigkeit einer Machtverteilung — im Markt wie im Staat. Der derzeit geforderte «Primat der Politik» könne dieser Anforderung nicht gerecht werden. Würde der Staat seine Regulierungstätigkeit ausweiten, würde der Markt stets durch deren «Ritzen» drängen. Notwendig sei daher eine Stärkung von Privateigentum und Eigenverantwortung. Robert Nef stellte fest, dass die aktuellen, fehlgeleiteten Anwürfe gegen den Liberalismus echte von scheinbaren Liberalen trenne. Gerade jetzt zeige sich, wer mit Nachdruck und Überzeugung für Werte wie Freiheit, Verantwortung und Non-Zentralismus eintrete. Nef sprach von einer «Grenzbereinigung» angesichts der durch die Finanzkrise offenbarten Ent-Täuschung etatistischer Mythen und Illusionen. Auch an diese Auseinandersetzung schloss sich eine lebendige Diskussion mit dem Publikum an, wie sie das gesamte Tagesseminar prägte. Dr. Christian Hoffmann, Tagungsleiter und Forschungsleiter des Liberalen Instituts, machte abschliessend die Teilnehmer auf einen in Kürze erscheinenden Sammelband des Liberalen Instituts zur Thematik aufmerksam, in welchem auch zahlreiche der Referenten ihre Analysen präsentieren werden.

14. Juni 2009