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Ob Bethlehem oder Washington spielt keine Rolle!

Ein Gesprächskreis zum Thema «Big Data» am 11. März an der Universität Zürich.

Der Gastredner, der Unternehmer Konrad Hummler, leitete sein Referat mit einem Vergleich zwischen römischer Steuereintreibung in Bethlehem in den Jahren um Christi Geburt und dem heutigen Automatischen Informationsaustausch (AIA) ein. Wesentliche Unterschiede zwischen der heutigen und der damaligen Situation gebe es nicht, so der Referent. Das römische Reich stand der Staatsverschuldung beispielsweise von Griechenland und anderer westlicher Industrienationen keineswegs nach. Das Bedürfnis der Regierenden, alle Bürger in der Steuererhebung zu erfassen und jegliche Schlupflöcher zu schliessen, war damals und ist heute noch die Antriebsfeder der steuerlichen Datenerfassung.

Einen Unterschied gibt es dennoch - und genau dieser sei entscheidend. Während früher die Erfassung der persönlichen Steuerdaten mit viel Aufwand (ökonomisch gesprochen Transaktionskosten) verbunden war, ist er seit Einführung des Internets und dank des Phänomens „Big Data“ sehr kostengünstig. Es erfolge mit anderen Worten eine Erfassung, Speicherung und Rekombination der Daten „zum Nulltarif“. Auf privater Ebene, wo die Unterwerfung unter das neue Datenregime freiwillig erfolge, werden zudem Informationen gesammelt, die für sich alleine praktisch keine Relevanz aufweisen, als Datencluster hingegen einen ökonomischen Wert besitzen können. Konrad Hummler sprach deswegen von einer „Daten-Zeitmaschine“, die uns und anderen die Reise in eine immer ferner zurückliegende Vergangenheit erlaube, auch wenn dies zulasten des einzelnen Individuums gehen kann.

Vor- und Nachteile: zuerst die Nachteile...

In staatlicher Hand verbinden sich „Big Data“ und Macht bzw. das Gewaltmonopol. Es komme, so Konrad Hummler, zu einer Potenzierung von Macht. Spätestens seit Edward Snowden und dem NSA-Skandal weiss der Bürger, dass er unaufhörlich und umfassend Teil eines Überwachungsapparates geworden ist. Wenn sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Abhörung ihres Mobiltelefons empöre, sei dies „bigott“, denn der Unterschied zu früher liege gerade darin, dass nicht mehr bloss Regierungsvertreter Ziel von Spionage seien, sondern eben auch die gewöhnlichen Bürger. Jedoch pervertiere sich dieser umfassende Zugriff auf die Privatsphäre der Bürger noch stärker, wenn sich die Vorstellung von Moral ändere - und diese sei einem steten und insbesondere gesellschaftspolitischen Wandel ausgesetzt. Mit der Möglichkeit, bei Bedarf auf den Speicher aller früheren Handlungen von Individuen zurückzugreifen, verliere der Mensch seinen natürlichen Anspruch auf Vergessen. Was zu Beginn noch moralisch war, wird plötzlich zu einem Verstoss gegen die herrschende Auffassung von Moralität - und schliesslich unter Umständen sogar (rückwirkend) illegal. Der Referent befürchtet in diesem Zusammenhang einen neuen Rigorismus. Es existierten in rechtsstaatlicher Hinsicht immerhin das Instrument der Verjährung und das Rückwirkungsverbot, jedoch sind diese, wie die Besteuerungsdebatte der letzten Jahre gezeigt hat, nur unzureichend gewährleistet.

Aber Konrad Hummler erkennt auch in der freiwilligen privaten Nutzung einige problematische Punkte: Die ständige Überwachung und Kontrolle zwinge das Individuum, sich konformistisch zu verhalten. Das werde, so der Referent, zu einer verstärkten Angleichung der persönlichen Präferenzen führen.

Die grösste Gefahr gehe aber vom missbräuchlichen Einsatz des RFID-Chips aus. So war die Verbindung von Mensch und Daten, durch welche sich jede Handlung und jeden Aufenthaltsort eindeutig zuordnen lässt, bereits Thema in einer frühen Fassung der ObamaCare-Vorlage. Konrad Hummler liess keinen Zweifel daran bestehen, dass die Idee eines „Menschen-Chips“ in naher Zukunft eine grosse Rolle spielen wird. In Verbindung mit der bewaffneten Drohne sei dies eines der grössten Risiken für eine freiheitliche Gesellschaft, so der Referent. Auch in der anschliessenden Diskussion zeigte sich, dass die Verbindung von „Big Government“ und „Big Data“ den eigentlichen Kern des Problems darstellt.

...und nun zu den Chancen von „Big Data“

Wenn der Mensch über mehr Informationen verfüge, die ihm zudem in aufbereiteter Form zur Verfügung stehen, dann bieten sich ihm auch Vorteile. „Big Data“ ermöglicht zum Beispiel eine gesündere Lebensweise. So können das Auto bei Alkoholkonsum die Fahrt verweigern, der Kühlschrank den Rotwein erst nach erfolgtem Workout auf dem Hometrainer „ausschenken“ und die Versicherung dank personalisierter Daten des Fahrtenschreibers oder des Fitness Centers unterschiedliche Prämienmodelle anbieten. Wenn auch dies vielen Menschen nicht gefallen wird, die mit dem Datensammeln verbundene Präventionsmöglichkeit wird die Lebenserwartung insgesamt noch einmal deutlich erhöhen, ist Konrad Hummler überzeugt.

Einen interessanten Gedanken äusserte der Referent für den Bereich der Mikroökonomie. Danach zeichnen sich öffentliche Güter durch erhöhte Informations- und Transaktionskosten und das Problem von sozialen Kosten bei privatem Gewinn aus. Die mit „Big Data“ verbundenen tieferen Kosten können zur Neudefinition von heute öffentlichen Gütern führen. So können Strassen dank einem individualisierten Road Pricing zu privaten Gütern im Sinne der Theorie werden, denn damit würde eine klare Zuteilung von temporären Nutzen und Kosten möglich. Konrad Hummler erkennt darin eine Annäherung an die neoklassischen Lehrbuchbeispiele der Mikroökonomie, welche im Allgemeinen die Transaktionskosten ausblenden. Zudem stelle diese Entwicklung gerade für liberale Politiker eine Chance dar. Dieselben Prinzipien könnten nämlich beispielsweise auch für den Gesundheitsbereich und für die Medien angewendet werden.

Für Konrad Hummler hat die Debatte um „Big Data“ aber auch einen evolutionsbiologischen Aspekt. Menschsein bedeute Fehler zu begehen, welche das Individuum zudem zu verbergen versucht. Fehler führen zu Konflikten. Wenn aber Fehler und damit Konflikte nicht mehr in Vergessenheit geraten können, werde das Zusammenleben der Menschen mit Bestimmtheit nicht einfacher.

18. März 2014