Vollgeld löst keine Probleme, sondern schafft neue

Beat Kappeler

Der Vorschlag weitet die Macht des Staates aus und verkennt damit, wer für die Finanzkrise verantwortlich war.

Vollgeld, schon wieder eine Allmachtsphantasie. Nach dem Grundeinkommen, kürzlich abgelehnt, liegt schon wieder ein Vorschlag auf dem Tisch, der suggeriert, man müsse nur an einer kleiner Schraube drehen, und alles werde gut. Sogar teilweise die gleichen Leute unterstützen ihn.

Vollgeld, da denkt man an Goldstücke, an reale Werte hinter dem Geld. Doch die Initiative möchte nur die Nationalbank voll an den Drücker der elektronischen Geldschöpfung setzen – ohne Gegenwerte, und neues Geld direkt an den Staat oder an die Bürger verteilen. Das ist Helikoptergeld vom Schönsten, über blühende Landschaften ausgeschüttet.

Abgelöst soll damit die heutige Geldschöpfung durch die Banken werden. Diese erweitern nämlich den Kreislauf des Notenbankgeldes beträchtlich, und das geht so. Die Sparer legen Geld auf ihre Bankkonten ein. Die Bank räumt einem Hausbauer meist mehr als Kredit auf seinem Konto ein. Er überweist diesen an seinen Maurer auf Bank 2. Diese hat so eine Einlage, räumt einem anderen damit einen Kredit ein, der diesen auf Bank 3 für Lieferungen überbuchen lässt.

So entstehen durch Verbuchungen zwischen den Banken immer neue Einlagen und Kredite, genannt «Buchgeld». Die einzelne Bank tut nichts Unrechtes, ihre Bilanz enthält Einlagen und Kreditzusagen in etwa gleicher Höhe. Aber alle Banken zusammen, als System, schaffen neue Einlagen und Verbindlichkeiten. Ein Problem entsteht, wenn einer oder viele Kreditnehmer nicht zahlen können und wenn die Einleger angstvoll ihr Geld abziehen. Dann wird das Buchgeld zurückgezurrt wie eine Socke am Wollfaden, Kredite werden gekündigt, Konkurse treten ein, Schlangen warten vor den Schaltern.

Die US-Bank Lehman Brothers war so ein Fall, und nach 2007 kamen deshalb die Notenbanken zum Zug. Sie liehen in der Phase der Unsicherheit neues Geld an die Banken, nahmen ihnen die Kredite ab, damit diese nicht gekündigt wurden. Die Notenbanken stehen also gerade, wenn das System wankt. Sie können durch Zinserhöhungen oder Reserven, die sie von den Banken für deren Kredite einfordern, das Buchgeld stark bremsen. Sie taten es vor 2007 nicht, und danach umso weniger, als sie enorme Geld- und Schuldenmassen in Bewegung setzten. Dies aber nicht wegen des Banksystems, sondern wegen total überschuldeter Staaten. Nicht Buchgeld war die Sünde, sondern die seit Dekaden von den Notenbanken erlaubte staatliche und private Kredithuberei.

Nun sollen ausgerechnet nur noch die Notenbanken alles Geld schöpfen und dieses dem zweiten Allmächtigen im Lande, dem Staat, überschreiben. Naiv glauben die Vollgeldleute an Politiker, die sich selbst zügeln. Ja, sie sähen die Wahl der Notenbankchefs direkt durch das Parlament vor, also durch die Begünstigten. Dieser volle Staatsglaube ist die erste Sünde der Vollgeldbefürworter.

Zweitens bleibt der Übergang von einem System zum anderen völlig unklar. Heute verbuchen alle Banken, grob gesagt, Einlagen (auf der Passivseite) und Kredite (auf der Aktivseite) in der Bilanz. Nicht in die Bilanz kommen alle Werte, die Kunden in ihren Wertschriftendepots halten. Neu sollen auch die Bareinlagen, ähnlich einem Aktiendepot, aus der Bilanz genommen und separat geführt werden. Dafür soll die Notenbank leihweise die Banken mit frischem Geld versorgen. Die Banken würden andererseits die erteilten Kundenkredite allmählich abbauen und so auch den Notenbankkredit abstottern. Das Resultat wären Banken als Tresore des Bargelds, ohne Kredittätigkeit.

Wie ich das lese, würden Banken und Kunden nichts gewinnen. Die Initiative hingegen ködert die Wähler mit 300 Milliarden, die aus der Kontenablösung irgendwie vom Himmel – oder von der Nationalbank – fallen würden. Wer heute eine Hypothek auf fünf Jahre schuldet, müsste bei Fälligkeit irgendwoher einen direkten Kreditgeber oder Pfandbriefanleihen finden. Die Banken würden Geld von den Barkonten der Kunden darin anlegen, ebenso in Firmenobligationen und Aktien. Doch wer dies will, kann es heute bei Privatbanken wie Vontobel, Bär, Reichmuth, Pictet haben. Diese geben wenig Kredite, sondern führen Barkonten und legen diese für die Einleger direkt in der Wirtschaft an.

Die Vollgeldleute laden alles hochmoralisch auf, unterschieben den einzelnen Banken Unrechtes, obwohl das System das Geld schöpft. Sie übersehen, dass die Krisen durch willfährige Notenbanken eintraten.

Ausgerechnet solch zentrale Machtzirkel sollen es nun richten. Wie beim Grundeinkommen ist die Annahme völlig irreführend, die Schweiz könne abgenabelt von der Welt vorgehen. Und wie dort schweben schon die ersten Glitterati aus der fernen Welt der Bücher und der Kunst herbei und loben mit warmen Worten. Doch das Vollgeld bedeutet mehr Staatsmacht, ist ein Kandiszuckerberg wie in George Orwells «Farm der Tiere».

Der Autor wurde mit dem Röpke Preis für Zivilgesellschaft des Liberalen Instituts ausgezeichnet. Dieser Beitrag erschien in der NZZ am Sonntag vom 8. April 2018. Mit freundlicher Genehmigung.

April 2018

wirtschaftliche-freiheit category logo