Was bewirken Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie?

Das LI-Gespräch vom 2. November befasste sich mit der Frage, ob es sich bei Kryptowährungen um einen Hype handelt oder ob sie Revolutionäres zu leisten imstande sind.

Die problematischen Experimente der staatlichen Geldpolitik unter anderem mit quantitativer Lockerung und Negativzinsen werfen die Frage nach möglichen Alternativen auf. Vor knapp einem Jahrzehnt hat der auf der Blockchain-Technologie basierende Bitcoin das Licht der Welt erblickt. Während die einen bereits vor dem Ende der «Kryptowährungs-Blase» warnen, rufen diese neuen, digitalen Geldanbieter und die dahinterstehende Blockchain-Technologie viele Fragen hervor, die am LI-Gespräch vom 2. November erörtertet wurden.

In seiner Einführung ging LI-Vizedirektor Olivier Kessler auf den Fortschritt ein, der durch die Blockchain-Technologie erreicht wurde. War es aufgrund des Problems der doppelten Ausgabe bis 2009 nicht möglich, digitales Geld ohne vertrauenswürdige Zentralinstanz zu übermitteln, hat die dezentrale Struktur der Blockchain, also der öffentlich einsehbaren Datenbank, dafür gesorgt, dieses Problem zu beheben. Neu können Werte auch ohne Vermittler von Person zu Person überwiesen werden. Aus liberaler Perspektive ist der dank Kryptowährungen aufflammende — und von Friedrich August von Hayek herbeigesehnte — Währungswettbewerb interessant, zumal die mächtige Position der Zentralbank immer wieder zum Schaden der Bevölkerung missbraucht wurde, etwa indem eine ultraexpansive Geldpolitik Eigentumsrechte der Bürger aushebelte. Menschen können neu alternativ ihr Vertrauen anstatt in die Disziplin der Zentralbank in einen mathematischen Programmiercode setzen, der zwar ebenfalls von Menschen geschaffen und deshalb nicht unfehlbar sein muss, der aber aufgrund seines «Open-Source»-Charakters von jedem eingesehen und getestet werden kann. Nicht nur Bitcoin, auch die sogenannten «Altcoins», welche gegenüber Bitcoin mit Verbesserungen wie etwa schnellere oder kostengünstigere Transaktionen und grösserer Anonymität aufwarten, intensivieren diesen Währungswettbewerb zusätzlich.

In einem ersten Referat erläuterte Prof. Thorsten Polleit, Chefökonom der Degussa und Berater des P&R Real Value Fonds, dass Geld in erster Linie ein allgemein akzeptiertes Tauschmittel sei, welches einige wesentliche Eigenschaften wie Knappheit, Lagerfähigkeit, Transportierbarkeit, Teilbarkeit und Werthaltigkeit erfüllen müsse. Auch wenn heute die dominierende Auffassung sei, dass Geld ursprünglich durch den Staat geschaffen wurde, vertrat Polleit die Auffassung des Ökonomen Carl Menger, wonach Geld spontan im freien Markt entstanden sei — und zwar aus einem Sachgut. 1912 hatte Ludwig von Mises die Theorie von Menger mit seinem Regressionstheorem weiterentwickelt, das besagt, dass die Leute Geld nachfragen, weil dieses einen schon vorhandenen Wert hat. Im Gegensatz zum Geld, das auf dem freien Markt entstanden ist — insbesondere Silber und Gold — leidet staatliches Geld unter ethischen und ökonomischen Defiziten: Es wird aus dem Nichts geschaffen, verliert ständig an Wert, begünstigt einige auf Kosten vieler, verursacht Wirtschaftskrisen und heizt die Verschuldung an. Demgegenüber sind Kryptowährungen dem Zugriff von staatlichen Behörden entzogen und ihr Wert kann nicht manipuliert werden. Die Frage, ob Kryptowährungen wie der Bitcoin als Geld bezeichnet werden können, sei positiv zu beantworten — auch unter Berücksichtigung des Regressionstheorems: Bitcoin ist auf dem freien Markt entstanden und sein Preis betrug in den ersten Monaten null, obwohl bereits Transaktionen auf der Blockchain ausprobiert wurden. Bitcoin diente somit als Verrechnungseinheit und reflektiert den Wert der Nutzung der Blockchain. Der nun entstehende Wettbewerb der Währungen sei im Hinblick auf die Qualität des Geldes gesund — auch wenn letztlich die optimale Anzahl Währungen in einer Volkswirtschaft aus Effizienzgründen bei eins liege.

In einem zweiten Referat ging Johann Gevers, Gründer und CEO von Monetas sowie Gründer der Crypto Valley Association, der Frage nach, welchen Einfluss «Cryptofinance»-Technologien auf die Welt haben. Die wichtigste Eigenschaft sei die Gewährleistung von Integrität. Es sei für Leute dank der Blockchain-Technologie nun schwieriger, sich gegenseitig zu betrügen. Gerade ein Blick auf die aktuelle Situation in Venezuela zeige: Wenn dieses Vertrauen erst einmal gebrochen sei, kollabiert alles. Die fundamentale Frage laute überall auf der Welt: «Wie kreiert man Wohlstand?» Gevers nannte drei Strategien: Erstens könne man den Lebensstandard anheben durch einen besseren Schutz von Eigentumsrechten. Unter anderem die Arbeiten des Ökonomen Hernando de Soto zeigten, dass rund zwei Drittel der Weltbevölkerung einen zu schlechten Schutz ihres Privateigentums geniessen, um dieses sicher zu handeln oder um sich Geld zu leihen durch die Besicherung ihres Eigentums. Die Blockchain-Technologie helfe dabei, diese Eigentumsrechte besser zu schützen, indem etwa Grundbücher nicht mehr manipuliert werden könnten. Zweitens könne der Wohlstand durch die Reduktion von Transaktionskosten um 0,1 Prozent um das Vierfache gesteigert werden, weil Eigentum so besser handelbar werde. Kryptowährungen helfen dabei, Vermittler auszuschalten und senken damit Transaktionskosten massiv. Drittens könne der Wohlstand durch ein grösseres wirtschaftliches Netzwerk gesteigert werden. Weil auch in der Dritten Welt fast sämtliche Bewohner ein Mobiltelefon haben, erhalten dank neuen «Cryptofinance»-Technologien Milliarden von Menschen Zugang zur Weltwirtschaft, die bislang vom Bankensystem in ihren Ländern ausgeschlossen wurden. Innovative Finanztechnologien dürften daher zu einer massiven Effizienzsteigerung und damit einem gewaltigen Wohlstandsschub führen.

In der anschliessenden Diskussion wurde unter anderem darüber diskutiert, wie die Gesellschaft eine optimale Balance finden könne, zwischen dem Schutz der Privatsphäre, welche Kryptowährungen wie etwa Dash, Monero oder NavCoin ihren Nutzern bieten, und der Verfolgung von Kriminellen, welche diese Anonymität ausnützen könnten. Die Lösung könnte allenfalls in der Tatsache bestehen, dass selbst Kryptowährungen, die Wert auf Anonymität legen, letztlich elektronische Spuren hinterlassen, die mit entsprechendem Aufwand bis zum Nutzer zurückverfolgt werden könnten. So konnte beispielsweise der Betreiber der umstrittenen Plattform «Silk Road», auf der illegale Geschäfte abgewickelt wurden, letztlich ausfindig gemacht werden, obwohl er seine Spuren zu verwischen versuchte. Die Anonymisierung der Interaktionen zwischen Menschen aufgrund von Kryptowährungen zwingt den Staat jedoch, seine begrenzten Ressourcen so einzusetzen, dass tatsächliche Verbrechen aufgedeckt werden können. Letztlich dürften so die Interessen der Verbrechensbekämpfung und das Recht der Bürger auf Privatsphäre auch im digitalen Zeitalter wieder in ein gesundes Verhältnis zueinander gebracht werden.

2. November 2017