Die freiheitliche Wirtschaftsordnung und der Katholizismus — eine Art von Hassliebe

Gerhard Schwarz

Das Verhältnis von Marktwirtschaft und Religion ist seit je ein schwieriges — seit jener frühen Periode der Menschheitsgeschichte, in der die Menschen einerseits begannen, zu tauschen, und in der sie sich anderseits auf die Suche nach dem Sinn des Lebens machten.

Antiklerikale Stossrichtung des Liberalismus

Der liberalen Wirtschaft wird in vielen Religionen vorgeworfen, dass sie moralischen Grundsätzen widerspreche und ethischen Ansprüchen nicht genüge. Besonders spannungsgeladen wirkt das Verhältnis zwischen der Wettbewerbswirtschaft und dem Katholizismus mit seinen hierarchischen Strukturen. Viele Liberale und manche Katholiken halten von daher freiheitliche Vorstellungen über Wirtschaft und Gesellschaft für schlicht unvereinbar mit dem Katholizismus. Auf den ersten Blick könnte man versucht sein, dem zuzustimmen, wüsste man nicht um so eminente liberale und zugleich katholische Denker wie Lord Acton oder Alexis de Tocqueville. Protestantismus und Marktwirtschaft werden dagegen eher als unproblematisches Paar angesehen, nicht zuletzt dank Max Weber, der mit seiner Schrift «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» eine Art Ehrenrettung — je nach Sichtweise — der liberalen Wirtschaftsordnung (die aus der protestantischen Ethik gewachsen sei) und des Protestantismus (der den Kapitalismus fördere) vorgenommen hat.

Die Spannung zwischen Katholizismus und liberalem, marktwirtschaftlichem Denken hat auch damit zu tun, dass der kontinentale, mehr das Politische als das Wirtschaftliche betonende Liberalismus häufig antiklerikal war. Diese konstruktivistische Form des Liberalismus zeichnete sich ja nicht so sehr durch eine klare Vorstellung von der Gesellschaft aus, sondern mehr durch das Bemühen, «sich von allen Vorurteilen und allen nicht rational begründeten Überzeugungen zu lösen und der Bevormundung durch zu entrinnen» (Friedrich A. von Hayek). In den radikalen Ideen der französischen Aufklärung wurzelnd, richtete sich der kontinentale Liberalismus hauptsächlich gegen jene Kirche (und deren Klerus), die im Land der Grossen Revolution die Macht hatte. Das war die katholische Kirche. Der kontinentale Liberalismus (und sein Verständnis wirtschaftlicher Freiheit) ist aber nur eine — wenn auch wichtige - Spielart des Liberalismus. Es gibt daneben noch die ebenso bedeutsame englische und vor allem schottische Aufklärung. Sie war weder antireligiös noch antitraditional und spielte für die Entwicklung zumal des ökonomischen Denkens auf Dauer die grössere Rolle als die französische Aufklärung.

Katholizismus als Ausgangspunkt und Schmiermittel der Marktwirtschaft

Im folgenden soll zunächst vor allem der Frage nachgegangen werden, ob und inwiefern der Katholizismus der Marktwirtschaft förderlich sei oder nicht, und zwar sowohl auf einer realen als auch auf der ideologischen Ebene. Die umgekehrte Frage wird am Schluss gestreift, nämlich jene nach dem Nutzen, die der Katholizismus aus einer freiheitlichen Ordnung ziehen kann. Beim Versuch, das Spannungsfeld zwischen Katholizismus und liberaler Wirtschafts- und Staatsordnung etwas auszuleuchten, stösst man allerdings rasch auf die Schwierigkeit, dass die Vielfalt liberaler Wirtschaftsordnungen auf der einen und die Ausprägungen des Katholizismus auf der anderen Seite generelle Aussagen über deren Beziehung fast unmöglich macht. Daher lassen sich aus der Beobachtung der Wirklichkeit kaum eindeutige Aussagen über die Eignung oder Nicht-Eignung des Katholizismus für die Marktwirtschaft machen.

Immerhin kann man nach Indizien suchen, und dazu muss man sich zunächst unweigerlich mit Max Webers These, die protestantische Ethik bilde die Basis des Kapitalismus, auseinandersetzen. Diese These, die in ihrer plakativen Form eher auf die Epigonen zurückgeht als auf Weber selbst, hat zwar viel für, aber auch manches gegen sich. Wenn hier hauptsächlich Einwände vorgebracht werden, dann nicht in der Absicht, eine besondere Eignung des Katholizismus für die Marktwirtschaft zu behaupten, sondern einzig, um zu zeigen, dass es beim Zusammenspiel von liberaler Ordnung und Religion nicht auf die Konfession — und erst recht nicht auf die Konfession allein — ankommt.

Schon Weber machte etwa darauf aufmerksam, dass im 16. Jahrhundert oft die reichsten Städte und Gebiete zum Protestantismus wechselten, Gebiete also, die unter dem Katholizismus zu ihrem Wohlstand gelangt waren. Die konfessionelle Zugehörigkeit wäre also in einem gewissen Masse eher Folge denn Ursache der wirtschaftlichen Entwicklung. In den gleichen Zusammenhang gehört die nicht unwesentliche Tatsache, dass zentrale Grundlagen des Kapitalismus, etwa das Geld- und Bankwesen oder die doppelte Buchhaltung, im katholischen Mittel- und Oberitalien entwickelt wurden. Damit in Verbindung steht die Beobachtung, dass die ersten Zentren des Kapitalismus überhaupt katholische Handelszentren wie Antwerpen, Venedig und Florenz waren. Viele Studien, die als Antwort auf Weber bzw. Werner Sombart geschrieben wurden, der den Juden ähnliche Charakteristika zugeordnet hat wie Weber den Protestanten, zeigen denn auch, dass katholische Städte, zumal die erwähnten drei, eine vergleichbare Dynamik, ein vergleichbares Unternehmertum und vergleichbare psychologische Merkmale entwickelt haben wie entsprechende protestantische Zentren.

Strenges protestantisches Kirchenregiment

Es ist ferner keineswegs so, dass die Reformation eine gesellschaftliche Befreiung im Sinne einer Beseitigung der kirchlichen Herrschaft gebracht hätte, im Gegenteil: Die katholische Herrschaft war vielfach eher lax und large, während die Herrschaft des Calvinismus, wie sie besonders im 16. und 17. Jahrhundert zunächst in Genf und Schottland, dann auch in den Niederlanden, in Neuengland und England praktiziert wurde, «für uns die schlechthin unerträglichste Form der kirchlichen Kontrolle des Einzelnen wäre, die es geben könnte» (Max Weber). Nichts deutet also darauf hin, dass es die Wettbewerbswirtschaft in katholischen Gebieten grundsätzlich schwerer hätte als in protestantischen Regionen oder in solchen, die von anderen Religionen geprägt sind. Auch ein Blick auf die heutige Landkarte zeigt, dass der Katholizismus mit einer modernen Industriegesellschaft und einer offenen Wirtschaft durchaus vereinbar ist: Die Marktwirtschaft gedeiht oder verkümmert in ihrer weitgehend religiösen Neutralität unabhängig davon, ob im jeweiligen Land Protestantismus oder Katholizismus oder andere Religionen dominieren.

Wie die geschichtlichen Hinweise zeigen, kommt es jedoch darauf an, ob von einer Religion und ihren Würdenträgern eine offene Wirtschaftsordnung ermöglicht wird oder nicht. Die erwähnten katholischen Handelsstädte florierten vermutlich deshalb, weil sie nicht zu sehr der politischen Kontrolle durch den Papst unterstanden. Die unterschiedlichen Wirkungen verschiedener Religionen und Konfessionen erfolgen mehr über die Ordnungen, die sie schaffen oder schützen, als über die Motivation beim Einzelmenschen, wie dies Weber hauptsächlich angenommen hat. Dort, wo die Römische Kirche sich gegenüber der Staatsmacht kritisch verhielt, trug sie zu grösserer Freiheit bei, wobei allein schon die Aufteilung der Macht zwischen Papst und Kaiser einen Gottesstaat im islamischen Sinne verhinderte und dafür sorgte, dass die Macht weder des Staates noch der Kirche völlig überbordete. Und dort, wo dem Protestantismus die unmittelbare politische Durchsetzung gelang, wie etwa im Falle des Luthertums, blieb seine freiheitsschaffende Kraft geringer als dort, wo er sich, wie der Calvinismus, in Form von Freikirchen behaupten musste.

Die Tatsache, dass eine freiheitliche Wirtschaftsordnung nicht auf eine spezifische Konfession angewiesen ist, sollte jedoch nicht zum Trugschluss verleiten, die prägende Kraft der Religion sei für sie unerheblich. Die Marktwirtschaft basiert darauf, dass sie das individualistische Eigeninteresse als gegeben ansieht und akzeptiert. Dieses bei Adam Smith realistisch beschriebene, keineswegs als Egoismus verstandene Eigeninteresse entspricht dem christlichen Auftrag, Verantwortung wahrzunehmen und für sich und die Seinen zu sorgen. Allerdings tendiert Eigeninteresse oft zur Hemmungslosigkeit. Es braucht also «Checks and Balances», die sicherstellen, dass Eigeninteresse wirklich der Gemeinschaft zum Nutzen gereicht. Unter den drei möglichen Barrieren gegen Hemmungslosigkeit sind die Gesetze unvermeidlich, ist der Wettbewerb die spezifisch liberale Lösung und ist die Moral das wohl beste Gegengewicht. Die katholische Kirche ist ein wichtiger Vermittler solcher Moral, von Werten wie Fairness, Ehrlichkeit, Vertragstreue, kurz: Treu und Glauben, die über Jahrhunderte die westlichen Gesellschaften geprägt haben und für das Funktionieren der Marktwirtschaft wichtig sind. Wo diese Regeln befolgt werden, braucht es weniger Verträge, Gesetze und Richter: die Regeln reduzieren die Transaktionskosten. Insofern profitiert die Marktwirtschaft vom Katholizismus, allerdings nicht mehr und nicht weniger, als sie von anderen Religionen profitieren kann, die menschliche Grundwerte lehren und fördern.

Das Liebäugeln des Katholizismus mit Sozialismus und Utopismus

So relativ harmonisch sich die Beziehung zwischen freier Wirtschaft und Katholizismus auf der empirischen Ebene darstellt, so spannungsgeladen ist sie auf der ideologischen Ebene. Allerdings spricht auch hier einiges gegen eine zu sehr auf die Konfession fokussierte Interpretation dieser Spannung. Der Ökonom Karl Brunner behauptete sogar, die kämpferische politische — sprich: antikapitalistische — Orientierung sei im Protestantismus ausgeprägter, weil in ihm die Diesseitsbezogenheit immer mehr an die Stelle des Gottesbezugs trete. Gegen eine konfessionelle Interpretation der Spannung von Kirche und Marktwirtschaft spricht ferner, dass die päpstlichen Lehrschreiben und die Forschungen katholischer Sozialethiker auf das gesamte Christentum abstrahlen.

Zu den Charakteristika der katholischen Soziallehre gehört, dass sie in der Frage der Wirtschaftsordnung nie eindeutig Stellung bezogen hat und mit der klaren Bejahung der Marktwirtschaft seit je Mühe bekundet. Das ist umso erstaunlicher, als die Schule von Salamanca im 16. Jahrhundert, 200 Jahre vor Adam Smith, zentrale Grundlagen der marktwirtschaftlichen Lehre geschaffen hat. Die kritische Einschätzung der katholischen Soziallehre gilt trotz der grossen Sozialenzyklika von Johannes Paul II., «Centesimus annus» (1991), die von manchen Beobachtern fast als «Kapitalistisches Manifest» gefeiert worden ist. Gewiss lehnt «Centesimus annus» explizit den Marxismus ab, doch schimmert das alte Liebäugeln mit sozialistischen Anliegen auch in dieser Enzyklika durch. So sagt die Römische Kirche in dem Dokument zwar Ja zum Rechtsstaat und, unter Rückgriff auf Thomas von Aquin, zum Privateigentum. Doch selbst die schon in «Rerum novarum» (1891) zentrale Bejahung des Privateigentums ist in «Centesimus annus» vielfach gebrochen, etwa wenn es heisst, der Mensch solle seine Besitztümer nicht als Eigentum, sondern als allen gemeinsam betrachten. Eine dritte wesentliche Funktionsbedingung einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung neben Rechtsstaatlichkeit und Privateigentum, die Vertragsfreiheit, wird in der Enzyklika in unregulierter Form abgelehnt. Zwei weitere Bedingungen schliesslich, Wettbewerbsfreiheit und ungehinderte Preisbildung, werden zwar im Grundsatz bejaht, aber stark durchlöchert, etwa durch die Forderung nach einer staatlichen Industriepolitik oder durch das Herunterspielen des Gewinns zum blossen Indikator des Rentabilitätszustandes eines Unternehmens. Die eigentliche Funktion des Gewinns als Motor von Innovation, Fortschritt und Kapitalakkumulation bleibt dadurch auf der Strecke.

Bedenkt man, dass noch in «Mater et Magistra» (1961) der «Wettbewerb, wie ihn die sogenannten Liberalen wollen», als ganz und gar unvereinbar mit der christlichen Lehre, ja mit der menschlichen Natur gebrandmarkt und in «Laborem exercens» das klassenkämpferische Postulat der Vorrangigkeit der Arbeit gegenüber dem Kapital erhoben worden war, ist der Weg, der bis zu «Centesimus annus» gegangen wurde, sicher beachtlich. Dennoch: Mit dieser Enzyklika hat sich die katholische Doktrin zwar der Sozialen Marktwirtschaft angenähert, aber nur einer Marktwirtschaft, in der stark der soziale Korrekturbetrieb betont wird, und nicht einer Marktwirtschaft, in der deren immanente soziale Eigenschaften betont und gefördert werden.

So hat sich denn an den sozial-romantischen Träumereien mit marxistischen Versatzstücken — Ausbeutung, gerechter Preis, Klassenkampf, Proletarisierung — der in der katholischen Kirche stark vertretenen Regenbogenkoalition (von der Umweltbewegung über den Pazifismus bis zu den Überlebenden der 68er Zeit) in den letzten fünfzehn Jahren wenig geändert. Weiterhin begegnet einem manch freiheitsverachtende Ideologie und viel ökonomisch Fragwürdiges über Wirtschaft und Unternehmertum in Predigten, Fürbitten und Religionsbüchern, und zwar nicht nur aus fehlender Einsicht, sondern auch wegen des Mangels an Bereitschaft, die ökonomische Sachlogik zur Kenntnis zu nehmen.

Unvollkommenheit der Marktwirtschaft

Der entscheidende Konflikt zwischen marktwirtschaftlichem Denken und dem Wirtschafts- und Gesellschaftsverständnis vieler Vertreter der katholischen Kirche wurzelt in der Übertragung ihres aszendenten Menschenbildes und der Heilserwartung, auf diese unsere Erde. Zwar hat schon der Kirchenvater Augustinus dem utopischen Denken eine Absage erteilt und Christen kritisiert, die versuchten, die Gesellschaft in ein nach ihrer Meinung ideales Muster zu pressen, statt jenen Freiraum zu schaffen, in dem sie sich so verhalten könnten, wie sie es für richtig hielten; trotzdem bleibt der Utopismus in der katholischen Kirche weit verbreitet. Viele Aktivisten nehmen dabei die alte Lehre der Kirche, dass als Folge der Erbsünde alle menschlichen Institutionen unvollkommen seien, zum Ausgangspunkt ihrer ordnungspolitischen Überlegungen.

Nun ist die Diagnose der Unvollkommenheit der Marktwirtschaft völlig richtig. Man sollte daraus aber nicht den Schluss ziehen, man könne die Ergebnisse des marktwirtschaftlichen Prozesses durch Interventionen aller Art doch irgendwie «perfektionieren». Vielmehr sollte man einerseits folgern, die real existierende Marktwirtschaft sei noch stärker auf ihre innere Sachlogik auszurichten, und man sollte anderseits die Bescheidenheit aufbringen, zu akzeptieren, dass vieles in der realen Welt unbefriedigend bleiben muss. Viele Pfarrer und Gläubige huldigen dagegen einem Nirwana- oder Paradies-Ansatz. Sie können oder wollen offenbar nicht einsehen, dass das Reich der himmlischen Gerechtigkeit eben nicht von dieser Welt ist und sich die soziale Frage auf dieser Welt somit nicht vollständig lösen lässt. Und sie begreifen wohl auch nicht, dass auf dieser Welt nur die Wahl zwischen zwei unperfekten Lösungen besteht, jener einen, bei der die Verteilung von Einkommen und Vermögen zu einem grossen Teil von Zufällen und ein wenig von der persönlichen Leistung abhängt, und jener anderen, bei der die Verteilung ebenfalls von Zufällen und daneben vom Entscheid — und der Willkür — weniger abhängt. Der Glaube, die zweite Lösung, also eine politisch kontrollierte Wirtschaft, sei weniger zweigleisig, weniger verschwenderisch, weniger auf Nebensächlichkeiten und mehr auf Grundbedürfnisse ausgerichtet, mit einem Wort: rationaler, dieser Glaube erfreut sich indessen leider in der katholischen Amtskirche einer fatalen Beliebtheit.

Staatlicher Zwang zur Solidarität

Der Traum von der vollkommenen Wirtschaftsordnung hat auch damit zu tun, dass vielfach moralische Appelle an den Einzelnen in Vorstellungen von der Ordnung der Wirtschaft und Gesellschaft einfliessen. In «Centesimus annus» wird zwar durchgehend relativ klar zwischen den sozialen und kulturellen Entwicklungen innerhalb der Marktwirtschaft einerseits und der Marktwirtschaft als Ordnungsrahmen der Wirtschaft anderseits unterschieden — aber an der Basis scheint diese wichtige gedankliche Trennung nicht angekommen zu sein. Viele moralische Forderungen lassen sich jedoch kaum positiv in den Rechtsordnungen verankern. So sehr der alte christliche Grundsatz der Solidarität einen zentralen Wert darstellt, dem man als Christ nachleben sollte, muss eine St. Martins-Ethik des Teilens als Basis einer Wirtschaftsordnung letztlich in die Armut aller führen. Trotzdem wird von kirchlichen Kreisen immer wieder unter dem Banner der Solidarität auf eine Ausweitung staatlicher Sozial- und Entwicklungshilfe gedrängt. Das ist nicht nur nicht sachgerecht, sondern es hat auch mit Solidarität und Moral wenig zu tun, jedenfalls nicht bei jenen Steuerzahlern, die freiwillig gar nichts oder nicht so viel oder nicht für diesen Zweck gespendet hätten. Sie handeln ja nicht aus innerer Überzeugung, sondern werden von der Mehrheit gezwungen, einen Teil ihres Einkommens oder Vermögens für den vermeintlich guten Zweck abzugeben.

Letztlich kranken viele normative katholische Aussagen über die Ordnung der Wirtschaft am fehlenden Realismus — auch des Menschenbildes. «Ni ange, ni bête», hatte Blaise Pascal den Menschen charakterisiert und hinzugefügt, erst der Versuch, aus Menschen Engel zu machen, lasse sie zu Bestien werden. Die Marktwirtschaft baut auf dem Normalmenschen auf und zieht «stets den sündigen Charakter des Menschen in Betracht» (Michael Novak). Demgegenüber ist das Insistieren auf einer vollkommen gerechten, in ihren Ergebnissen praktisch makellosen Wirtschaftsordnung, die auf einer Moral gründet, die wesentlich höher ist als die durchschnittliche, dem Menschen gemässe, nicht nur ein Denkfehler — es schadet der Sache der Marktwirtschaft und der Freiheit. Die Römische Kirche und viele überzeugte Christen leisten dazu ihren Beitrag.

Freiheit als Voraussetzung von Moral

Neben der Frage, ob der Katholizismus der Marktwirtschaft förderlich sei, stellt sich auch die umgekehrte, ob eine freie Wirtschaftsordnung dem Katholizismus zugute komme. Die Antwort auf diese Frage ist wesentlich weniger ambivalent. Trotz vieler wirtschaftsfeindlicher Strömungen in der Katholischen Kirche, die dies offenbar anders sehen, ist die Antwort ein ziemlich eindeutiges Ja.

Die Katholische Kirche und gewichtige Kreise in dieser Kirche haben allerdings noch zu wenig erkannt, wie sehr sie von einer möglichst freien Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung profitieren, ja letztlich auf sie angewiesen sind. «Möglichst frei» meint dabei jedenfalls freier und marktwirtschaftlicher, als es in Deutschland, Österreich oder der Schweiz heute der Fall ist. Natürlich hat der Katholizismus sich unter vielen Regimen behauptet, unter feudalistisch-merkantilistischen, unter demokratisch-marktwirtschaftlichen, unter totalitär-planwirtschaftlichen und vielen anderen mehr. Aber nur in einer freien Gesellschaft kann sich die Katholische Kirche mit ihrem Werteangebot im Wettbewerb behaupten. Alle einst geschützten Anbieter — und die Römische Kirche war in vielen Ländern lange ein solch geschützter Anbieter — haben zwar zunächst Angst vor dem Wettbewerb, aber sie lernen ihn dann schätzen, wenn es ihnen gelingt, sich zu behaupten und wenn er das bewirkt, was seit je zu seinen segensreichen Wirkungen gehört, nämlich die Anbieter besser zu machen.

Ein zweites kommt hinzu: Nur Handeln in Freiheit kann ethisches Handeln sein. Die Marktwirtschaft bietet solche Freiräume, in denen sich jeder verantwortungsvoll und ethisch verhalten und somit christlich bewähren kann. Caritas im christlichen Sinne beispielsweise ist nur in einer Ordnung möglich, die jedem die Möglichkeit lässt, über sein Geld, seine Zeit, seine Talente, sein Handeln selber zu verfügen. Mit dem häufigen Bemühen kirchlicher Kreise, staatliche Sozialpolitik auszuweiten, wird dieser Freiraum eingeengt und unterminiert, wird die private Hilfe geradezu verdrängt.

Katholizismus und Marktwirtschaft: eine hervorragende Symbiose

Gibt es so etwas wie eine Quintessenz? Mir scheint, vielen Vertretern der Katholischen Kirche gehe letztlich ordnungspolitisches Denken ab. Die Vorstellung, dass Missstände nicht durch gezielte punktuelle Interventionen, sondern einzig durch neue, bessere Rahmenbedingungen behoben werden können und sollten, und dass solche Rahmenbedingungen nicht für jeden Einzelfall, sondern einzig im makroökonomischen Durchschnitt ein bestimmtes Resultat ergeben, widerstrebt offenbar dem utopischen Denken vieler in der Kirche. Dafür kann man sogar ein gewisses Verständnis aufbringen. Weniger Verständnis aufbringen kann man dagegen für den Versuch, die konkrete Gestaltung der praktischen Wirtschaftspolitik diesem Utopismus unterzuordnen. Mitleid, Nächstenliebe und tatkräftige Caritas als Massstäbe individueller Lebensgestaltung sind das eine. Eine liberale Wirtschaftsordnung, die Raum lässt, dieser Ethik nachzuleben, das andere. Sie gehen miteinander eine hervorragende Symbiose ein. Nur dort, wo versucht wird, das eine dem anderen unterzuordnen, geraten Katholizismus und Marktwirtschaft in einen Gegensatz — in einen letztlich unnötigen Gegensatz.


Dieser Text von Gerhard Schwarz ist eine gekürzte und leicht überarbeitete, aktualisierte Fassung seines Aufsatzes «Die Marktwirtschaft und die katholische Kirche», der erstmals 1992 im Buch «Marktwirtschaft Teufelswerk? Die Weltreligionen und die Wirtschaft» (Köln: Informedia) erschienen ist.

Dr. oec. Gerhard Schwarz ist Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und Stiftungsratsmitglied des Liberalen Instituts.

2006

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