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Markt und Moral: Die Positionen von Röpke und Hayek

Hans Jörg Hennecke

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Der Markt ermöglicht den Menschen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, aber auch echte Solidarität und Gemeinschaft.

Ist der Markt eine moralische Anstalt? Friedrich August von Hayek beantwortete die Frage mit einem evolutionstheoretischen Argument: für ihn war der Markt Ausdruck einer Moral, die über die ursprünglichen Instinkte der Menschen hinausgewachsen ist. Im Laufe der Geschichte setzten sich Gesellschaften durch, welche die für eine Kleingruppe angemessenen Verhaltensregeln überwanden und unvergleichlich komplexere, leistungsfähigere und grössere Ordnungen des Zusammenlebens ermöglichten. Dies gelang ihnen durch Moralvorstellungen, die nicht auf konkrete, von allen als verbindlich anerkannte Ziele ausgerichtet waren, sondern sich auf die Einhaltung abstrakter Regeln bezogen, unter denen jeder seinen individuellen Zielvorstellungen nachgehen konnte. Freiheit entfaltet sich nach Hayek nur unter dem Recht, es bedarf einer „rule of law“, die Institutionen wie Privateigentum und Vertragsfreiheit schützt. Die Marktwirtschaft ist in diesem Sinne eine zivilisatorische Errungenschaft, die den Menschen erlaubt, innerhalb einer spontanen Ordnung mit Hilfe freier Preise verstreutes und unbewusstes Wissen zum gegenseitigen Vorteil zu nutzen. Nur in wenigen privaten Bereichen wie der Familie besitzt die Moral der Kleingruppe noch Gültigkeit, so dass die Menschen in verschiedenen Sphären des Lebens mit beiden moralischen Ordnungen, derjenigen der Kleingruppe und derjenigen der Grossen Gesellschaft, zu tun haben. Um so dringlicher war es für Hayek, dass die Freiheit als Ordnungsprinzip durch robuste Verfassungsregeln davor geschützt wird, dass sie zugunsten der instinktmässigen Moralvorstellungen wieder an Terrain verliert. Hayek betonte stets, dass Freiheit die Voraussetzung von Moral ist, denn nur wenn die Handlungen der Menschen auf der Freiheit zur Auswahl zwischen verschiedenen Zielen beruht, sind sie moralisch wertvoll. Wer zu Handlungen gezwungen wird, dessen Verhalten ist moralisch wertlos. Nur wo Freiheit herrscht, kann Moral wachsen.

Anerkennung der Verantwortung

Die moralische Qualität der Marktwirtschaft als Teil einer „Verfassung der Freiheit“ liegt darin, dass sie durch das Zurückdrängen atavistischer Moralvorstellungen eine neue Moral hervorbringt, die allein geeignet ist, ungeheure Menschenmassen in Wohlstand zu ernähren und jedem die Chance gibt, möglichst viele Bedürfnisse zu befriedigen. Allerdings gilt für Hayek auch, dass eine freiheitliche Ordnung nur dort gedeihen kann, wo bestimmte moralische Ansichten anerkannt sind. Dazu rechnet er neben der Anerkennung individueller Verantwortung das Bekenntnis zu einer Gerechtigkeit, die die Entlohnung des Einzelnen davon abhängig macht, welchen Wert seine Leistung für seine Mitmenschen hat. Obwohl Hayek es eher beiläufig thematisiert, ist auch bei ihm die Marktwirtschaft abhängig von Moralvorstellungen, die sie nicht alleine garantieren kann. Da aber die Moralvorstellungen selbst jeweils nur evolutionäre Zwischenergebnisse darstellen, gibt es keine zeitlos gültige Moral, an der die konkreten Ordnungsformen der Gesellschaft zu messen wären.

Tradition der Moralphilosophen

Zum Verständnis der Marktwirtschaft als einer ungeplant gewachsenen Moralordnung und zum Verständnis ihrer institutionellen Bedingungen im Sinne einer „Verfassung der Freiheit“ hat Hayek ebenso Entscheidendes beigetragen wie zur Debatte um die Undurchführbarkeit der Planwirtschaft und zur totalitären Anfälligkeit der Massendemokratie. In der geistigen Tradition der schottischen Moralphilosophie des 18. Jahrhunderts kommt zuallererst ihm das Verdienst zu, den um 1900 zu einem dünnen Rinnsal verebbten Liberalismus als politische Philosophie reanimiert zu haben.

Doch wer nach der Moral des Marktes fragt, wird auch an Wilhelm Röpke nicht vorbeikommen. Während Hayek den institutionellen Bedingungen der Freiheit nachspürte und den Zusammenhang von Recht, Gesetz und Freiheit in den Mittelpunkt einer liberalen Verfassungstheorie rückte, war das Anliegen Röpkes ein anderes: er tritt uns als ein leidenschaftlicher Aufklärer entgegen, dem es um die „Erziehung zur Freiheit“ geht. Als einer der Kronzeugen des 20. Jahrhunderts spürte er intuitiv, dass der ideologische Weltbürgerkrieg gegen den Kollektivismus nicht mit „Radiotruhen, Kühlschränken und Breit­­wandfilmen“, also all den Insignien einer prosperierenden Wohlstandsgesellschaft gewonnen werden könne, sondern dass es einer tieferreichenden Überzeugungsarbeit bedürfe. In der Marktwirtschaft sah er ein zwar unvergleichlich erfolgreiches Mittel zur Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der Menschen, aber sie war ihm kein Selbstzweck. Jenseits von Angebot und Nachfrage gab es für ihn noch mehr: „die ganz unkäufliche Welt jenseits des Marktes, Würde, Schönheit, Anmut, Ritterlichkeit, das Unberechnende, über den Tag und seine Zwecke Hinausweisende.“ In diesem Sinne sah er in materiellem Wohlstand eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung menschlichen Glücks und war insbesondere nicht davon überzeugt, dass jede Steigerung des materiellen Wohlstands auch zu einer Steigerung des Glücks führen müsse. Er bekannte einmal: „Ich möchte lieber ein Tischler im Berner Oberland als Millionär in New York sein.“

Ein leidenschaftliches Plädoyer

Röpkes leidenschaftliches Plädoyer für die Marktwirtschaft war immer eingebettet in ein umfassendes und zeitloses Kulturideal der Humanität, des Dezentrismus und einer aristotelischen Mässigung, das er am ehesten in der Schweiz verwirklicht sah. Keine andere Wirtschaftsform sah er besser als die Marktwirtschaft dazu geeignet, eine solche „Civitas humana“ zu ermöglichen. Mit mehr Sorge als Hayek blickte er den inneren Gefährdungen der Marktwirtschaft ins Auge. Wenn er von den „Zechprellern der Marktwirtschaft“ sprach, so dachte er an einen Missbrauch der Freiheit, durch den die unerlässliche Wettbewerbsordnung von den Kräften des Marktes selbst untergraben und ausgehöhlt werden kann. Markt und Wettbewerb könnten nur bestehen, wo die Beteiligten eine Selbstdisziplin aufbrächten, die von einer politischen Verfassung nur in minimaler Weise gewährleistet werden könne. Der Appetit der einzelnen und der Gruppen müsse durch die lebendige Kraft ethischer Werte in Schranken gehalten werden“, doch diese Kraft erwachse nicht aus dem Markte selbst und dem Spiel der sich in ihm messenden Interessen, so Röpke.

Werte als Voraussetzung

Menschen müssten diese Werte als Voraussetzungen mitbringen, sie müssten in Familie, Kirche, echten Gemeinschaften und durch Überlieferung zu diesen Werten erzogen werden, und es bedürfe einer „nobilitas naturalis“, die diese Werte vorbildhaft vorlebe. Röpke sah den Markt von soziologischen, kulturellen und moralischen Voraussetzungen abhängen, die einerseits nicht aus diesem selbst hervorgehen können und die sich andererseits erst recht nicht unter den Bedingungen einer unfreien, kollektivistischen Wirtschaftsordnung entfalten können. So ging sein „neoliberales“ Programm über das hinaus, was nur-ökonomischen Liberalen geheuer war: Vermeidung von korporatistischer Sklerose, von Kartellen und Monopolen, die Stärkung kommunaler und föderaler Einheiten, breite Einkommensstreuung und Vermögensaufbau zur Eigenvorsorge, das Gedeihen von Familie, Bauerntum und Handwerk als Keimzellen der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, Möglichkeiten einer aktiven Konjunkturpolitik und anderes mehr. Wer über dieses Programm urteilt, darf nie ausser acht lassen, dass Röpke nicht nur vor Übertreibungen und Pervertierungen des Marktes warnte, sondern daß er mit noch viel grösserer Vehemenz denen entgegentrat, die das Heil der Menschheit in deren schleichender Kollektivierung sahen. Nirgends sah Röpke Ökonomismus und Materialismus brutaler und niederwalzender am Werke als bei jenen Sozialreformern, die den Menschen erst recht allein auf seine materiellen Bedürfnisse reduzierten und deshalb eine gigantische Pumpmaschine von Umverteilung und Zwangsvorsorge in Gang zu setzen trachteten. Im bürokratischen Wohlfahrtsstaat sah er den grössten Moralverzehrer überhaupt.

Lehrmeister fürs 21. Jahrhundert

Mit ihren unterschiedlichen Akzentsetzungen und Sichtweisen haben Hayek und Röpke uns als Lehrmeister für das 21. Jahrhundert viel zu bieten: beide lehren uns, dass eine dem Menschen gemässe Gesellschaftsordnung nicht ohne wirtschaftliche Freiheit auskommt und dass der Markt allein schon deshalb eine moralische Anstalt ist, weil er den Menschen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, aber auch echte Solidarität und Gemeinschaft ermöglicht. Und beide lehren uns, dass die Marktwirtschaft eine sensible und störanfällige Zivilisationsleistung des Menschen ist, die für ihre Verankerung und ihr Wachsen eines dichten moralischen Wurzelwerks bedarf, das tiefer als nur in den Bereich von Angebot und Nachfrage reichen muss. Hayek zeigt uns, wie eine Verfassung der Freiheit moralsichernd wirken muss, Röpke steht dafür, dass sich die „Civitas humana“ in den inneren Haltungen der Menschen und in ihrem Mut, für ihre moralischen Überzeugungen einzustehen, entscheidet.

Mai 2006

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