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Mit der Klimaerwärmung leben lernen

Gerhard Schwarz

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Statt sich mit aller Kraft für eine interventionistische Verlangsamung der Klimaerwärmung einzusetzen, sollte man mehr auf die marktlichen und technologischen Entwicklungen vertrauen.

Die Klimaerwärmung ist in allen Köpfen - quer durch alle politischen Parteien - und vor allem in allen Medien. Am heutigen Weltklimatag wird vielerorts während fünf Minuten das Licht gelöscht, demonstrieren Grüne gegen Kohlekraftwerke und zeigen Kirchgemeinden Al Gores «Inconvenient Truth», einen Film, der wegen neun unbewiesener oder falscher Behauptungen in englischen Schulen nur gezeigt werden darf, wenn der Lehrer auf diese umstrittenen Punkte hinweist. In Bali treffen sich diese und nächste Woche Tausende Experten, Politiker und Lobbyisten zur 13. Uno-Klimakonferenz. Und selbst die eidgenössischen Wahlen vom Oktober werden dahingehend interpretiert, dass Parteien mit grünem Anstrich gewonnen, die anderen aber, die das Thema Klimawandel angeblich verschlafen haben, verloren hätten.

Zweifel als Ketzerei

Die Fixierung auf das Thema Klimaerwärmung in der veröffentlichten Meinung ist so gross, dass die Emotionen die Fakten zu dominieren drohen und Überzeugungen mit Wahrheiten verwechselt werden. Da bleibt kein Platz für Zweifler; sie werden schnell als Ketzer abgestempelt und in eine Schweigespirale gedrängt. Die Debatte wird zudem so sehr von Katastrophenszenarien beherrscht, dass eine nüchterne Hinterfragung der vermeintlichen Gewissheiten schwierig wird. Es steht ja, wenn man den malthusianischen Angsttrompetern glaubt, nicht weniger als das Überleben der Menschheit, ja des Planeten auf dem Spiel. Weil es fünf vor zwölf sei, gelte es, sofort zu handeln. Wer diese Einschätzung nicht teilt, gilt als dumm, unverantwortlich oder hinterwäldlerisch - man kann es sich aussuchen.

Nun ist in den reichen Ländern die Umwelt wohl nur winzigen Minderheiten kein Anliegen. Wer schätzte nicht reine Luft, saubere Flüsse, eine blühende Magerwiese, einen naturbelassenen Wald oder die Stille auf einer Bergspitze? Den meisten Menschen ist auch ein gewisser Hang zum Bewahren, ein Konservatismus im besten Sinn des Wortes, eigen. Wenn die Landschaften der Kindheit zerstört, will sagen: stark verändert werden durch eine kaum zu bremsende Bauwut, manchmal sogar nur durch eine neue Bewirtschaftung (etwa Wald statt Weide), geht immer auch ein kleines Stück von einem selbst verloren.

Keine Katastrophe

Doch gerade wegen dieser legitimen Emotionen ist es wichtig, die Umweltdebatte ohne Tabus zu führen. Dabei sollen die Vorhersagen des Weltklima-Rates (IPCC) gar nicht grundsätzlich in Zweifel gezogen werden, obschon in den letzten Monaten die gescheiterten Modellrechnungen der Finanzmathematiker auf einem anderen Gebiet eindrücklich gezeigt haben, wie rasch Prognosemodelle in die Irre führen können. Es lässt sich jedenfalls kaum bestreiten, dass es zumindest in Europa in den letzten drei Jahrzehnten wärmer geworden ist, auch wenn die Meinungen über das Ausmass der Verursachung durch den Menschen auseinandergehen. Dennoch müssen zwei fundamentale Fragen gestellt werden.

Die erste lautet, ob eine Klimaerwärmung wirklich etwas so Böses ist, dass sie mit allen Mitteln verhindert werden muss. Die Antwort hängt auch vom Ausmass der Erwärmung ab. Wahrscheinlich gibt es kaum Menschen, die sich eine um 20 Grad wärmere, völlig andere Welt nur schon vorstellen können, geschweige denn akzeptieren würden. Aber eine Klimaerwärmung selbst von etwas mehr als 2 Grad - die vom IPCC als Grenze der Tolerierbarkeit angesehen wird - dürfte nicht nur in Sibirien oder Kanada, sondern auch in den gemässigten Zonen keineswegs nur als Schreckgespenst empfunden werden. Schliesslich waren die Alpen während der letzten zehntausend Jahre mehrmals nahezu frei von Gletschern. Palmen an den Gestaden des Rheins oder Weihnachten ohne Schnee in den Bergen mögen verstörende Perspektiven sein; Katastrophen müssen es trotz hoher Kosten nicht sein, zumal, wenn diese Veränderungen, nicht über Nacht erfolgen.

Anpassungsfähigkeit

Wichtiger ist die zweite, damit zusammenhängende Frage, man mag sie eine typische Ökonomen-Frage nennen: Selbst wenn man eine Klimaerwärmung von 2 Grad oder mehr doch als gravierender beurteilte, wären die Kosten der Bekämpfung dieses Wandels nicht gleichwohl viel zu hoch, jedenfalls höher als die Kosten des Wandels? Es geht dabei nicht nur um Geld, um die Billionen von Dollar, die es zu investieren gälte, wollte man den weltweiten CO2-Ausstoss bis 2050 tatsächlich mehr als halbieren. Es geht vor allem um die massive Beeinträchtigung von Lebensstandard und -stil im Norden des Planeten sowie um die Beschränkung des Wirtschaftswachstums im Süden. Und es geht darum, ob man mit den Ressourcen, die man zur Bremsung des Klimawandels einsetzt, nicht Sinnvolleres machen könnte. Björn Lomborg, der dänische Statistiker und ehemalige Greenpeace-Aktivist, ist 2004 zusammen mit Experten aus verschiedensten Fachgebieten zum Schluss gekommen, dass man durch den Kampf gegen Aids, Hunger und Malaria sowie durch die Liberalisierung des Handels die Wohlfahrt zumal der Armen am besten steigern könnte. Verschiedenste Klimaschutzansätze, vom Kyoto-Protokoll bis zu einer CO2-Steuer, wurden dagegen als ineffizient beurteilt: Sie kosten mehr, als sie nützen.

Es stellt sich mit anderen Worten die Frage, ob es angesichts der direkten Kosten wie auch der Opportunitätskosten zu rechtfertigen ist, sich mit allen Mitteln gegen die Klimaerwärmung zu stemmen, statt sich auf die Marktkräfte und den technischen Fortschritt zu verlassen. Sollte man nicht stattdessen viel eher mit der Klimaerwärmung leben lernen? Das hiesse etwa Deiche bauen, neues Saatgut entwickeln oder Menschen umsiedeln, so wie man ja auch erdbebensichere Häuser erstellt oder Bannwälder pflanzt. Der Mensch verdankt sein Überleben in erster Linie seiner Anpassungsfähigkeit. Der Glaube, man könne die Klimaerwärmung aufhalten, ist demgegenüber eher Ausdruck einer Hybris, eines übertriebenen Machbarkeitsglaubens.

Mehr Realismus

Dazu kommt, dass das ambitiöse Ziel einer Halbierung des CO2-Ausstosses, auch wenn es noch so vollmundig verkündet wird, schlicht nicht umsetzbar ist. Hier baut der moderne Ökologismus auf ein ähnlich irreales Menschenbild wie einst der Sozialismus. Die Reichen dieser Welt werden nicht bereit sein, auf viel Liebgewonnenes zu verzichten; das aber müssten sie, denn von ihnen würde gemäss «Bali-Plan» sogar eine Senkung der Emissionen um 80% erwartet. Die Armen wiederum werden nicht bereit sein, ihren Lebensstandard zugunsten der Reichen niedrig zu halten. Der Versuch, die Klimaerwärmung aufzuhalten, würde daher zu einem globalen Verteilungskampf führen, der mehr Elend über die Welt brächte als das, was man bekämpfen will. Statt sich mit aller Kraft für eine interventionistische Verlangsamung der Klimaerwärmung einzusetzen, sollte man daher mehr auf die marktlichen und technologischen Entwicklungen vertrauen, die mit der Zeit den CO2-Ausstoss ohnehin bremsen werden, und sich gleichzeitig an die Erwärmung anpassen, um mit ihr zu leben. Beide Strategien lassen sich zwar nicht populistisch nutzen, verdienten aber, weil wesentlich erfolgversprechender, mehr Aufmerksamkeit und - wegen ihres Realismus - auch mehr moralische Anerkennung.

Publiziert in der Neuen Zürcher Zeitung. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Dezember 2007