Ein Denker der Freiheit und der Utopie

Sascha Tamm

Der vor 20 Jahren verstorbene Philosoph Robert Nozick plädierte entschlossen für den Minimalstaat.

Am 23. Januar jährte sich der Todestag des Philosophen Robert Nozick zum 20. Mal. Sein bis heute bekanntestes und einflussreichstes Werk ist Anarchie, Staat, Utopia aus dem Jahr 1974. Darin formulierte er eine systematische Kritik am Hauptwerk eines seiner Kollegen in Harvard, an John Rawls' Eine Theorie der Gerechtigkeit, insbesondere an dessen zweitem, auf die Verteilung von Gütern zielenden Gerechtigkeitsgrundsatz.

Darüber ist viel diskutiert worden. Die Nozickschen Argumente stellen eine zwingende Widerlegung dieses Grundsatzes dar — und jedes anderen, auf einen bestimmten Verteilungszustand gerichteten Grundsatzes. Im Anschluss entwickelte Nozick eine Theorie des Minimalstaates als einziger legitimer, also mit den Rechten und der Freiheit der einzelnen Menschen vereinbarer Staatsform. Doch nicht um diese theoretische Leistung soll es in dieser Würdigung gehen, sondern um einige Aspekte seines Denkens und seines Verhältnisses zur Welt, die in Bezug auf das heutige politische Klima, auf die aktuelle Debattenkultur bedeutsam sind.

Kritik an Rawls und Marx

Der erste Punkt führt uns direkt zu seinem Kollegen John Rawls, dessen Werk er, wie bereits beschrieben, einer fundamentalen Kritik unterzog. Doch er achtete ihn persönlich sehr, und, was noch wichtiger ist, er nahm sein Werk ernst. Er machte es sich nicht leicht mit der Kritik: Er verfolgte die Argumentationsstränge genau, zeigte innere Widersprüche, erkannte Plausibilitätslücken bei Gedankenexperimenten, identifizierte Prämissen, die er dann wieder ins Verhältnis zum theoretischen Ergebnis setzte. So verfolgte er John Rawls?€? Gedankenexperiment des «Schleiers des Nichtwissens», hinter dem Menschen kollektive Entscheidungen fällen sollen, nach und zeigte, dass auch hinter einem solchen Schleier Menschen vernünftigerweise andere Entscheidungen treffen könnten, als Rawls es annimmt. Er tut dies, obwohl er das ganze Entscheidungsverfahren auch auf einer fundamentaleren Ebene kritisiert.

Ähnlich ging er bei seiner Marx-Kritik, die sich auf das Konzept der Ausbeutung bezieht, vor. Wiederum nimmt er die Theorie Schritt für Schritt auseinander, nimmt sie also ernst und dringt in sie ein. Er beschäftigt sich z. B. mit der Arbeitswertlehre im Detail, obwohl sie in seinem theoretischen Modell gar keine Rolle spielen kann.

Er stellt sich zudem einer grossen Herausforderung: Er nimmt anarchistische Ansätze ernst — eine Mühe, der sich sonst nur wenige Philosophen unterzogen haben. Dabei entdeckt er Schritt für Schritt, wie schwer an diesen auf intellektuell redliche Weise vorbeizukommen ist, und bietet dann mit dem Minimalstaat eine Lösung, die zustande kommen kann, ohne die Rechte Einzelner zu verletzen, die für anarchistische Denker der einzige Bewertungsmassstab staatlichen Handelns sind.

Nicht auf die Person, sondern die Sache zielend

Auf diesen Weg nimmt er die Leser, auch die Anhänger von ihm kritisierter Theorien mit. Nozick behauptet nicht, sondern er führt seine Leser über gedankliche Wege, weist darauf hin, wo es Weggabelungen gibt und setzt auch seine eigenen Argumente immer wieder der Kritik aus. Das unterscheidet sich wohltuend von einer Art des Argumentierens, die heute weit verbreitet ist und vor allem auf die Person des Autors abweichender Meinungen zielt und konkurrierende theoretische Ansätze eben nicht ernst nimmt und in sie eindringt, sondern sie von vornherein verwirft.

Nozick selbst war wie viele seiner Zeitgenossen — und viele seiner Kollegen bis heute — zunächst einmal ein Linker, auf Umverteilung und die Erlangung staatlicher Macht ausgerichtet. Doch er blieb dabei nicht stehen, sondern untersuchte, inwieweit sich staatliches Handeln mit individueller Freiheit verträgt: «Die Menschen haben Rechte, und einiges darf ihnen kein Mensch und keine Gruppe antun (ohne ihre Rechte zu verletzen). Diese Rechte sind so gewichtig und weitreichend, dass sie die Frage aufwerfen, was der Staat und seine Bediensteten überhaupt tun dürfen.»

Entgegen einer viel geäusserten Kritik fällt dieses Freiheitspostulat nicht vom Himmel, sondern ist gut fundiert. Es ergibt sich bei Nozick ganz natürlich aus dem Menschsein selbst, aus dem Wesen des Menschen als selbstbestimmtes, oder genauer, zur Selbstbestimmung fähiges Wesen. Jede Verletzung dieser Selbstbestimmung durch andere Menschen wird so zur Verletzung der Rechte eines Menschen und ist nicht legitimierbar.

Fähigkeit zu Utopien

Zu Freiheit und Selbstbestimmung, und damit komme ich zum zweiten Aspekt, der mir für aktuelle Debatten wichtig erscheint, gehört bei Nozick auch die Fähigkeit zu Utopien. Alle Menschen sind in der Lage — und tun das in unterschiedlichem Masse — Entwürfe davon zu entwickeln, in welcher Art von gesellschaftlicher Umgebung sie leben wollen. Damit ist er auf den ersten Blick nahe bei einer heute oft gestellten Frage: Wie wollen wir morgen leben?

Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass Nozicks Denken ganz weit weg ist von dem, was heute an Debatten über die Zukunft geführt wird. Der Unterschied liegt, kurz gesagt, im «Wir». Heutige Debatten richten sich zumeist darauf, wie wir alle gemeinsam leben können, oder genauer gesagt sollten. Die Einheiten, in denen dabei gedacht wird, sind mindestens einzelne Staaten, in immer grösseren Masse aber auch die ganze Welt. Verbunden ist das mit zunehmend kleinteiligen Vorstellungen, wie die einzelnen Menschen leben und zusammenleben sollen. Es geht darum, wie wir alle leben, uns ernähren, konsumieren, arbeiten, miteinander kommunizieren sollen und wie das möglichst detailliert geregelt werden kann. Kurz: Es geht um Utopien für (sehr) grosse Kollektive.

Nozick selbst war auch Utopist. Er hatte Vorstellungen davon, wie Menschen richtig leben und wie eine Gemeinschaft aussehen könnte, in der er gerne leben wollte. Mit derartigen Ideen spielte er immer wieder. Doch er billigte dieses Recht, diese Möglichkeit, auch allen anderen Menschen zu und machte ein Auswahlverfahren für utopische Entwürfe zum Gegenstand seines Denkens. Gleichzeitig war für ihn offensichtlich, dass die Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, welche Formen des Zusammenlebens richtig und anstrebenswert sind. Deshalb erschien es ihm absurd anzunehmen, dass sich alle Menschen auf eine Utopie einigen können. Bezüglich all der Fragen, die man bei der Gestaltung einer Utopie beantworten muss, schrieb er:

«Dass es eine beste zusammengesetzte Antwort auf all diese Fragen gebe, eine beste Gesellschaft für jeden, erscheint mir als unglaubhaft. (Und der Gedanke, wir wüssten auch noch genug über sie, um sie zu beschreiben, ist noch unglaubwürdiger.) Niemand sollte versuchen, eine Utopie zu beschreiben, ohne z. B. die Werke von Shakespeare, Tolstoi, Jane Austen, Rabelais und Dostojewski in frischer Erinnerung zu haben, um nicht zu vergessen, wie verschieden die Menschen sind.»

Daraus folgt für Nozick, dass es keine konkrete Utopie geben kann, oder keinen Staat, in dem den Menschen sehr detaillierte Regeln für ihr Zusammenleben gemacht werden, in dem alle Menschen freiwillig bleiben würden.

Zwei Bedingungen für utopische Gemeinschaften

Gleichzeitig fand er utopisches Denken und das Testen utopischer Entwürfe wichtig und unverzichtbar. So kam er zum Modell der Meta-Utopie des Minimalstaats. Ein Minimalstaat würde den Rahmen bilden für die einzelnen utopischen Gemeinschaften, die letztlich nur zwei Bedingungen erfüllen müssten: Sie dürften nicht aggressiv gegen andere Gemeinschaften sein, und sie dürften keinen Menschen gegen seinen Willen festhalten. Gemeinschaften, die Menschen am Verlassen hindern, fasste er übrigens unter den Sammelbegriff «Ost-Berlin» — ein Beispiel für seinen immer wieder aufblitzenden Witz.

So ergibt sich ein Bild der Vielfalt, in der Menschen all ihre Wertvorstellungen, ihre Phantasien des Zusammenlebens realisieren könnten — wenn sie denn genügend freiwillige Mitstreiter finden. Gleichzeitig hätte jeder Mensch viele Optionen, sich Gemeinschaften anzuschliessen. Übersetzt in unsere reale Welt ist das ein Plädoyer für zweierlei: erstens für Dezentralisierung, und zweitens dafür, viele Dinge, die vielleicht vielen Menschen unrealisierbar erscheinen, auszuprobieren. Nozicks Argumentation zeigt, dass es den einen utopischen Superstaat, in dem alle Menschen mit ihren vielfältigen Wertvorstellungen gerne leben möchten, nicht geben kann. Das Realisieren von Utopien ist nur in kleineren, sich freiwillig zusammenschliessenden Gemeinschaften möglich. In unserer heutigen Welt ermöglicht eine Politik der Dezentralisierung am ehesten, vielfältige utopische Entwürfe zu testen. Der Gewinn an Möglichkeiten und Erkenntnissen wäre beträchtlich.

Das Ausprobieren der Phantasien von Utopisten durch politische Machtausübung über die einzelnen Menschen verletzt dagegen nicht nur deren Rechte, sondern zerstört auch viele Möglichkeiten für Erkenntnisse und neue Ideen, und für ein besseres Leben. In einer Zeit, in der es immer mehr um grosse, stark regulierte Kollektive geht, ist die Botschaft Nozicks wichtig: Lasst eurer utopischen Phantasie freien Lauf — aber probiert euch in freiwilligen Modellen aus und zwingt andere nicht zum Mittun.



Dieser Beitrag ist am 24. Januar 2022 bei Novo erschienen.

Sascha Tamm hat Philosophie, Politikwissenschaft und Physik studiert. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die politische Philosophie des Liberalismus sowie Fragen der Marktwirtschaft und der europäischen Integration.

Januar 2022

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